Home Geheimnisvolle Kräfte bewegen Welt und Mensch

 

 

Ob nicht bis fast auf den heutigen Tag von Philosophen und Theologen ein grundlegender Irrtum begangen worden ist? Es sieht doch beim Betrachten der Geistesgeschichte fast so aus, als müsste «Gott» immer genau dort einspringen, wo man nicht mehr weiter weiss. Manchmal lässt man ihn in vollem Ornat als Weltschöpfer, -beweger und -ordner einherfahren, assistiert oft von guten Geistern aller Art, von seinem Sohn auch – als menschgewordener Geist -, von Engeln und dämonischen Mächten, Energiezentren und lichtvollen Strahlungen. Manchmal öffnet man ihm auch nur verschämt ein Hintertürchen, durch das er sich in ein ausgeklügeltes System einzuschleichen hat und dann den Knopf drücken muss, damit die Sache überhaupt hell wird oder Leben erhält.

 

Man kann Gott auch multiplizieren, und es wird behauptet, in der Frühzeit der Menschen hätten schon alle Völker Gottesvorstellungen gehabt: In jedem Baum steckte ein Gott, in den Tieren, an Quellen und auf Bergeshöhen: überall Götter, Dämonen, Kräfte und eine geheimnisvolle Verwandtschaft der Menschen und der übrigen Lebewesen, ja mit der ganzen Natur. Dafür gibt es neben «Animismus» und «Totemismus» auch die Bezeichnung «Pantheismus». (Wir sehen also hier vom sog. Urmonotheismus ab.)

 

Und siehe da, wir sind mit unserer Behauptung nicht fehl gegangen. Direkte Verweise in philosophischen Wörterbüchern führen uns von letzterem Stichwort zu Idealismus und Spiritualismus, aber auch zu Rationalismus und Positivismus, und fast alle Namen der grossen Denker tauchen da auf, von den Eleaten und Platon bis zu Kant und Hegel. Nicht etwa, dass es daran läge, dass ohnehin in einem Wörterbuch alles auf alles verweist; der Zusammenhang. ist tiefer. Hinter allem menschlichen Handeln und Streben steht die Frage: Woher kommen wir, woraus und wie entstand die Welt, wie spielen ihre Ordnungen, und was sind die Ursachen des Wirkens der Natur?

 

Gesucht wird also nach dem Ursprung der Welt, nach den Gründen der Vorgänge und ihrer Regelung im Organismus des einzelnen, der Lebewesen, der Natur überhaupt.

 

Dies herauszufinden hat nicht nur die «Primitiven» beschäftigt, sondern, auch die schärfsten Geister und edelsten Denker der sogenannten zivilisierten Welt. Sie wundern sich: Wie kommt es, dass überhaupt etwas ist, und nicht nichts? Oder wäre gar alles Trug und Schein? Wissen wir überhaupt nichts, weder von den seienden Dingen, dass sie sind, noch von den nichtseienden, dass sie nicht sind.

 

Von Totem und Tabu zur Magie

 

Nun gut: Huldigen Naturvölker einem Totemismus, so verehren sie ein Totem. Dieses kann ein Tier, eine Pflanze, ein Naturgegenstand, eine Himmelserscheinung oder ein Gegenstand sein, von dem eine bestimmte Sippe der Menschen abstammt. Dieses Totem, dieser Ahne hat übernatürliche Kraft, wirkt als Beschützer und Helfer und darf weder verletzt noch getötet werden, ist heilig.

Eine Abart davon ist der Fetisch, ein lebloser Gegenstand mit magischer Kraft, der als Geist, Dämon oder Gott gilt und dementsprechend verehrt wird; es kann umgekehrt auch der Geist von Fetischmännern in den Gegenstand hineingezaubert werden. Ein Talisman oder Amulett verleiht dem Träger entweder magischen Schutz oder Zauberkraft. (Wer hat nicht ein Maskottchen im Auto, am Arbeitsplatz oder zu Hause?)

Das Tabu gehört auch in diesen Bereich. Es ist eine verehrungswürdige Sache oder Person, die nicht berührt werden darf, da sie entweder eine besondere Kraft (Mana) in sich trägt oder verliehen bekommen hat. In ersterem Fall. ist die Sache oder Person heilig, in letzterem Fall, wo sie nur deren Wirkung. ausgesetzt ist, unrein und gefährlich, z. B. Gebärende und Sterbende.

 

Der Begriff «Magie» liegt bei alledem nahe: eine geheimnisvolle, übernatürliche, verwandelnde Macht, die entweder auf Dinge und Menschen oder auf Dämonen und Geister einzuwirken vermag. Wird die Magie von Alt-Persien und Arabien her bedeutsam in den mystischen Strömungen des Hellenismus und des Neuplatonismus und -pythagoräismus als Zauberei, so verschiebt sie sich bei Paracelsus und Jacob Böhme zu einem Elementarem im Lebensprozess der Gottheit, nämlich zum Vermögen, Ideales in Reales übergehen zu lassen.

Bei Schelling kann das wahre Gute «nur durch göttliche Magie» bewirkt werden, und beim Romantiker Novalis ist Magie die Kunst, «die Sinnenwelt willkürlich zu gebrauchen».

 

Wesentlich jedenfalls daran ist, dass Wirkungen ohne Ingangsetzung von Kausalketten ausgeübt werden. Der «magische Verkehr» spielt sich ausserhalb der leiblich-körperlichen Sinnenwelt ab. Das macht sich etwa der Okkultismus zunutze, der geheime Naturkräfte erforschen und praktischen Zwecken dienstbar machen möchte.

 

Diese verborgenen Kräfte können oft personifiziert und damit beschworen und gerufen werden (vgl. Goethes «Faust») und manifestieren sich dann in Klopflauten, Lichterscheinungen, ja Materialisationen. Womit wir bei der Parapsychologie gelandet wären.

 

Geheimlehren und übersinnliche Kräfte

 

Doch soll man über alles oben Erwähnte nicht gering denken. Es spielt in die Lehren vieler Philosophen und Theologen hinein - auch wenn sie das nicht wahrhaben wollen. Oft wehren sich doch gerade diejenigen gegen Mysterienkult und Geheimlehren, die in einem beträchtlich grossen Winkel ihres Weltbildes ausgerechnet diesen Einlass gewähren mussten.

Jedenfalls haben nicht nur die Vorsokratiker, sondern auch Platon, die Stoiker und vor allem die Neuplatoniker an die Gottheitslehren der Mysterien - die allerdings auch öffentlich sein können - angeknüpft und ihre eigenen Lehren als Einweihung in ein Mysterium dargestellt. Umgekehrt wurde etwa der Lordkanzler Thomas Morus durch Heinrich VIII. als Hochverräter hingerichtet, Giordano Bruno wegen Ketzerei auf dem Scheiterhaufen verbrannt und Spinoza wegen «schrecklicher Irrlehren» aus der jüdischen Gemeinde ausgestossen.

 

Es ist bei Paracelsus das göttliche Vermögen erwähnt worden, das alles, was in ihm verborgen ist, ins Dasein bringt, und bei Schelling gar die göttliche Magie.

Vom Totemismus bis zum Okkultismus ist also das Bemühen nicht versiegt, den Kräften, die die Welt in Gang halten auf die Spur zu kommen. Mögen sie natürliche, seelischer, «magnetischer» (von Thales bis F. A. Mesmer) oder göttlicher Art sein, jedenfalls sind es Mächte.

Macht ist die geistige oder körperliche Fähigkeit zu etwas, zum Sein-Können wie zum Sich-auswirken-Können. Eine Macht vermag einen Zustand oder ein Material zu verändern, sei das eine Krankheit oder ein zu behauender Steinblock, eine soziale Lage oder den eigenen Körper; sie wird erfahren als Kraft im Widerstand.

 

Nun gibt es viele Kräfte, die wir gar nicht immer gewahr werden:. Die Gravitation registrieren wir nur, wenn etwas zu Boden fällt oder wenn wir die Treppe hinunterstürzen; elektromagnetische Kräfte spüren wir nicht, weil wir keine Metallstücke und Drähte in uns herumtragen, doch da in verschwindend kleinen Mengen Metalle in unserem Körper, in den Geweben und im Kreislauf vorhanden sind, unterliegen wir den sogenannten geomagnetischen und bioklimatischen Einflüssen. Von den Kräften in den Atomen wissen wir schliesslich nur durch komplizierte Berechnungen.

 

Sehen wir denn überhaupt Kräfte? Neun, aber wir können sie sichtbar machen mit allerlei technischem Gerät. Sind sie deshalb über-sinnlich? Nein. Wir haben uns daran gewöhnt, sie physikalischen oder chemischen Kräfte zu nennen, die vom Pflanzenwachstum bis zur Kernverschmelzung erforscht werden können. Gibt es nur solche Kräfte? Nein. Es gibt doch Willenskräfte im Menschen, Triebe und Begehren, Liebe auch und Sympathie. Sie alle wirken in uns und bewirken Taten oder schlechte Laune, Kunstwerke und verwegene Autofahrten, Sportrekorde und journalistische Ergüsse.

 

Es ist also eine so einfache Sache nicht, das mit den Kräften. Kein Wunder, dass Magie und Aberglauben bis heute nicht ausgerottet sind – trotz den jüngeren Sophisten und Epikuräern, Karneades und dem Chinesen Wang Tschung, trotz Christus sogar (Kol. 2; Gal. 4).

Wie manche studieren ihr wöchentliches Horoskop, wie manchmal ertappt man sich, dass man hofft «wider bessern Wissens» - es gelinge etwas, sei es das Balancieren eines überladenen Tabletts oder das Einholen einer Verspätung. Wer hat noch nie eine Entscheidung von einem seltsamen Ereignis abhängig gemacht: auf keine Fuge am Trottoirrandstein zu treten, einen Kaminfeger zu sehen oder auch nur ein freundliches Lächeln? Wer war nie erzürnt, wenn der Kugelschreiber streikte, traurig, wenn ein langgeliebter Gegenstand zerbrach, enttäuscht, wenn bei einer Beerdigung kein Donner grollte? Bei Kindern beobachtet man, dass sie gegen den Tisch oder Stuhl oder das Spielzeug treten, wenn etwas misslang. Wie häufig lassen wir der «Gerechtigkeit» willen das Los entscheiden, hoffen täglich auf das «grosse Los»?

 

Nicht universal: Sinn – Ordnung - Rezepte

 

Nun gut. Kehren wir zu unserem Ausgangspunkt zurück: Wurde die Welt überhaupt geschaffen oder besteht sie von Ewigkeit her? Wer oder was hält sie und nach welchen Gesetzen in Bewegung oder hat sie aufgebaut? Ist sie etwa gar nicht in Bewegung? Hat der Schöpfer oder die Schöpfungsmacht die Welt noch weiter unter seiner Obhut und Kontrolle oder ist sie ihrem Schicksal überlassen? Hat sie überhaupt einen Sinn oder keinen, hat der Mensch einen Sinn, mehr Sinn als eine Landschaft, Blume oder Statue oder keinen Sinn, oder einen unsichtbaren Sinn, eine nie auszumachende Bestimmung oder aber eine scharf umrissene Aufgabe?

 

Alle diese Fragen wurden ebenso energisch bejaht wie verneint, mit den verschiedensten Methoden angegangen: mit Gefühl und Logik, mit Versenkung und Zeremonien, mit Mathematik und gläubiger Hinnahme, mit ohnmächtiger Wut oder Tanz und ekstatischer Auffahrt.

Der Antworten sind fast so viele als es Menschen gab und gibt. Manche haben sich zu Geheimzirkeln oder Kampfgemeinschaften zusammengeschlossen, doch jeder dachte still bei sich, dass er doch noch etwas anderes, Besonderes sei. Und das führt uns auf das, was in ehrlicher Bescheidenheit einzig möglich ist: auf uns selbst zurück. Wir müssen uns entscheiden, wofür es auch sei, für den Glauben an, uns, an Gott oder Götter - aber wir müssen die Verantwortung tragen, gegenüber uns selbst, aber auch gegenüber den Mitmenschen, von denen ein jeder ist wie wir und dieselbe Verantwortung auf sich zu nehmen hat.

 

Doch was, wenn jemand diese, mit Berufung auf einen der oben erwähnten Punkte, ablehnt? Ihn gilt es anzuhören, seine Not auch zu unserer Not zu machen, denn - es gibt keine Rezepte. Und wenn auch die Bücher voll sind davon, und Vorträge und Kanzelpredigten uns sicheres Wissen weiszumachen versuchen - es gibt keine universalen Anweisungen, Verordnungen, vielleicht auch keine universale Welt-Ordnung. Auch der unerschütterlichste Glaube hat viele nicht vor dem Kerker, vor Deportation, Zwangsarbeit oder der Gaskammer bewahrt.

 

(geschrieben 8.10.1971;

erschienen in den „Basler Nachrichten“, 21.November 1971)

 




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