HomeModellgeschichte ist Kulturgeschichte

 

Eine Chronik von Modellgebrauch und Modellbegriff

A chronicle of model use - a chronicle of model concept

 

Ein Literaturbericht
zusammengestellt März 2001
August/ September 2008: Präzisierung und Erweiterung der Geschichte der Wörter „modulus“ (lat.) und „modello“ (it.)

 

Bitte öffnen Sie in separatem Fenster zu diesem Artikel: Literatur

 

Siehe auch die ca. 30seitige Kurzfassung: Modellgeschichte ist Kulturgeschichte

Ferner die ca. 30seitige englische Kurzfassung: The Concept of Model and its Triple History

Stark erweiterte englische Version: Model history is culture history

 

Abbildungen

Chronologie der Modellverwendung und -herstellung

Wortgeschichte von "modell", "model", "modèle", "modul(e)", "moule", "mould"

500-1500 Denkmodelle und Verhaltensanweisungen

„Ebenen“ von Modellen in Mathematik und Naturwissenschaften

 

Inhalt (ca. 100 Textseiten)

Was sind Modelle?

Eine Warnung: Begriffsgeschichte ist nicht gleich Sachgeschichte

Vom Bewusstsein, dass wir Modelle verwenden

Wortgeschichte von "modell", "model", "modèle", "modul(e)", "moule", "mould"

Model und Modelle in Mittelalter und Renaissance

Erste Bild- und Modelltheorien

Das Wort "modello"

Die Arbeit mit Modellen

Ab 1542: Modell im Französischen, Deutschen und Englischen

Das Schöpferische im Menschen: Modellieren im Kopf

Die Konkurrenten des Modellbegriffs

1550-1750: Die "Mechanisierung des Weltbildes"

Ab 1600: Der Gebrauch von Modellen in Wissenschaft und Unterricht

19. Jahrhundert: Realität, Anschauung und Theorie in Mathematik und Naturwissenschaften

1800-1916: Auseinandersetzung mit dem symbolischen Erfassen, mit Bildern und Vorstellungen, Zeichen und Fiktionen, Nachbildungen und Scheinbildern

Die Frage nach der Realität

Atomvorstellungen im 20. Jahrhundert

1. Hälfte des 20. Jahrhunderts: Bildhaftes Denken und Problemlösungen

1. Hälfte des 20. Jahrhunderts: Fast Funkstille für Modelle

2. Hälfte des 20. Jahrhunderts: Explosion der Modell-Literatur

Modelle werden entwickelt und diskutiert

Seit 1960: Erneut Forschungen über Imagery, Analogien und Metaphern

1960-2004: Verwirrender Gebrauch von „Repräsentation“

Fazit für die Modellbetrachtung

 

 

Modellgeschichte ist Kulturgeschichte

 

Die Beschäftigung mit Modellen ist die farbigste Art, Kulturgeschichte zu betreiben. Die Schaffung und Verwendung von Modellen gehört zu den elementaren Beschäftigungen des Menschen.

Sogar die neueste Physik ist kulturgeschichtlich, man denke nur daran, dass Begriff und Idee "Atom" etwa 2500 Jahre alt sind oder dass der Begriff "Quark" (im sog. "Standardmodell") dem Roman "Finnegans Wake" von James Joyce entlehnt ist.

 

Die Geschichte des Modellbegriffs in der westlichen Welt ist ebenfalls 2500 Jahre lang.

 

Ebenfalls zu beachten: Die Beschäftigung mit "Modell" ist gleichzeitig eine Entdeckungsreise in das geheimnisvolle und verwirrende Reich der menschlichen Sprache.

 

 

Was sind Modelle?

 

Definition und Funktion von Modellen

 

Folgende Definition ist knapp und präzis und deckt fast alle möglichen Fälle ab:

"Modelle sind vereinfachte Ausschnitte der Wirklichkeit oder Möglichkeit."

 

Modelle sind je nach Blickwinkel entweder Vorbild, Abbild, Entwurf oder Ersatz, aber auch Urbild, Muster und Form, Mass, Typ und Exemplar.

 

Die meisten Modelle sind materielle, grafische oder geistige Hilfsmittel zur Erreichung eines Zieles. Solche Ziele können sein: Spielen oder Bewegen, Regulieren oder Testen, Gestalten und Formen, Planen und Entscheiden, Registrieren, Verdeutlichen und Vermitteln von Kenntnissen, Erklären von Sachverhalten, Ermitteln und Überprüfen von Hypothesen.

 

Eine schöne Formulierung hat Holm Tetens 1986 gefunden, wenn er fragt: "Modelle in der Physik. Ars inveniendi für Strategien der technischen Verfügung über die Natur?"

Seit 1993 spricht man auch von "Models as Mediators" (Mary S. Morgan, Margaret Morrison 1999, 36, 168-196).

 

Modelle werden vielfach spielerisch - in der Wissenschaft: heuristisch (Herman Meyer 1951) oder gnoseologisch (Viktor A. Stoff 1969, 10, 323-328) - gebraucht, sie dienen dem Schaffen und Ausprobieren von Möglichkeiten und dem Erkennen durch Ausprobieren.

Viktor A. Stoff (1969, 32) definiert daher: "Unter einem Modell wird ein ideell vorgestelltes oder materiell realisiertes System verstanden, das das Forschungsobjekt widerspiegelt oder reproduziert und es so zu vertreten mag, dass uns sein Studium neue Informationen über dieses Objekt vermittelt."

 

Müssen Modelle bildhaft sein?

 

Modelle leben vom Drang nach Bildhaftigkeit: Es sind in vielen Fällen Versuche, Sachverhalte möglichst anschaulich (Friedrich Kaulbach 1958; Viktor A. Stoff 1969, 10, 41-45, 279-328; Brigitte Falkenburg 1999), einfach und verständlich darzustellen.

 

Bedauerlicherweise enthalten die meisten Bücher über Modelle keine Abbildungen.

Dabei sind selbst die abstraktesten heutigen Modelle - sei es das Harrod-Domar-Modell in der Ökonometrie (1952) oder das "Honnefer Modell" der Studienförderung in Deutschland (1957), seien es die Weltmodelle der 1970er Jahre (Christian Lutz 1983) oder das "Entity Relationship Model" in der Informatik (Peter Pin-Shan Chen 1977) - immer noch Versuche, Nicht-Sichtbares, z. B. wirtschaftliche Vorgänge oder Lagerströme, Verknüpfungen von Daten oder Elektronenflüsse sichtbar darzustellen, und zwar zum Verständnis der Sache, zum Brauchen, nicht als Selbstzweck.

 

Auseinandersetzungen um Modelle werden rasch emotional, egal, ob es um die Sache Modell allgemein oder um spezifische Inhalte geht. Die Gründe dafür werden durch die nachfolgenden Erläuterungen klar.

 

 

Eine Warnung: Begriffsgeschichte ist nicht gleich Sachgeschichte

 

Wir müssen von mehrerem ausgehen:

 

1.

Die Geschichte eines Begriffs und die Geschichte der damit bezeichneten Sachen sind zweierlei.

 

Gewiss haben schon die Frühmenschen und die Höhlenbewohner Modelle gebaut, erzeugt und verwendet, aber wir wissen nicht, wie sie das nannten. Desgleichen die frühen Hochkulturen und alle Völker des Altertums und des frühen Mittelalters. Immerhin können wir bei den alten Griechen und Römer für die verschiedenen Arten von Modellen vielerlei Bezeichnungen ausfindig machen.

 

Der Modellbegriff in den modernen Sprachen ("modell", "model", "modèle", "modul(e)", "moule", "mould") hat sich erst seit dem Jahr 1000 n. Chr. in mehreren Schritten herausgebildet.

 

2.

Die Geschichte der Sachen selbst ist gar nicht leicht festzustellen.

 

Es kommt einerseits auf die Reichhaltigkeit und Qualität des archäologischen oder archivalischen Materials an, anderseits auf die Darstellung und Deutung desselben. Gerade bei den Höhlenbewohnern und den ersten Hochkulturen ändert sich diese Deutung laufend.

Da gibt es ein breites Spektrum von begründeten Hypothesen bis zu den wildesten Spekulationen. Etwas bösartig kann man dies als "wissenschaftliche Folklore" (André Leroi-Gourhan 1981, 85 u. 165) bezeichnen.

 

3.

Man müsste ernst nehmen, ob der Autor selber von einem Modell spricht oder nicht.

 

Rückblickend können wir alle Auffassungen, "Philosophien", "Systeme" oder "Theorien" als "Modelle" bezeichnen. Doch weder Ptolemäus noch Kopernikus, weder Galilei noch Newton, weder Darwin noch Marx, usw. haben ihre Weltdeutungen oder -entwürfe als "Modelle" bezeichnet.

 

Einer der wenigen, die sich dessen bewusst sind, ist der holländische Ökonomieprofessor Geert Reuten, der 1999 das "Kapital" von Marx analysierte. Er bekennt: "Marx does not use the term model; he uses the term 'schema'. Without necessarily implying that these notions are the same generally, I will use the terms interchangeably in this chapter. The reason is, as I will argue, that Marx's schema may be conceived of as a model in the modern economic sense" (1999, 199).

 

4.

Es gibt viele andere "eigenständig" gebrauchte Begriffe, die dem Begriff "Modell" die Bedeutung oder Teile der Bedeutung streitig machen.

 

Dazu gehören etwa: Darstellung und Repräsentation, Abstraktion oder Konkretion, Vorstellung oder Idealisierung, Illustration, Versinnlichung oder Anschauung, Schema, Gestalt und Konfiguration, Bild, Symbol, Zeichen und Ikon, Metapher und Allegorie, Beispiel und Analogie, Fiktion und Vision, Konzept und Plan, usw.

Beliebt sind auch Prototyp und Archetypus, Paradigma und Exemplar.

Im wissenschaftlichen Sprachgebrauch seit etwa 1600 sind es System und Hypothese, Theorie, Philosophie, Traktat und Prinzipien, Doktrin und Lehrgebäude, Gesetz, Regel, Formel, usw.

 

Zu vielen dieser Begriffe bieten das "Reallexikon Antike und Christentum" (Theodor Klauser 1941-1960), das "Archiv für Begriffsgeschichte" (Erich Rothacker et al. 1955ff) und das "Historische Wörterbuch der Philosophie" (Joachim Ritter et al. 1971-1998) reichhaltig Auskunft.

 

Funk & Wagnalls' "New International Dictionary of the English Language" (1987) gibt für das Englische folgende Synonyme: archetype, copy, design, ectype, example, facsimile, image, imitation, mold, original, pattern, prototype, replica, representation, type; dazu: idea. ideal.

 

Noch mehr Synonyme für das Substantiv "model" hat "Colliers English Dictionary and Thesaurus" (1993), nämlich:

1. copy, dummy, facsimile, image, imitation, miniature, mock-up, replica, representation

2. archetype, design, epitome, example, exemplar, gauge, ideal, lodestar, mould, norm, original, par, paradigm, paragon, pattern, prototype, standard, type

3. poser, sitter, subject

4. mannequin

5. configuration, design, form, kind, mark, mode, stamp, style, type variety, version

 

Synonyme für "mould" sind hier:

1. cast, die, form, matrix, pattern, shape, stamp

2.brand, build, configuration, construction, cut, design, fashion, form, format, frame, kind, line, make, pattern, shape, stamp, structure, style

3. calibre, character, ilk, kidney, kind, nature, quality, sort, stamp, type.

 

5.

Die Sprache lebt im Gebrauch.

 

Daher wäre es wünschenswert, dem realen Sprachgebrauch der wissenschaftlichen Forschern und ihren Alltagsaktivitäten empirisch, d. h. durch Beobachtung und Befragung, nachzugehen.

Solches geschieht seit etwa 1975. Pioniere waren Harry M. Collins, bekannt durch seine "Golem"-Bücher (1991, 1993) und Bruno Latour, bekannt durch seine "Pandora"-Essays (1999). Eine vergleichende Übersicht bietet Karin Knorr-Cetina (1999).

Einen lebhaften Bericht, wie in der Debatte über zwei theoretische Modelle der Quantentheorie das eine "siegte", gibt Andrew Pickering in "Constructing Quarks" (1984).

 

Ähnliches berichtet Peter Louis Galison (1997). Noch mehr auf das Bildhafte in der Wissenschaft ausgerichtet ist der monumentale Sammelband, den er zusammen mit Caroline A. Jones (1998) herausgegeben hat. Der Modelbegriff kommt darin allerdings erstaunlicherweise nicht vor.

Einen anderen Ansatz verfolgt mit Hilfe der kognitiven Psychologie Nancy J. Nersessian (1992, 1993). Wöchentliche Labor-Meetings von Molekularbiologen und Immunologen untersuchte Kevin Dunbar (1995, 1997, 1999).

 

"Doing Physics" beleuchten Martin H. Krieger (1992) und Jed Z. Buchwald (1995).

 

6.

Manche Theoretiker verwenden den Begriff "Modell" gedankenlos.

 

Vielfach verwenden Autoren den Begriff "Modell" so, dass man sich fragt, ob sie sich überhaupt Rechenschaft über seine Bedeutung abgelegt haben, z. B.

·        Martin Frank: Ein automatentheoretisches Modellkonzept für ein fachgebietsbezogenes Simulationssystem zur Untersuchung diskreter technologischer Prozesse. 1979.

·        Jianchi Wie: Modellgesteuerte Szenen-Interpretation durch Fusion von Intensitäts- und Abstandsbildern. Diss. Univ. Karlsruhe 1989.

·        Xiao-Yi Jiang: Ein modellbasiertes Erkennungssystem dreidimensionaler Objekte basierend auf Baumsuche und EGI-Vergleich. Diss. Univ. Bern 1990.

·        Heike Köpke, Hermann Schmidt, Gudrum Schmidt-Naake: Modellverbindungen für reversible Vernetzung. Technische Universität Dresden 1993.

·        Jürgen Becker, Ralf Hartmann, Jörg Hubrich: Das Modell des standortgerechten Kompostes. Universität Bremen 1995.

·        Antje Korsten: Modelling the modelling language. Manchester: University of Manchester 1995.

·        Sabine Georg: Modell und Zitat. Mythos und Mythisches in der deutschsprachigen Literatur der 80er Jahre. Diss. Univ. Hannover 1995; Aachen: Shaker 1996.

·        Raymund Werle, Christa Lang (Ed.): Modell Internet? Frankfurt: Campus 1997.

·        Daniel Frey: Kleine Geschichte der deutschen Lyrik. Mit liebeslyrischen Modellen. München: Fink 1998.

·        Jörg Friedrich, Dierk Kasper (Ed.): Modelle einer rationalen Architektur. Sulgen: Niggli 1998.

·        Uwe Saint-Mont: Kontexte als Modelle der Welt. Subjektive Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie. Berlin: Duncker & Humblot 2000.

Mehrere Autoren haben den Titel gewählt: „Model(l)ing Nature“, z. B. Sharon E. Kingsland (1985), Richard J. Gaylord und Kazume Nishidate (1996), William A. Wallace (1996) und Margaret C. Morrison (1998).

 

7.

Zur Definition eines Begriffs werden meist zahlreiche andere "grosse" Begriffe gebraucht, die ihrerseits genauso definitionsbedürftig sind.

 

Zum Beispiel: "'Modell' heisst in der Logik ein System aus Bereichen und Begriffen, insofern es die Axiome einer passend formulierten Theorie erfüllt."

 

Oder: "Modell <ital.> das, Muster, Vorbild; Nachbildung oder Entwurf von Gegenständen (vergrössert, verkleinert, in natürlicher Grösse). Modell können ausser wirklichen Gegenständen auch gedankliche Konstruktionen sein."

 

8.

Noch schwieriger wird die Lage, wenn man zwei geschichts- und bedeutungsschwere Wörter kombiniert.

 

Das ergibt etwa

·        "Modellvorstellungen" (Carl Friedrich von Weizsäcker 1938; Carsten Bresch 1950; Hans Haalck 1952; Heinrich Dietz 1961 und viele andere)

·        "Vorstellungsmodelle" (Hans Thomae 1961)

·        "learning models" (S. Karlin 1953; Patrick Suppes, Richard C. Atkinson 1960)

·        "self-organizing models" (B. G. Farley 1960) oder sogar

·        "Analogiemodelle" (Hermann Lienhard 1971; Jörg Bernet 1973; Jürgen Golde 1976; Wifried Fiedler 1978; Albert Mülln 1984).

 

Ausserordentlich beliebt sind

·        "System Models" (Robert Chin 1962), im Deutschen ab Mitte der 60er Jahre "Systemmodelle" (z. B. Heinz Ries 1969; Franz Xaver Bea 1979; Matthäus Schobesberger 1986; Manfred Schneider 1993) und

·        "Modellsysteme" (z. B. Karl Netter 1953; Hannelore Fischer, Joachim Piehler 1974; Manfred Pils 1976).

 

Noch extremer sind die Titel von John Peter van Gigch: "System Design Modeling and Metamodeling" (1991), Romuald I. Zalewski: "Similarity Models" (1991), Peter F. E. Sloane: "Modellversuchsforschung" (1992) und H. Paul Williams: "Model Solving" (1993).

 

Seit 1985 ist in Physik und Kosmologie häufig vom "Standardmodell" die Rede (z. B. Herbert Steger 1985; Reinhard Breuer 1993).

 

9.

Dieselben Objekte oder Sachverhalte werden in jeder Sprache anders bezeichnet.

 

Schleiermacher sprach von der "Irrationalität der Sprache" und meinte damit den Umstand, dass Begriffe der einen Sprache (z. B. gr. phantasia) nicht ihre genauen Entsprechungen in den anderen Sprachen haben (z. B. lat. imago; scholast. imaginatio; engl.: idea; frz. idée; dt.: Einbildung, Vorstellung, aber auch Phantasie, Imagination).

 

10.

Es gibt bisher weder eine umfassende Erkenntnistheorie noch eine differenzierte Ontologie der Modelle.

 

Die meisten Gelehrten im 20. Jahrhundert hatten nur die Abbild-Relation des Modells im Visier. Einer der ersten, der dafür die dreistellige Relation Subjekt-Modell-Original herausgearbeitet hat, war Klaus-Dieter Wüstneck (1963). Georg Klaus übernahm sie 1967 in sein "Wörterbuch der Kybernetik".

Dabei wurde seit 1542 "Modell" nicht nur für Entwürfe und Muster aller Art verwendet, sondern auch für geistige Sachverhalte wie die Reformation oder die Weltbilder von Ptolemäus und Kopernikus. Nicht nur nebenbei, sondern ganz bewusst wurde das Wort im Sinne von Vorbild gebraucht, Abhandlungen und Utopien wurden "Modell" genannt, man sprach von Modellen für Lebens-, Staats- und Regierungsformen und im Deutschen von "Modellen von Schuhen und Kleidern".

Das Malermodell und andere Modelle in Kunst und Handwerk werden von der Wissenschaft gerne völlig ignoriert.

 

Eine weiter Frage geht nach der Realität, die "hinter" dem Modell steckt. Und umgekehrt: Was ist die Realität des Modells selbst? Gedanke oder Idee, Hypothese oder Idealisierung? Im Deutschen spricht man häufig von "Vergegenständlichung" (Hypostasierung) und "Objektivität", "Vorstellung" (imaginatio) und "Einbildung" (phantasia).

Im kommunistischen Machbereich sprach man oft von "Widerspiegelung der Wirklichkeit" (Viktor A. Stoff 1969).

 

Interessante Beiträge zu solchen Fragen bringen u. a.: Peter Achinstein (1968), Rom Harré (1970), May Brodbeck (1972), Bernard d'Espagnat (1979), Bas C. van Fraassen (1980), Ronald Nelson Giere (1985), Michael A. Arbib, Mary Brenda Hesse (1986), Rom Harré, Michael Krausz (1986), Frederick Suppe (1989), Werner Diederich (1989), Jerrold L. Aronson, Rom Harré, Eileen Cornell Way (1994), George A. Cowan, David Pines, David Meltzer (1999), Wolfgang Eichhorn (2000).

 

 

Vom Bewusstsein, dass wir Modelle verwenden

 

Modellgeschichte in Kurzform

 

In äusserster Kürze kann man die Modellgeschichte wie folgt darstellen:

 

ab 2,5 Mio. v. Chr.    Schaffung und Verwendung von realen und mentalen Modellen (Werkzeugherstellung, Essensbeschaffung, Behausung, Sozialleben, ab 1,5 Mio. v. Chr. Feuerunterhalt; ab 500 000 v. Chr. Kalender, Sprache, Kannibalismus, Kult)

30 000 v. Chr.           "creative explosion" (Kunst, Skizzen, Waffen, Schmuck, Instrumente)

ab 6000 v. Chr.         viele gut erhaltene Modelle in Osteuropa, später Ägypten und Sumer (Haus- und Tempelmodelle, Kultschreine, Töpfereien, Siegelstempel, Kupferguss)

ab 3000 v. Chr.         Mythen, Grundrisse, Spielsachen, Gärten, Prozessionen mit Modellen

ab 750 v. Chr.           schriftliche Zeugnisse über Modellgebrauch (Bibel, Griechen, Römer)

ab 540 v. Chr.           Ansätze zu Reflexion auf Modellbildung (Xenophanes, Platon)

ab 1000                     fünffache Entwicklung des Begriffs "modulus"

ab 1092                     erste Reflexionen auf Modellbildung (Nominalismus; Hugo; Grosseteste; Scotus, Ockham; Kues)

ab 1357                     Herausbildung des Modellbegriffs beim Dombau zu Florenz

ab 1450/60                Modellmethode (Alberti, Filarete)

ab 1542                     Modellbegriff im Französischen, Deutschen und Englischen

ab 1840                     Anschaulichkeit und Analogien in den Naturwissenschaften

ab 1942                     Reflexion auf das Modelldenken.

 

 

Theologische und wissenschaftliche Eiferer

 

Von "falschen Vorstellungen" sprachen in 16. und 17. Jahrhundert manche Theologen. Die Katholiken (z. B. Giacomo Moronessa 1555) bezichtigten die Reformierten der Häresie, die Puritaner (William Perkins 1607, John Sheffield 1659, John Owsen 1682) umgekehrt die Anhänger des Papstes.

 

Eine andere Art von Reflexion finden wir zu Beginn der neuzeitlichen Wissenschaft bei Francis Bacon in seiner Idolenlehre (1620), der Lehre von den falschen Vorstellungen oder Begriffen, die sich die Menschen machen. Er unterschied insbesondere "vier Arten von Vorurteilsgötzen, die im Besitze des menschlichen Gemüts sind", nämlich kollektive und individuelle "Abirrungen", öffentliche Meinung und Tradition (Reinhard Gammel 1983; Edmund Siegl 1983).

 

Das Bewusstsein verläuft in Schüben

 

19. Jahrhundert: Erste Studien zu Induktion, Zeichen und Symbolen, Fiktionen und Bildern

 

Es empfiehlt sich, zu Fragen der Modellbildung und -verwendung vier Gruppen von Forschern und Theoretikern zu beachten:

·        den Cambridge-Philosophen William Whewell (1840), den amerikanischen Naturwissenschafter und Philosophen Charles Sanders Peirce (1868-1903), den deutschen Philosophen Hans Vaihinger (1911) und den russischen Physiker Nikolai Alekseevich Umov

·        die ursprünglich von der Medizin herkommenden Inspiratoren der modernen Psychologie Rudolf Hermann Lotze (1952), Gustav Theodor Fechner (1860; 1882), Wilhelm Wundt (1862; 1874) und Hermann von Helmholtz (1865; 1867; 1921) mit ihren Theorien der Raumwahrnehmung. Dazu kommen die eigenständigen Aussenseiter: der schottische Philosoph Alexander Bain (1855; 1859), die Engländer Herbert Spencer (1855) und Sir Francis Galton (1883) sowie der amerikanische Mediziner James Rush (1865)

·        den bekannten irischen Physiker John Tyndall (1870) und die französischen Wissenschafter Ernest Royer (1867), Joseph-Florentin Bonnel (1890) und Charles-Ernest Adam (1890) zur Imagination in der Wissenschaft

·        die beiden österreichischen Physiker Ernst Mach (1883, 1902, 1905) und Ludwig Boltzmann (1892, 1902; 1905, 1909), den deutschen Physiker Heinrich Hertz (1894) und den französischen Physiker Henri Poincaré (1902, 1906, 1908).

 

1900-1932: Rolle und Bedeutung von mechanischen Modellen

 

Die meisten Wissenschaftsphilosophen beschränken sich beim Rückblick auf den Modellgebrauch in der Wissenschaft auf die unterschiedlichen Auffassungen von Pierre Duhem (1906) und Norman Robert Campbell (1920).

 

Dabei wäre von Josef Clemens Kreibig (1909), Paul Volkmann (1910), Moritz Schlick (1918), Alfred North Whitehead (1919; 1920; 1926), Ludwig Wittgenstein (1921), Charlie Dunbar Broad (1923), Ernst Cassirer (1923; 1950), Henry Jackson Watt (1925), Edwin Arthur Burtt (1925), Percy William Bridgman (1927), Joshua Craven Gregory (1927), Hermann Weyl (1927), Charles William Morris (1927; 1938; 1946), Hugo Dingler (1928; 1938; 1951), Herbert Feigl (1929), Aloys Wenzl (1929; 1935; 1954), Hans Reichenbach (1931; 1938; 1944), Philipp Frank (1932; 1946; 1949) und Cyril Edwin Mitchinson Joad (1932) noch einiges zum Thema beizubringen.

Etwas später kommen Abram Cornelius Benjamin (1936; 1937), Lizzie Susan Stebbing (1937; 1941) und William Heriot Watson (1938; 1963).

 

(Weitere Literatur gegen Ende dieses Artikels im Kapitel: Und was ist die "Realität"?)

 

1933-36: Logischer Empirismus

 

Der Logische Empirismus (Alfred Tarski; Rudolf Carnap; Morris Raphael Cohen und Ernest Nagel) hat Modelle zunächst nur als Randphänomene der Wissenschaft wahrgenommen. Dabei werden Theorien syntaktisch als uninterpretierte Kalküle oder Axiomensysteme rekonstruiert.

 

1942-50: Entdeckung der Modelle

 

Die gegenwärtige Reflexion auf das Modelldenken und die Verwendung von Modellen lag fast ausschliesslich in den Händen von Amerikanern und Briten sowie einigen wenigen Deutschen.

Sie setzt mit dem deutschen Physiker Jürg Johannesson (1942) und dem schottischen Experimentalpsychologen Kenneth James William Craik (1943) ein. Zu Craik heisst es in einem Bericht über mentale Modelle: "The idea that people rely on mental models can be traced back to Kenneth Craik's suggestion in 1943 that the mind constructs 'small-scale models' of reality that it uses to anticipate events."

Es folgte ein gemeinsam verfasster Aufsatz des mexikanischen Physiologen Arturo Rosenblueth und des amerikanischen Mathematikers Norbert Wiener (1945) sowie ein Buch des in Budapest wirkenden Arztes Anton Fischer (1947).

Ebenfalls bereits 1945 machte sich der Amerikaner Albert Gailord Hart Gedanken über „Model-Building“ und Steuerpolitik, und der Engländer Arthur Percy Rollett reflektierte über mathematische Modelle und Konstruktionen. 1953 schilderte der gebürtige Litauer Gregor Sebba die Konstruktion von theoretischen Modellen seit den Alten Griechen in der Physik und seit Adam Smith in der Ökonomie.

 

In den fünf Jahren 1945-1949 erschienen bereits über 80 Publikationen (Artikel und Bücher), in deren Titel das Wort „Modell“ vorkam.

Die Bewegung war so heftig, dass der Wiener Physiker Erwin Schrödinger schon 1951 in seinem Büchlein "Naturwissenschaft und Humanismus" auf fünf Seiten die "Natur unseres 'Modells'" schilderte.

 

Wortgeschichte von "modell", "model", "modèle", "modul(e)", "moule", "mould"
(Abb. 1)

 

siehe:   Nachschlagewerke für Begriffsgeschichte

 

Im Deutschen wie in allen andern europäischen Sprachen müssen Modell, Model und Modul, resp. "model" und "modèle, "module", moule" und "mould" aus sprachlicher wie historischer Sicht gemeinsam betrachtet werden (Randle Cotgrave 1611; Jacob und Wilhelm Grimm 1885; Godefroy 1888, 1902; Walther von Wartburg 1966; Roland Müller 1980, 1983, 1997).

 

Besonders schön zeigt sich die Vielfalt der Schreibweisen im Englischen. Im "Oxford English Dictionary" (1933) lesen wir folgende Formen für Modell: "modill, moddell, moddel, modell, modle, modull, modil, modelle, model".

 

Ähnlich lesen wir in Zedlers "Universallexicon" (1739): "Modell, Modele, Modello, Modulus, Typus, Exemplar, ein Modell, Vorbild, Abdruck, Form, Muster, Leisten, Richtschnur, oder Vorschrifft, darnach man etwas machet, heisset überhaupt eine jedwede cörperliche Abbildung eines Dinges ins kleine ..."

 

Festzuhalten ist, dass im Englischen rund zweihundert Jahre (bis ca. 1750) besonders auch die Schreibweise "modell" (also mit zwei l) verwendet wurde. Umgekehrt wurde in der deutschen Sprache bis gegen 1800 noch "Model" (also mit einem l) z. B. für Malermodell und Architekturmodell gebraucht.

 

In den Begriffen Modell, Model und Modul, resp. "model" und "modèle, "module", moule" und "mould", wie sie sich seit dem Jahr 1000 herausbildeten, verflechten sich fünf Bedeutungsfelder.

 

Fünf Bedeutungsfelder

 

Das erste Bedeutungsfeld geht auf das griechische Wort "metron" (Massstab, Mass, Grenze) und das lateinische "modus" (resp. in der Verkleinerungsform: "modulus") zurück. Die Grundbedeutung ist Mass in einer doppelten Bedeutung, als Einheit (Inhalt) und als Messinstrument (Massstab).

 

Das zweite Bedeutungsfeld geht auf das griechische Wort "typos" (Form, Skulptur, Gussform, Geformtes) zurück, lateinisch "forma" (Figur, Gussform, Abdruck), aber nicht: typus.

 "Typus" wird bis heute gebraucht, unter anderem als Prägeform, geprägte Form und Ausprägung sowie als" Type" (gegossener Metall- oder Druckbuchstaben, dt. "Letter", frz. "modèles des caractères"; engl.: printing types oder letter-forms).

 

Das dritte Bedeutungsfeld geht auf das griechische Wort "paradeigma", lateinisch "exemplar" zurück und wurde gebraucht für kleinmassstäbliche Darstellungen von Bauten, Schiffe und Maschinen, aber auch für das (meist männliche) Malermodell.

Die Verwendung von Architekturmodellen ist seit Herodot (450 v. Chr.) belegt. Teilmodelle - aus Wachs bossierte Rosetten und Blattschmuck - sind für die Decke des bald darauf erbauten Erechtheions auf der Akropolis belegt. Wie damals auch Bauausschreibungen und Wettbewerbe mit der Einreichung von Plänen wie Modellen aller Art durchgeführt wurden, beschreibt Otto Benndorf (1902), ferner dass "Modelle von Städten, Festungen, Schiffen und Belagerungsmaschinen" auf Wagen oder Bahren bei römischen Triumphzügen vorgeführt wurden

Freilich wurde das Wort auch abstrakt gebraucht. Aristoteles kritisiert in seiner "Metaphysik" (991a21) die Platonische Ideenlehre: "Wenn man aber sagt, die Ideen seinen Vorbilder/Musterbilder (paradeigmata) und das Andere nehme an ihnen teil, so sind das leere Worte und poetische Metaphern" (vgl. auch 1013a27).

 

Der Wissenschaftstheoretiker Thomas S. Kuhn hat in den 50er Jahren das Wort Paradigma wieder hervorgekramt, allerdings in einer Spezialbedeutung, etwa im Sinne von "herrschender Meinung"; die Kulturanthropologen sprechen von "belief system". (Kuhn "glaubt" von den Paradigmata, "dass sie allgemein anerkannte wissenschaftliche Leistungen sind, die für eine gewisse Zeit einer Gemeinschaft von Fachleuten Modelle und Lösungen liefern" 1973, 11)

Im Deutschen gibt es bis heute die Wendungen "ein Exempel statuieren", "die Probe aufs Exempel machen", "ein Belegexemplar erhalten" und "ein seltenes/besonders schönes Exemplar".

 

Das vierte Bedeutungsfeld ist am vielfältigsten. Es geht auf die philosophisch schwer befrachteten griechischen Ausdrücke "idea" und "eidos" (Gestalt, Form, Idee, Urbild, Bild), "eidolon" (Abbild, Trugbild) und "eikon" (Bild) zurück. Im lateinischen werden dafür "imago" und "effigies" (Bild, Vorbild, Abbild, Vorstellung) verwendet (Lexikon der Kunst 1987-94).

Auch lat. "species" gehört in seiner Bedeutungsfülle (Aussehen, Bild, Schein, Idee, Musterbild, Art) hierher, desgleichen "simulacrum" (Abbild, Muster, Puppe, Schatten-, Traum-, Trugbild, Charakterbild).

 

Das fünfte Bedeutungsfeld betrifft plastische Darstellungen. Das gr. Verb "keroplasteo" (aus oder in Bienenwachs formen") kommt je einmal bei Hippokrates und Eubulus Comicus (um 400 v. Chr.) vor. In Platons Dialog "Timaios" schafft Gott den Körper des Menschen wie eine "Wachsmodellierer" ("keroplastes"). In den anakreontischen Schriften heisst dieser Beruf "kerotechnes". Die geformten Objekte haben aber keinen speziellen Namen.

Erst im Zuge der Wiederentdeckung des Griechischen am Ende der Aufklärung kam das Wort in die neuen Sprachen, ca. 1770 ins Italienische als "ceroplàstica" (vgl. La ceropastica 1977), kurz nach 1800 ins Englische als "ceroplastic", ins Französische als "céroplastique" und ins Deutsche (eventuell viel später) als "Zeroplastik".

 

Philon, der Mechaniker (um 200 v. Chr.) braucht einmal das gr. Verb "proplasso" im Sinne von "formen"; gr. "proplasma" kommt erst in der Römerzeit einmal bei Cicero als "roher Entwurf" und einmal bei Plinius als "Tonmodell für eine Skulptur" vor.

Für alle Arten von "Wachsbildern" brauchten die Römer häufig "cera" (Julius von Schlosser 1911; Reinhard Büll, Ernst Moser 1974; Charlotte Angeletti 1980; Lexikon der Kunst 1987-94). Mit Wachs-Abgüssen (effigies) von Köpfen Verstorbener betrieben sie einen regelrechten Totenpomp.

Goethe berichtet in "Wilhelm Meisters Wanderjahren" (3. Buch, 3. Kap., 1829) über die Anfertigung plastischer Modelle in der Anatomie und schuf für deren Hersteller den Kunstbegriff "Proplastiker".

 

Die dreifache Entwicklung des Begriffs "modulus"

 

Ausgangspunkt für die genaue Betrachtung des Modellbegriffs ist das lateinische Wort "modulus". Es wurde dreimal in die europäischen Sprachen aufgenommen (Walther von Wartburg, 1966):

·        zuerst vom 11.-14. Jahrhundert für Muster, Vorlage und Gussform als "Modul" und "Model" ins Deutschen, als "modle", "molle", "mole" und "moule" ins Französische, als "mòdano" ins Italienische und als "mould" ins Englische.

·        in einem zweiten Anlauf im Sinne des Vitruvschen Masses über das italienische "mòdulo" (13. Jh.) um die Mitte des 16. Jahrhunderts als "module" ins Französische und Englische

·        und schliesslich für Architekturmodell und Figur über das italienische "modello" (1357) ebenfalls um die Mitte des 16. Jahrhunderts als "modelle" oder "modèle" ins Französische, als "Modell" ins Deutsche und als "model" oder "modell" ins Englische.

 

Die indogrmanische Wurzel med-: Mass und messen

 

Das lateinische Wort „modulus“ ist die Verkleinerungsform von „modus“. Beide Wörter haben dieselbe Grundbedeutung: Mass, Massstab (Lewis, Short, 1879; von Wartburg, 1966, pp. 18-19). Das lateinische Wort „modus“ geht zurück auf die indogermanische Wurzel med-, die ebenfalls Mass und Messen bedeutet (Julius Pokorny, 1949; William Morris, 1969; Joseph Twadell Shipley, 1984; Calvert Watkins, 1985).

 

In unmittelbarer Nähe von “modulus” und “modus” finden wir gemäss der indogermanischen Wurzel die folgenden Wörter:

  • im Lateinischen: meditor, modestus, moderare, modius (Julius Pokorny, 1949)
    modicus, meditari, meditatum; medicina; etc. (Joseph Twadell Shipley, 1984)

  • im Englischen: modal, mode, model, modern, modicum, modify, modulate, module, modulus, mold, mood, moulage; accomodate, commode, commodious, commodity (William Morris, 1969).

 

 

40 v. Chr.-1750: "Modulus" (lat.): Mass, Rhythmus, Figur, erst ab 1450: kleine Nachbildung

 

„Modulus“ wurde im alten Rom selten gebraucht. Es taucht kurz nach 40 v. Chr. bei Horaz und Varro auf. Horaz hat neben „modulus“ als Mass und Massstab bereits mehrere Bedeutungen im Bereich der Musik: den „modulator“ (Musiker) und das Verb „modulor“ (musizieren, intonieren).

 

Bisher nicht beachtet wurde, dass schon vorher Cicero (55- 44 v. Chr.) und Vergil (in der 5. und 10. Ekloge; 42 und 39 v. Chr.) „modulor“ in Abwandlungen verwendet haben, und zwar im Bereich der Musik wie Rhetorik. In Varros „De re rustica“ kommt „modulus“ nur zweimal vor, und zwar in der Bedeutung „Regel“ und „Grenze“.

 

Der bekannte Architekt Vitruv verwendet „modulus“ in seinen „Zehn Büchern über die Baukunst“ (ca. 23 v. Chr.) an unzähligen Stellen, meist als architektonisches Grundmass, nämlich den halbe Säulendurchmesser. Aber er verwendet auch die Variante modulatio“, und zwar einerseits für die Säulenordung (z. B. die Dorische Methode) oder Proportion (Liber 5, Caput 9, 2-3), aber auch für Tonfall oder Melodie in der Musik (z. B. Liber 5, Caput 4). Für Modelle in der doppelten Bedeutung von Vorbild und Abbild verwendet er „exemplar“ - siehe: Vitruv über Modelle (exemplaria).

In der ersten Übersetzung ins Italienische durch Cesare Cesariano 1521 werden “exemplar” und “exemplum“ überall durch “exemplario” oder “exemplo” übersetzt. Erst die nächste vollständige Übersetzung von Daniele Barbaro 1556 hat für “exemplar” in Absatz 5 von Kapitel 16 des 10. Buches: “modello”.

Die französische Übersetzung von Jan Martin 1547 hat analog “exemplaire” und “exemple”, in Liber X, Caput 16: “modelle”. Die deutsche Übersetzung von Rivius (1548) hat „Muster oder Model“ (sieh weiter unten).

 

In Charlton T. Lewis, Charles Short „A Latin Dictionary“ (1879) finden wir:

modulus, i, m. dim. [modus], a small measure, a measure.

I. Lit.

2. In archit., a module

3. In aqueducts, a watermeter

4. Rhythmical measure, rhythm, music, time, metre, mode, melody

II. Trop.

 

Im "Thesaurus Linguae Latinae" (Vol VIII.2, ca. 1970) werden für "modulus" folgende Bedeutungen mit unzähligen Belegstellen angegeben:

I.                     mensura

A. de quantitate, quae mensuratur

1. pertinet ad corporea

a)     de numero

b)     de amplitudine spatiorum

c)      de pondere

2. pertinet ad incorporea

a)     usu generali

b)     sensu diminutivo

B. de mensura, qua metimur

1.      generatim

a)     pertinet ad hominum vitam moresque

b)     pertinet ad liquores

c)      pertinet ad incorporea

2.      speciatim (i. q. forma, exemplum)

II.                   ratio ac via, species

A.     rerum

B.     hominum

 

Tibull (ca. 20 v. Chr.), Plinius (77 n. Chr.), Gellius (um 150) und Apuleius (um 170) brauchten „modulor“ resp. „modulatus“ und „modulus“ für Töne in der Rhetorik und Musik, z. B. für Rhythmus und Wohlklang. Plinius und Gellius gebrauchten „modulus“ zusätzlich im Bereich der Medizin für den Puls (“arteriarum pulsus … in modulos certos”).

Horaz prägte die Formel: „metiri se quemquem suo modulo ac pede“ („sich halten nach seinem Mass und Vermögen“; Thesaurus Eruditionis, 1572; „sich nach seinem Mass messen, d. i. mit seinem Stande zufrieden sein“, Karl Ernst Georges), Apuleius steuerte die Wendung „pro modulo meo“ („nach meinen Kräften“) bei. Der homo "moduli bipedalis“ (Horaz) wird im Deutschen als „zweifüssiges Wichtlein“ (J. H. Voss), „Duodezmännchen“ (Karl Ernst Georges) oder „Dreikäsehoch“ bezeichnet.

 

In seinen zehn Büchern über die Wasserversorgung Roms verwendete der Politiker und Schriftsteller Sextus Julius Frontinus ums Jahr 100 den Begriff „modulus“ rund 30 Mal als Masseinheit. „Moduli“ sind standardisierte Wasserrohre, die es in 25 Grössen gibt.

 

Der Kirchenvater Tertullian (um 200) braucht das Wort mindestens in sieben Schriften und in unterschiedlicher Bedeutung. Unter anderem weitet die Bedeutung von „modulus“ auf die kleine Figur aus, welche Bildhauern als Vorlage für eine grössere Skulptur dient („inde circino et plumbeis modulis praeparatio simulacri, in marmor, in lutum uel aes uel argentum, uel quodcumque placuit deum fieri, transmigratura“; NAT. I, 12, 9).

 

Später wird „modulus“ auch von Ausonius (um 350), Ambrosius (vor 400), Augustinus (um 400), Paulus von Nola (um 400) und Fulgentius (um 500) mehrfach verwendet. Nachher wird „modulus“ nur noch selten gebraucht, aber immerhin bis etwa 1750, als Latein aufhörte als Gelehrtensprache zu dienen.

 

Der englische Gelehrte Francis Bacon schrieb sein “Novum Organon” (1620) in Latein, ebenso Leibniz seine “Ars inveniendi” (1669) und seinen “Atlas universalis” (1678), siehe weiter unten.

Einige Gelehrte, beispielsweite Mathematiker wie Carl Friedrich Gauss, schrieben noch 100 Jahre weiter lateinisch, und die katholische Kirche verwendete Latein noch im Vatikanischen Konzil 1962-65.

 

Zu beachten ist: Bis ganz am Ende des Mittelalters wurde das lateinische Wort „modulus“ nie für kleinmassstäbliche Abbildungen, Architekturmodelle oder Malermodelle verwendet wurde – wenigstens soweit wir über schriftliche Quellen verfügen (siehe: Du Cange, 1885; Franz Blatt, 1969; Ronald Edward Latham, 2001). Wer lateinisch schrieb, brauchte dafür stets wie die Alten Römer „exemplum“ (seit Plautus, um 200 v. Chr.) oder „exemplar“ (seit Lukrez und Cicero, um 50 v. Chr.). Diese Wörter wurden überhaupt für fast alle Objekte in den Bedeutungsbereichen Vorbild und Abbild gebraucht (was wir heute „Modell“ nennen) - siehe: Paul Lehmann, Johannes Stroux, 2007.

 

Erst seit 1450 - seit Albertis „De re aedificatoria“ - wird „modulus“ für verkleinerte Abbildungen von realen Objekten gebraucht. Ein prominenter Vertreter ist über 200 Jahre später noch Leibniz. Unmittelbar anschliessend an die Beschreibung der Vorzüge einer Herstellung von "Modulis" für den Festungsbau erwähnt er 1669 in seiner Skizze zur "Ars inveniendi" die in seiner Zeit verbreiteten Modellsammlungen: "de Theatro Naturae et Artis seu de Modulis rerum ipsarum conservatoriis" (G. W. Leibniz 1903, 163).

Wenig später schlägt er in seinem dem "Orbis pictus" nachempfundenen Entwurf eines "Atlas universalis" als Abteilung der Objekte, die den "oculis subjici possunt", vor: "Mechanica, ubi omnis generis Machinae et moduli" (223). Zur gleichen Zeit preist er auch im Detail die Verfertigung von "modulis ligneis (aut cereis)" zur Förderung der Imagination (596f.).

 

 

1. Schritt: Aus "modulus" wird dt. "Model"/ "Modul", frz. "modle"/ "molle"/ "mole"/ "moule", engl. "mould", it. "mòdano"

 

Unter dem Stichwort "Model" behauptet das Grimmsche Wörterbuch ohne Belege, dieses frühe hochdeutsche Lehnwort aus dem Lateinischen sei wahrscheinlich zuerst in der Sprache der geistlichen Baumeister verwendet worden. "Sie lernten das Wort von den namentlich unter Karl dem Grossen ins Land gezogenen römischen und südfranzösischen Werkleuten, denen modulus ein Mass für die Anlegung der Säulen und des Verhältnisses der einzelnen Teile derselben zueinander war, in welchem Sinne es auch der späteren Baukunst verblieben ist, hier wie bei jenen auf Grund Vitruvscher Vorschriften."

 

Eine der ersten Verwendungen von „Modul“ als Regel findet sich bei Notker Labeo (um 1000):

“si conditionalis est (syllogismus),

ubi sunt formule eius,

uuâr sint sîniu modul?“

 

Schon ab1000 ist "Model" - zusammen mit "Modul" - auch in freierem Gebrauch, einerseits abstrakt als Regel, Muster, Form, Vorbild, anderseits als gewerbliche Musterform für Dinge wie Zugnetze und Ziegel, später Schriftstücke (z. B. Verträge), Gewebe und Stickereien. Auch die Druckformen für den Zeugdruck und allerlei Hohlformen für Gusswaren und Gebäcke wurden bald Model genannt.

Zwei schöne Belegstellen gibt es im Minnesang (um 1200):

„nach rehtem model ein zimberman sol mit siten howen, sus

kann uns diu maze leren“

und

„grozer übermuot, daz er dem edeln schöpfer sin

wolte an wirde gar gelichez model schone tragen“.

 

Ganz ähnlich im Französischen "modle" (vor 1100), "molle" (1165), "mole" - z. B. bei Villard de Honnecourt 1235 als Schablone zum Behauen der Steine - und "moule" (ab 1260; sonst: patron) und im Englischen "mould" (sonst: pattern).

Interessanterweise wurde "mould" im Englischen zuerst im abstrakten Sinne gebraucht, als "distinctive nature as indicative of origin" (1225), erst hundert Jahre später wurde es konkret im Sinne einer Gussform ("pattern", 1320) verwendet. Genauso interessant ist, dass sowohl die Hohlform als auch das geformte Objekt (z. B. Käse, Pudding) bis heute als „mould“ bezeichnet werden.

Das italienische "mòdano" taucht im 13. Jahrhundert als Instrument für die Sternmessung auf; erst im 16. Jh. wird es als Mass, Modell und Gussform (für letzteres eher: stampo) verwendet. Seit 1563 wird auch „modanatura“ für "profilatura" oder „elemento decorativo architettonico“ gebraucht.

 

Die dazugehörigen Verben sind im Deutschen „modeln“ (seit dem Minnesang), im Englischen „mold“ oder „mould“ und im Französischen „mouler“.

 

"Moulding" finden wir im Englischen seit 1327, als Ornament oder geformte Leiste in der Architektur seit 1448, als ziselierte Schnitzerei auf Holz oder Metall seit 1679.

„Mollage“ auf Französisch gibt es seit 1415 (droit des mouleurs du bois), „moulage“ seit 1680 (terme de potier), auf Englisch seit 1886, auf Deutsch vermutlich seit etwa 1850.

 

2. Schritt: Aus "modulus" wird it. "mòdulo", frz. und engl. "module"

 

"Mòdulo" kommt im Sinne des Vitruvschen Säulenmasses schon im 13. Jahrhundert im Italienischen vor. "Module" erscheint im Französischen 1547, im Englischen 1583 (oder 1586) und wird z. B. im Englischen nicht nur für "Mass" (measure), "Masseinheit" (standard) verwendet, sondern auch für Entwurf (design), Architekturmodell, Abbild, Vorbild.

 

Im strengen Sinn als "Mass" hat sich Modul durch die ganze Neuzeit gehalten, ähnlich in der Physik als Proportionalitätsfaktor bei Verformungseigenschaften (Elastizität: seit Hooke, 1660/78; Young, 1807), in der Technik (bei Zahnrädern) und in der Mathematik, z. B. bei Logarithmen - seit Roger Cotes (1722, lateinisch) resp. Abraham de Moivre (1756) im Englischen "modulus" -, Kongruenzen, Abelsche Gruppen, usw.

Zum Thema Moduln und Ringe verzeichnet die Deutsche Bibliothek in Frankfurt von 1960-2000 über 150 deutsche Publikationen. Ein gutes Handbuch stammt von Robert Wisbauer (1988). Günter Geisler schrieb eine Dissertation: "Zur Modelltheorie von Moduln" (1994).

 

Der berühmte Schweizer Architekt Le Corbusier (1950) entwickelte in den Jahren 1942-48 den "Modulor", ein architektonisches Grundmass, basierend auf einem 1,83 Meter grossen Menschen.

 

Die Verwendung von "module" für eine standardisierte Baueinheit taucht erst 1946 im Englischen auf; sie hat sich von da rasch in die anderen Sprachen ausgedehnt. Dazu Pierre Bussat (1963), György Kepes (1966), Bernhard Bilger (1992) und "Module und Segmente" (1995).

 

3. Schritt: Aus „modulatio“ wird it. „modulazione“, frz. und engl. „modulation“

 

Vitruv verwendete auch eine Variation von “modulus”: “modulatio” für die Säulenordnungen, aber auch für „rhythmisches Mass“.

 

Im Italienischen taucht „modulazione“ vor 1342 auf und zwar im Sinn von „parlare, cantare, suonare armoniosamente; variazione regolata“. Das dazugehörige Verb heisst „modulare“ (seit vor 1492).

 

„Modulation“ gibt es im Französischen seit 1365 und im Englischen seit 1398. Die Bedeutungen sind „changement d’intensité dans l’émission de la voix“ und „chant d’allégresse, harmonie“ resp. „the action of singing or making music“. Später wurde die Bedeutung ausgeweitet auf: etwas formen nach Mass und Proportion.

Die dazugehörigen Verben sind „moduler“ (1458) und „moduliser“ (1508) im Französischen, „modulate“ (1557 oder 1567) wie auch „modulize“ (1605 oder 1656) im Englischen.

 

Im Deutschen erscheint „Modulation“ 1571 für „Akkordfolge, Übergang einer Tonart in eine andere“. Das Verb „modulieren“ taucht zur selben Zeit auf.

 

Der Gebrauch der englischen Wörter „modulate“ und „modulation“ bei der Nachrichtenübermittlung beginnt 1908. Die Wörter werden rasch auch in den anderen Sprachen verwendet.

 

4. Schritt: Das lateinische „modulus“ wird direkt aufgenommen

 

In die englische Sprache wurde modulus“ zuerst als Vitruvsches Mass aufgenommen (1563). Rund 150 Jahre später führte Robert Cotes „modulus“ als terminus technicus in die englische Mathematik ein – allerdings in einem lateinischen Text. Ins Englische wurde „modulus“ erst um 1800 aufgenommen. Gebraucht wird das Wort bis heute in mehreren unterschiedlichen Bedeutungen in Mathematik und Physik.

 

In die deutsche Mathematik führte „modulus“ Carl Friedrich Gauss in seinen lateinisch geschriebenen „Disquisitiones arithmeticae“ (1801) ein. In deutschen Texten verwendete erstmals 1847 der Mathematiker Eduard Heine „Modulus“. Der Nachfolger auf dem Lehrstuhl von Gauss in Göttingen, Peter Gustav Lejeune-Dirichlet, benützte in seinen posthum herausgegebenen „Vorlesungen zur Zahlentheorie“ (1863) gleichermassen „Modulus“ wie „Modul“.

Das Wort „modulo“ findet sich im Deutschen z. B. bei Ernst Eduard Kummer (1847); es wurde später auch im Französischen und Englischen (1887) verwendet.

 

 

Model und Modelle in Mittelalter und Renaissance

 

0-1200: Bauen nach Modellen und Ideen, aber ohne Zeichnungen?

 

Über die Bemühungen der Baumeister und Künstler seit Vitruv bis etwa 1200 sind wir nur unzureichend informiert. Was anhand von Quellen rekonstruierbar ist, findet sich umfassend und hervorragend dargestellt bei Martin Warnke (1976) und Günther Binding (1993).

 

Bischof Gregor von Nyssa (380 n. Chr.) berichtet in einer Osterpredigt über kleine Wachsmodelle ("holigo cero") für ganze Gebäude; daran sind auch Skulpturformen angedeutet. Beim Bau der Klosterkirche von Saint-Germain in Auxerre (9. Jh.) verfertigen die mit der Ausführung betrauten Künstler zuerst ein Modell aus Wachs ("concepti operis exemplar conficitur...caeris brevibus").

Um 830 sandte der Baumeister Einhard seinem Sohn ein Verzeichnis dunkler technischer Ausdrücke Vitruvs, die dieser sich an einem Kästchen "mit elfenbeinernen Säulen, nach Art der Werke der Alten", welches Abt Eigil verfertigen liess, erklären lassen solle.

 

Architekturzeichnungen sind erst für die Gotik erhalten (ab 1230: Reims, Siena, Villard de Honnecourt). Eine soziologische Erklärung dafür gibt Martin Warnke (1976, 138):

"Den Plan 'im Kopf' zu haben, bedeutet die Verfügungsgewalt über den ganzen Baubetrieb innezuhaben. Die Schriftquellen gehen alle von einer persönlichen Präsenz des Baumeisters am Bau aus. Ein detaillierter Bauriss aber könnte einen Baumeister wenigstens zeitweise entbehrlich gemacht haben."

Im allgemeinen berief sich der Architekt auf göttliche Eingebung (durch Vision oder Traum) oder archetypische Vorstellungen. "In mente conceptum" hiess eine stehende Formel.

 

Eine erste Modelltheorie dazu stellte kurz vor 1228 Robert Grosseteste, Lehrer von Roger Bacon und Kanzler an der Universität Oxford, Bischof von Lincoln, in einem Brief an Magister Adam Rufus auf ("imaginare in mente artificis ... utpote in mente architecti" - Günther Binding 1993, 20-21, 181-182).

 

0-1600: Stiftermodelle

 

Eine kulturgeschichtliche Kuriosität sind die sogenannten "Stiftermodelle" (Julius von Schlosser 1891; Otto Benndorf 1902; Dirk Kocks 1971).

Es gibt etwa 100 Berichte oder Abbildungen von der römischen Kaiserzeit bis 1600. Zuerst findet man sie auf Bronzemünzen (Neokorate): Eine Stadtgöttin trägt ein Tempelmodell auf den Händen. Seit 500 n. Chr. tragen Bischöfe oder Päpste, später Könige auf Mosaiken oder Fresken - später auch auf Gemälden und als Plastiken - ein Modell.

 

Der erste Architekt mit einem Modell findet sich auf einer Grabplatte des Hugo Libergier in der Kathedrale von Reims (1266). Um 1300 werden die Modelle realistischer.

 

Seit dem 6. Jahrhundert: Lustgärten

 

Seit Urzeiten sind Gärten Modelle: Abbilder oder Entwürfe des "Paradieses" oder Abbilder oder Entwürfe der "Welt". Derek Clifford (1962, 16) meint: "It is a world made to our own measure."

 

Ab dem 7. Jahrhundert sind grosszügig ausgestattete Teichgärten in Japan bekannt, die von reichen und meist adligen Grossgrundbesitzern nach chinesischem Vorbild entworfen wurden, und als Lustgärten dienten. Oft waren sie als Miniaturansicht der damals bekannten Welt nachgebildet und mit üppiger Pflanzenpracht ausgestattet.

In der Blütezeit des Amida-Buddhismus wurde ein eher esoterischer Gartenstil bevorzugt, der im Sinne eines "Paradiesgartens" die sagenhafte Inselwelt chinesischer Mystik verkörperte.

Der Zen-Buddhismus, der gegen Ende des 12. Jahrhunderts die Kultur Japans massgeblich beeinflusste, beschränkte diesen in Grösse und Ausstattung überschwenglichen Gartenstil auf eine reduzierte und wieder der weltlichen Natur entsprechende Form. Der Zweck der Gärten wurde nicht mehr zur Unterhaltung, sondern zur besinnlichen Betrachtung und Kontemplation ausgerichtet.

 

Der Sassanidenfürst Chosru I. (oder Chosros I.; um 570) soll wunderbare Gärten bei seinen Lustschlössern in Persien gehabt haben (Hans Sarkoticz 1998).

 

Etwa zur gleichen Zeit wurden im arabischen Kulturraum (auch in Spanien unter den Mauren) der Bau von Gärten mit Blumen, Bäumen und Sträuchern sowie farbigen Fliesen, Wasserbecken und Fontänen gepflegt. Der heute noch beeindruckende Garten "Generalife" in Granada soll vor 1250 angelegt worden sein (Germain Bazin 1988).

 

In dem um 1230 geschriebenen "Roman de la Rose" beschreibt Guillaume de Lorris einen Traum-Garten, den "Garten der Freude". Das Werk wurde 40 Jahre später von Jean de Meun fertiggestellt. Im 15. Jahrhundert wurde er mehrfach reich illustriert.

 

Auch von Jean de Garlande (um 1230) sind Beschreibungen von Gärten erhalten. Er soll in einer Apotheke Gewürze und aromatische Kräuter verkauft haben.

 

Um 1257 beschreibt der grosse Gelehrte Albertus Magnus (im Kapitel "de plantatione viridariorum" im Buch "de Vegetabilibus") neben Obstbaumsorten, Gemüse-, Gewürz- und Arzneipflanzen auch Zierpflanzen wie Hortensie, Lilie, Pfingstrose, Ringelblume, Narzisse und Raute. Als Zierbaum wird der Buchs empfohlen.

 

Bereits 1350 wird bei der Burg de Grafen von Württemberg in Stuttgart ein Lustgarten erwähnt.

 

In einem Bericht über die italienischen Gärten der Renaissance lesen wir:

 

"The earliest stirrings of the Renaissance period were recorded by Boccaccio in 1348 in his 'Third Day of the Decameron'; with his vivid description of the garden at the Villa Palmieri which he reports as having featured arbors, pergolas, formal parterres with geometrically designed flower beds and a central fountain made of white marble.

Not long after Boccacio, Pietro de Crescenzi in a work entitled 'Ruralia commoda' (1306!), writes about the design of gardens and advises that small orchards of fruit trees and small herb and vegetable plots have square borders planted with scented herbs, that all paths should be of grass, that the gardens be surrounded by hedges and walls, that they should contain vined pergolas and have, at their centers, a "lawn" and, if possible, a fountain as well."

 

Im "Menagier de Paris" (1393) findet sich ebenfalls eine Beschreibung von Gärten.

Es ist nicht erstaunlich, dass Leon Battista Alberti in seinem Buch "De re aedificatoria" (um 1450/60) auch den idealen Garten beschrieb.

 

In einem andern Bericht lesen wir:

"Zunächst war die italienische Gartenkunst vom Willen getragen, innerhalb der Natur und mit der Natur zu bauen. Sodann kam der Gedanke dazu, das Wesen und die Gesetze der Natur im Garten darzustellen. Der Garten wurde nun als Erlebnisraum angesehen, dem eine umfassende Harmonie innewohnen und der den Betrachter erstaunen lassen sollte. All dies entsprang der Inszenierung eines Programmes, das in der Gestaltung der Natur Form annahm. Es beflügelte die Vorstellungskraft und regte die Phantasie an."

"Die Hypnerotomachia Poliphili des Francesco Colonna (1499) ist das erste Buch, das am direktesten auf die architektonische Gestaltung des Renaissancegartens eingewirkt hat. Einen ebenso starken Einfluss wie auf die Gestaltung nahm es auch auf Symbolgehalt und geistige Haltung."

 

Das erste deutsche Buch über "Lustgärten und Pflanzungen" erschien 1530 bei Egenolff in Strassburg und bei Steiner in Augsburg. Von grossem Einfluss war das Buch "Tutti l'opera architecttura" von Sebastiano Serlio (1537-1547).

 

Seit 1494 nannte man die nach Mustern schön gestalteten Gärten auf Englisch "knot gardens", seit 1579 auf Französisch "parterres" (Frank Crisp 1966, 65ff).

 

Seit 400: Kinderspielzeug

 

Die meisten Spielzeuge schaffen Modellwelten. Kinderspielzeug ist seit dem frühesten Altertum bekannt.

Da das mittelalterliche Erziehungssystem rau und anspruchslos war, wird man sich auch das Spielzeug ebenso vorstellen müssen.

Weihnachtskrippen werden bereits in Predigten um das Jahr 400 erwähnt, Lappenpuppen (simulacra de pannis) im 8. Jahrhundert. Berichte über mechanisch bewegte Puppen und Vögel gibt es seit dem Jahr 1000 (Indien, Byzanz, Arabien). Im "Hortus Deliciarum" (1175-95) sind zwei Kinder beim Spiel mit Ritterfiguren dargestellt, die sie nach dem Prinzip des Hampelmannes in Bewegung setzen.

Man nimmt an, dass auf den Jahrmärkten seit dem 12. Jahrhundert von fliegenden Händlern Spielzeug angeboten wurde (Antonia Fraser 1966). Doch erst seit etwa 1250 sind erhalten: Frauenfiguren und Fabeltiere aus Ton, die Zinnfigur eines Reiters in Rüstung auf seinem Pferd, ein Wasserkännchen in der Gestalt eines Pferdes.

Die "Bücher vom Schach-, Würfel- und Brettspiel" des Königs Alfons X, des Weisen (1283), belegen nicht nur den hohen Stand der Kunst des Schachspiels, sondern geben auch Einblick in andere zeitübliche Unterhaltungsspiele.

Seit 1300 finden sich einige wenige bildliche Darstellungen, z. B. Steckenpferd, Windrädchen, Kasperltheater (Handpuppenspiel 1338), Drachen (1405) und Papierspielzeug. Szenische Darstellungen mehrerer Spielzeuge gibt es erst seit 1500, berühmt wurden Pieter Breughels "Kinderspiele" (1560).

 

Der erste berufsmässige Puppenmacher ("Dockenmacher") wird in Nürnberg 1413 erwähnt. Die Erfindung des Guckkastens wird Leon Battista Alberti (1437) zugeschrieben. Von einem Puppenhaus (baby-house) wird erst 1558 berichtet, von silbernen Hausgeräten für Kinder 1571. Eine mechanische Weihnachtskrippe mit Musik schuf 1589 der Nürnberger Automatenbauer Hans Schlottheim.

 

Seit 600: Schönheit des Bronzegusses

 

Die Geschichte des Metallgusses reicht bis etwa 4000 v. Chr. zurück. Reich bebilderte Chroniken stammen von Karl Stölzel (1978) und Heinz Wübbenhorst (1984).

Aus dem Altertum sind fast keine Bronzestatuen erhalten, weil sie leicht eingeschmolzen werden konnten.

 

Einen Höhepunkt erlebte der Kunstguss bereits im Mittelalter. Hervorragende Beispiele für Endprodukte sind etwa

·        die Torslund-Plaketten der Wikinger, Bronzereliefs aus dem 7. Jh.

·        die vergoldete Platte mit der Krönung des Langobarden Agilulfs (7. Jh.)

·        die "Wolfstüren" am Hauptportal des Aachener Doms aus der Giesshütte Karl des Grossen

·        die Bronzestatuette von Karl dem Grossen hoch zu Ross (9. Jh.)

·        der "Thron des Dagobert", ein bronzener Faltstuhl aus der Abteikirche von Dt. Denis (frühes 9. Jh.)

·        die Bronzetüren des Doms zu Hildesheim (des Heiligen Bernward 1015)

·        die fast vier Meter hohe Bernwardsäule im Dom zu Hildesheim (1020)

·        das aus Messing gegossene Taufbecken des Rainer de Huy in der Kirche St. Barthélemy in Lüttich (1118)

·        die Bronzetüre des Westportals von San Zeno in Verona (1138)

·        der Burglöwe von Braunschweig (1166)

·        die Bronzetüre der Sophien-Kathedrale von Nowgorod (um 1200)

·        das bronzene Taufbecken im Hildesheimer Dom (1225)

·        die Bronzetüren des Florentiners Baptisteriums (Andrea Pisano 1356)

·        die Bronzerelief von Antonio del Pollaiuolo am Grabmal des Papstes Sixtus IV. (um 1490)

·        das Sebaldus-Grab in Nürnberg, ein Messingguss um 1500.

 

Im 11. Jahrhundert begann die allgemeine Verbreitung der gegossenen Bronzeglocken für den kirchlichen Gebrauch. Gebrauchszinn ist seit dem 12. Jahrhundert in Europa verbreitet. Eisenguss wird seit etwa 1300 praktiziert, zuerst für Grenzpfähle, bald auch für Kanonenkugeln und Geschützrohre. Seit 1500 sind viele bilderreiche Kaminplatten erhalten. Sie wurden mit Holzstempeln (Modeln) geformt.

Das einzige erhaltene Werk, in dem der Guss von Kunstgegenständen beschrieben wird, stammt von Theophilus Presbyter (um 1123). Es ist das erste Lehrbuch für den künstlerisch tätigen Goldschmied und Metallhandwerker.

 

Die Renaissance entdeckte den Menschen wieder, insbesondere den nackten Menschen. Imposant sind die Standbilder und Skulpturen von Donatello ("David" 1440; "Judith und Holofernes" 1455-60), Verrocchio ("Il Condottiere Colleoni" 1490), Michelangelo ("Papst Julius II., nicht erhalten) und Giovanni da Bologna ("Badende Venus" ca. 1580).

 

Leonardo da Vinci hatte mit dem Bronzeguss nicht viel Glück. Er berichtet in seinen Tagebüchern darüber. Von Benvenuto Cellinis "Perseus" (1550) ist das Modell erhalten geblieben. Cellini hat auch genau beschrieben, wie er seine Figuren gegossen hat.

 

0-1500: Druckmodel

 

Ebenfalls eine lange Geschichte haben die Druckformen für den Zeugdruck (Robert Forrer 1894, 1898; Robert Haller 1951; Anne Jean Richard 1968; Alfred Bühler, Eberhard Fischer 1974).

 

In Japan sind schon zur Zeitenwende druckartige Stoffmalereien bekannt. Nach Robert Forrer geht die hellenistische Textilkunst Ägyptens auf das 4. Jahrhundert n. Chr. zurück und zeigt vor allem Direktdrucke auf hellem, ungefärbtem Leinen.

Chinesische Farbdrucke auf Seide sind seit dem 7. Jahrhundert erhalten, ebenso Zeugnisse für den Direktdruck mit Modeln in Europa und in koptischen Gebieten Nordafrikas. Sie weisen eine derartige Perfektion auf, dass man auf eine länger zurückreichende Tradition schliessen kann.

Während in der vorromanischen Zeit Schwarzdruck auf naturfarbenen Leinengründen bevorzugt wurde, hat man später grossen Wert auf Drucke in Gold und Silber gelegt. Die gotischen Bildzeugdrucke waren Andachtsbilder in Holzschnitttechnik.

Manche Drucke dienten auch als Vorlage für Stickereien, das heisst sie wurden von Hand überstickt. Schöne Exemplare sind etwa seit dem 13. Jahrhundert erhalten.

Erste urkundliche Belege für Formschneider, d. h. die Schnitzer der hölzernen Druckmodel, stammen aus dem Jahre 1397 aus Nürnberg und 1398 aus Ulm. Solche Model wurden sowohl für den Textildruck als auch für Blockbücher (aus Holzschnitten und kurzen Texten bestehendes volkstümliches Buch) verwendet. Der Ornamentstich entstand um 1450.

 

Der Druck mit beweglichen Lettern soll um 1000 bereits in China praktiziert worden sein. In Europa führte ihn um 1440 Johannes Gutenberg ein - vermutlich unabhängig von den Chinesen. Er verlor nach dem Druck seiner Bibel Hab und Gut, starb als gebrochener Mann und war bald vergessen.

 

13.- 15. Jahrhundert: Backmodel

 

Eine lange Geschichte haben die Hohlformen für Gusswaren und Gebäcke (Max Währen 1968, 1972; Herbert Kürth 1981; Edith Hörander 1982).

 

Das älteste erhaltene Backmodel (ausser aus dem Altertum) datiert aus der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts und ist aus Kalkstein. Aus dem 15. Jahrhundert haben sich im mittleren Europa bereits etwa 150 Model erhalten, vor allem aus Ton, aber auch aus Schiefer, Speck- und Graphitstein. Repräsentative, grosse Model bis zu 40 Zentimeter Durchmesser gibt es ab 1500. Sie wurden in der Regel in Holz gestochen und für Marzipan, Lebkuchen, Spekulatius und Tirggel (Honigkuchen) verwendet.

 

Seit 970: Model- und Musterbücher

 

Wie Ottfried Dascher (1984, 32) und Shai-Shu Tzeng (1993) klarstellen, muss man unterscheiden zwischen

·        Vorlagen für Kunsthandwerker und Frauen (für Buchillustrationen, Ornamente und Bauteile später Nähereien und Stickereien, Möbel und andere Gegenstände)

·        und "Mustern", im Sinne von Probestücken (vorab von Tuchen und Seiden, später Möbeln und Keramik), für Handel und Verkauf.

 

28 "Modelbücher" mit Bild- und architektonischen Vorlagen aus der Zeit von 900-1470 hat Robert W. Scheller nach seinem ersten Versuch (1963) gut dreissig Jahre später (1995) auf über 400 Seiten akribisch und reich illustriert vorgestellt. Die bekannte Sammlung von Arthur Lotz (1933) mit Musterbüchern für Nähereien und Stickereien schliesst sich daran an.

Wunderschöne Beispiele sind aus dem 11. Jahrhundert das Modelbuch des Mönches Adémar von Chabannes (1025) und aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhundert das "Bauhüttenbuch" von Villard de Honnecourt sowie die "Musterbücher" von Rein und Wolfenbüttel.

Dante (im "Purgatorio", 1321) setzte die Benutzung eines Musterbuchs beim Maler als selbstverständlich voraus: "Come pittor che con esemplo pinga ..."

 

Gemäss Ottfried Dascher ist davon auszugehen, "dass bereits dem späten Mittelalter die Praxis der folgenden Jahrhunderte vertraut ist, von Tuchen Proben (Muster) abzuschneiden und aufzuheben". Schon um 1300 hatte die Florentiner Tuchindustrie Weltgeltung. Es ist leicht vorstellbar, dass die Praxis des Zeigens und Versendens von Mustern (it. "mostra") hier seinen Anfang nahm.

Seit ziemlich genau 1400 gibt es dafür im Deutschen das Wort "Muster" und im Französischen "échantillon".

Laut Dascher ist es dann "nur ein Schritt, diese Muster nach Güte, Farbe und der Art des verwandten Materials (Wolle, Flachs, Baumwolle, Seide) auf Kartons aufzukleben. Das mochte ursprünglich zur eigenen Ausbildung, zur Vervollkommnung eigener Kenntnisse, zum Vergleich, zur Gedächtnisstütze ("pro memoria") geschehen sein, versetzte es doch einen Verleger oder einen Kaufmann in die Lage, fremde Techniken des Webens und Appretierens kennenzulernen und eigene Musterproben zur Anschauung und Qualitätskontrolle aufzuheben.

Die Sammlung derartiger Muster ermöglichte die Anlage von Musterkarten, deren nachträgliche Bindung das Musterbuch. Das konnte in einfachsten Formen geschehen, wie die in den Akten des 17. und 18. Jahrhunderts überlieferten Tuchproben zeigen."

 

Seit 1300: Kleiderpuppen

 

Bereits im 2. Jahrtausend v. Chr. gab es in Babylon Gliederpuppen. Im Grab des ägyptischen Königs Tutenchamon fand man ein hölzernes Torso, das vermutlich als Schneiderpuppe Verwendung fand. Im Alten Griechenland verwendete man Gliederpuppen aus Ton.

An den Höfen der Adeligen im Mittelalter gab es Schneiderpuppen in den genauen Grössen der Herrschaften, damit der Schneider seine Stoffe anpassen konnte, ohne sie zu belästigen.

 

Seit etwa 1300 werden Gliederpuppen von den Künstlern in ihren Ateliers verwendet (Beschreibungen finden sich z. B. in den Schriften von Filarete, um 1450).

Ebenfalls seit dieser Zeit werden Kleiderpuppen in verschiedensten Grössen als Trägerinnen und Botschafterinnen der neuesten Mode eingesetzt. 1396 soll die Frau des französischen Königs Charles VI., Isabella von Bayern, ihrer siebenjährigen Tochter Isabella, die gerade vom englischen König Richard II. zur zweiten Frau auserkoren wurde, eine lebensgrosse Kleiderpuppe mit den neuesten Kreationen des französischen Hofes nach London geschickt haben (andere Quellen nennen die Jahreszahlen 1321 und 1391).

Vor 1600 sandte der französische König Henri IV. seiner Verlobten Marie de Medici kleine, elegant gekleidete Puppen nach Florenz, um sie über die neueste Mode auf dem Laufenden zu halten. Später wurden Pariser Puppen sogar nach Amerika gesandt.

 

Seit 950: Cerae und Effigies

 

Wie die katholische Kirche seit etwa 950 (erste Wallfahrt nach Santiago de Compostela) einen Kult mit Votivplastiken aus Wachs (auch "Boti" genannt) betrieb, schildern etwa Klaus Beitl (1973), Reinhard Büll (1978) und Adolf Reinle (1984).

In seiner Habilitationsschrift über "Bildnis und Brauch" hat Wolfgang Brückner (1966) den magischen Gebrauch der Effigies bei Totenriten und bei Bildzauber (Schändung, Hinrichtung) von etwa 1300 bis1800 beschrieben.

 

Seit 12. Jahrhundert: Künstlerische und anatomische Wachsmodelle

 

Vermutlich ohne Unterbruch seit dem Altertum gab es in den Werkstätten der Künstler stets Tonmodelle und Wachsvorbilder aller Art, insbesondere zum Üben der gestalterischen Fertigkeiten.

Eine byzantinische Miniatur aus dem 12. Jahrhundert ("St. Luc. Atelier d'artiste") zeigt sehr schön, wie antike Masken, eine Statue und eine Säule als Modell verwendet wurden.

 

Man nimmt an, dass erste anatomische Modelle bereits im frühen 14. Jahrhundert angefertigt wurden, und zwar zur Darstellung der Blutgefässe. Dazu wurde geschmolzenes Wachs in sie eingespritzt, und der erkaltete Guss wurde nachher sorgfältig vom umgebenden Gewebe befreit.

Kein Geringerer als Leonardo da Vinci fertigte einen solchen Abguss von Kammern des Gehirns an, um die feinen Strukturen deutlich sichtbar zu machen. Er beschrieb seine Methode sorgfältig in seinen Notizbüchern (T. N. Haviland, L. C. Parish 1970; J. T. Chen et al. 1999).

 

Die Herstellung von aus "Helffenbein" bestehenden Augen- und Ohrenmodellen hat Johann Martin Teuber 1740 beschrieben (auch: E von Philippovich 1960).

Seit 1400: „Muskelmänner“ („écorchés“)

Das gezeichnete oder rundplastische anatomische Modell eines Menschen ohne Haut, wird als "Muskelmann" oder frz. "Ecorché" (abgehäutet) bezeichnet. Die ersten Künstlerzeichnungen stammen von Antonio und Piero Pollaiuolo ("Kampf der zehn nackten Männer", 1465; auch auf 1470 und 1488 datiert) und Leonardo da Vinci (H. Meige 1926; L. v. Szladits 1954).

 

Dreidimensionale Muskelmänner sind laut dem Zeugnis Vasaris (1568) bereits seit dem frühen 15. Jahrhundert angefertigt worden (Boris Röhrl, 2000, 10-11; 79-82). Nach 1550 wurde sie häufiger gebraucht. 1734 schuf der Bildhauer Ercole Lelli zwei lebensgrosse Muskelmänner aus Holz für das „Teatro anatomico dell’Archiginnasio“ der Universität Bologna. Noch Goethe (in seiner „Italienischen Reise“, 1787) war in Rom beeindruckt von einem „sehr schönen Muskelkörper“. Bedeutende Schöpfer von Muskelmännern zu dieser Zeit waren die Bildhauer Edme Bouchardon (in Paris), Jean Antoine Houdon (in Rom), Johann Martin Fischer (in Wien) und Jean Galbert Savage (in Paris).

 

Sie galten als eigenständige Lehrstücke für angehende Künstler. Daher gab es lange Zeit keine erklärenden Texte oder Illustrationen dazu. Erst im Jahre 1586 erschien ein Bildwerk, in dem einige Platten mit Abbildungen von Lodovico Cigoli’s „Bella notomia“ enthalten waren. Bekannt für seine markant übertriebenen Zeichnungen von Muskeln ist der Sammelband von Kupferstichen nach Peter Paul Rubens, die sogenannte „Rubens Anatomy“ (um 1650). Der Künstler erfand sogar neue Muskeln, und er zeichnete manche Körperteile ungenau, um den Figuren mehr Ausdruck zu geben, wie das manche flämische Maler praktizierten (Boris Röhrl, 2000, 101, 120-124, 131). 1679 publizierte der Maler und Graveur Carlo Cesio ein Handbuch „Cognitione de muscoli“, das unter dem Titel der zweiten Ausgabe, „Anatomia dei pittori“ (1697), bekannt wurde. Es wurde ins Deutsche, Französische und Russische übersetzt. 1780 und 1781 fertigte Antonio Cattani drei fast lebensgrosse Radierungen der hölzernen Muskelmänner an, die Ercole Lelli ein halbes Jahrhundert zuvor für die Universität von Bologna hergestellt hatte.

Seit 1530 Musterbücher der Anatomie des Menschen

Musterbücher der Anatomie des menschlichen Körpers tauchen erst nach 1530 auf (Boris Röhrl, 2000, 62-100). Anfänglich handelte es sich nur um einzelne Blätter, nach denen gezeichnet werden musste. Frühe Sammlungen sind das sogenannte Bandinelli-Album im British Museum in London und die Zusammenstellung „Siena MS.S.II.5“ in der Biblioteca Comunale degli Intronati in Siena, welche auf die Zeit um 1550 datiert werden.

 

 

500-1500: Denkmodelle und Verhaltensanweisungen (Abb. 1b)

 

Einige wichtige Weltmodelle, Denkmodelle, Ideen, Ideale und Verhaltensanweisungen des Mittelalters - in Europa und Nahost - waren:

 

  • Stile/ Kulturen

    Byzanz (330-1200), Islam (650-1250), Karolinger (751-987), Normannen (800-1200), Romanik (950-1200), Gotik (1140-1400), Renaissance und Humanismus (1300-1600)

  •  

  • Wirtschaftsformen

    Feudalismus (Anfang 6. Jh.), Dreifelderwirtschaft (6. Jh.), Lehenswesen (merowingische Landschenkungen; Karl Martell 725), Leibeigenschaft, Fron-Dienst, Herrenhof und Fronhof, Städte (ab 1000), Sklavenhandel (Papst Urban II. 1095; Heinrich der Seefahrer 1441), Messen (12. Jh.), private Banken (1163), Franz von Assisi (Armut 1208), Haushalt (Walter de Henley 1250; Leon Battista Alberti 1444; auch Ökologie), Thomas von Aquin (Zinsverbot, Arbeitslehre, Eigentumstheorie 1270), Eigentumstheorie (Aegidius Romauns 1279), Greshamsches Gesetz (Johannes Duns Scotus 1300), Geldwirtschaft löst Naturalwirtschaft ab, Geldtheorie (Nikolaus von Oresme 1350), öffentliche Banken (1401), Börse (1460/85 Antwerpen)

  •  

  • Organisationsformen

    gallofränkische Klerikergilden (6. Jh.), karolinigsche Ortsgilden (2. H. 8. Jh.), Gilden von Berufsleuten, Bruderschaften mit religiösen Zielen und städtische "Kommunen" (alle ab 1000), Zünfte und Lehrlinge (ab 1149); Verschwiegenheitspflicht (1212); Gesellen und überregionale Vereinigungen von Handwerkern (ab 1300), Privatclub (1400)

  •  

  • Verhaltensanweisungen

    Benedikt von Nursia (529), Konstantin VII ("De ceremoniis" 950), Avicebron (1050), "Regimen sanitatis" (1050), Petrus Alfonsi (1120), Petrus Abaelard ("Ethica" 1136), Johannes von Salisbury (1159), Kleidermode (12. Jh.)

  •  

  • Juristische Kodifizierungen

    Justinian (534), "Tabulae Amalphitanae" (12. Jh.), "Magna Charta libertatum" (1215), Eike von Repgow (1232), Accursius (1250)

  •  

  • Schulreformen

    Schulreformen von Alkuin (782), Hrabanus Maurus (850), Fulbert (990), Petrus Hispanus (1270), Pier Paolo Vergerio (1404), Vittorino und Guarino (1423/29: öffentliche Schulen)

  •  

  • Mathematische Konzepte

    Null und Bruchrechnen (Brahmagupta 624), Stellenwert der Ziffern (Al Khwarizmi 830), Trigonometrie (Al Battani 900), arabische Zahlen (Gerbert 990), Lösung kubischer Gleichungen (Omar Khayyam 1100), "Liber abaci" (Leonardo Fibonacchi 1202), doppelte Buchhaltung (Ranieri Fini 1296; Benedetto Cotrugli 1458)

  •  

  • Wiederbelebung der esoterischen Weltsicht:

    "Corpus alichimisticum" (8. Jh.), "Liber de causis" (825), Alchemie (9. Jh.: Geber/Jabir; "Turba Philosophorum"), Neuplatonismus und Astrologie (Al-Kindi 850), Mystik (Hasan al-Basri 680; Johannes Eriugena 870; Bernhard von Clairvaux 1110), Kabbala (Jezira, 9. Jh.; Sohar 1270), Gnosis (Bogumilen 950), Tarot (13. Jh.), erneut Alchemie (Michael Scotus 1220), Neuplatonismus (Marsilius Ficino 1471)

     

  • Andere Weltmodelle

    Weltuntergang (999), Bernhard Silvestris (1148), Hildegard von Bingen (1180), Joachim de Fiore (1190), Sacrobosco (1220/30), Robert Grosseteste (Metaphysik des Lichts 1250), Konrad von Megenberg (1350), Nikolaus von Kues ("coincidentia oppositorum" 1438)

  •  

  • Entdeckung der Individualität

    Gesinnung und Gewissen (Petrus Abaelard 1136; Albertus Magnus 1280), "aktiver Intellekt" (Thomas von Aquin 1270; Albertus Magnus 1280), Primat des Willens (Johannes Duns Scotus 1300; Wilhelm von Ockham 1330; Johannes Buridan 1350), Indivudualität (Dante 1321; Petrarca um 1350; Pico della Mirandola 1486)

  •  

  • Wissenschaftlichkeit

    "Haus der Weisheit" (Bagdad 813), Gerbert (990), Nominalismus (Roscelin 1092; Wilhelm von Ockham 1330; Nicolaus d'Autercourt 1347), Trennung von Glauben und Wissen (Adelard von Bath und Wilhelm von Conches, vor 1150; Alfredus Anglicus 1217; Siger von Brabant 1270; Johannes Duns Sotus 1300), Universitäten (ab 1155: Bologna, Paris, Oxford), Erfahrung (Roger Bacon 1268; Petrus Peregrinus 1269), Platonische Akademie (1459)

  •  

  • Religiöse Ideen

    Missionsreisen und Beichte (Columban 590; 1215 jährliche Beichte), "Fegefeuer" (Gregor der Grosse 593), "Heiliger Krieg" (Mohammed 628; Papst Urban II. 1095), Glockenläuten (800), Prädestination (850: Gottschalk, Johannes Eriugena), Pilgerfahrten (950 nach Santiago de Compostela), Zisterzienser-Kultur (1098), Transsubstantiation (12. Jh.), Maria als "Madonna" (12. Jh.), "Die Frau ist ein Missgriff der Natur" (Thomas von Aquin 1270), "Devotio moderna" (Gerhard Groote 1374), "De imitatione Christi" (Thomas a Kempis 1427)

  •  

  • Religiöse Orthodoxie

    Ketzerei ist ein Verbrechen (Justinian 534), Unauflösbarkeit der Ehe (Ludwig der Fromme 820), Zölibat (1074), Judenpogrome (12. Jh.), Ketzerverbrennungen (12. Jh.), Scheiterhaufen (Friedrich II. 1224), Inquisition (Papst Gregor IX 1231), "Corpus iuris canonici" (Papst Gregor IX 1234), Folter (Papst Innozenz IV, 1252), Hexenhammer (Heinrich Sprenger: "Malleus maleficorum" 1487)

  •  

  • Märchen und Sagen

    "Tausendundeinenacht" (9. Jh.), König Artus und Zauberer Merlin (1135), Gral (ca. 1150; bald mit Lancelot und Parzifal), Tristan (1165); "Legenda Aurea" (Jacobus de Voragine 1273)

  •  

  • Ideale Lebensformen

    Heldenlied ( "Digenis Akritas", 10. Jh., "Ruodlieb" 1050, "Rolandslied" 1090; "El Cid" 1140; "Nibelungenlied 1200), "christlicher Ritter" (Bonizo 1090), Minne, höfisches Leben (Troubadourdichtung seit 1100), Dienst am Menschen (Franz von Assisi 1210), "Humanismus" (ab 1300: Dante, Petrarca, Boccaccio), "Della vita civile" (Matteo Palmieri 1438)

  •  

  • Besondere Verfahren

    Notenlinien (8. Jh.), Notenschrift (Guido von Arezzo 1025), Portolani-Karten (13. Jh.), Landschaftsmalerei (ab 1300: Giotto, Duccio, Lorenzetti), Volkssprache benützen (1321 Dante, Petrarca), geometrische Perspektive (Brunelleschi 1412), Ephemeriden (1412), Globus (Martin Behaim 1492)

  •  

  • Medizin

    "Liber medicinalis Almansoris" (Rhazes 900), Chirurgie (Abul Kasim 1000; Roger von Salerno 1180), "Kanon der Medizin" (Avicenna 1025), "Al-Taisir" (Avenzoar 1160), "Colliget" (Averroes 1169), Chirurgie und Narkose (Theodoricus de Cervia 1266), Beobachtung und chemische Medizin (Arnaldus de Villanova 1300), Anatomie (Mondino de'Luzzi 1316), antiseptische Wundbehandlung (Jehan Yperman 1329), Chirurgie (Guy de Chauliac 1370)

  •  

  • Politische Verfahren

    Volkssouveränität (Manegold 1085), "Domesday Book" (1086 in England: Grund-, Kataster- und Steuerbuch), Parlament (1265 in England); "freiwilliger Unterwerfungsvertrag" (Wilhelm von Ockham 1330)

  •  

  • Kriegsführung

    Schwerter aus Damaszener Stahl (500), "Griechisches Feuer" (Byzanz, 7. Jh.), Reiterei (725), melée (11. Jh.), Kanonen (1324), mobile Langbogenschützen gegen schwerfällige Reiterei (1346)

  •  

  • Denkmodelle

    Schachspiel (500), Dialektik (Berengar von Tours 1050), "Sic et non" (Petrus Abaelard 1140), Kombinatorik (Raymundus Lullus 1303)

  •  

  • Sport und Wettkampf

    Hockey (10. Jh.), "Jeu de paume" ("hand ball", 11. Jh.); Turnier (1135), Fussball (12. Jh.), Cricket (1300), Regatta (1315), Fechten (1410), Golf (15. Jh.)

 

 

Erste Bild- und Modelltheorien

 

Vitruvs Erkenntnisse zu Modellen

 

Am Schluss seiner „Zehn Bücher über Architektur“ hat Vitruv seine Erkenntnisse zu Modellen prägnant zusammengefasst (Übersetzung von Curt Fensterbusch, 1964):

„Es kann nämlich nicht alles nach denselben Methoden ausgeführt werden, sondern es gibt Dinge, die, in grossem Format hergestellt, ähnlich funktionieren wie in einem nicht grossen; andere aber dulden keine Herstellung in einem Modell, sondern können nur in ihrer natürlichen Grösse hergestellt werden.
Manche Dinge aber gibt es, die offensichtlich im Modell möglich sind, die aber, wenn man beginnt, sie in immer grösserem Format herzustellen, (von einer gewissen Grösse an) nicht mehr verwirklicht werden können …
So sieht man es auch bei einigen Modellen. Wie sie in sehr kleinem Format hergestellt werden können und in der gleichen Weise auch in etwas grösserem, so können sie doch nicht in der gleichen Weise und mit derselben Methode in sehr grossem Format ausgeführt werden.“

 

"Repraesentatio" im Mittelalter

 

"Zum Begriff der repraesentatio im Mittelalter" fand 1970 eine grosse Mediävistentagung in Köln statt. Die Referate wurden von Albert Zimmermann (1971) herausgegeben. Umfassend zur gesamten Geschichte des Begriffs informieren Hasso Hofmann (1974), Adalbert Podlech (1984) und Eckart Scheerer (1992, 1993).

Eine grundsätzliche Untersuchung bot in seinem Todesjahr (1907) der Pariser Professor Octave Hamelin, eine phänomenologische ein halbes Jahrhundert später der deutsch-amerikanische Kunsthistoriker Richard Bernheimer (postum 1961).

Der Repräsentations-Theorie in der römischen Literatur widmete L. Schnorr von Carolsfeld (1980) eine Untersuchung, derjenigen in der Spätscholastik M. M. Tweedale (1990), derjenigen in der französischen Literatur des 12. und 13. Jahrhunderts Katharine G. MacCornack (1996).

 

13.-15. Jahrhundert: Vorstellungs- und Bildtheorien

 

Erste Ansätze zu Modelltheorien lassen sich nach 1200 in der Scholastik finden:

·        in einem Brief von Robert Grosseteste kurz vor 1228 zum Thema Architektur

·        in der Vorstellungstheorie von Duns Scotus (Reinhold Messner 1942; Etienne Gilson 1952; G. Scheltens 1965; Martin M. Tweedale 1990, 1999; Giovanni Pizzo 1998) und

·        im Konzeptualismus seines Schülers Wilhelm von Ockham mit dem Begriff der Fiktion (figmentum) (Josef Reiners 1910; Erich Hochstetter 1926; Sebastian J. Day 1947; Wolfgang Stegmüller 1956/57; G. Leff 1975; Elisabeth Leinfellner 1986; Jan P. Beckmann 1996; Jürgen Goldstein 1998).
Gemäss Ockham sind unsere Vorstellungen nicht Abbilder der Dinge, sondern Zeichen (signa), die wir auf die Dinge beziehen.

·        in der Bildtheorie, welche der Bischof und geistliche Philosoph Nikolaus von Kues (Norbert Henke 1969; Norbert Herold 1986: Hubert Benz 1999) um 1450 entwickelte.

 

 

Die schwere Geburt des italienischen Wortes "modello"

 

Um 1330: spärliche Belege für „modellus“

 

Die vielfach verbreitete Behauptung, Vorläufer von "modello" oder der verschiedenen Formen von "Modell" sei das vulgärlateinische Wort "modellus", ist nicht plausibel. „Modellus“ taucht weder in den Wörterbüchern von Blatt und Niermeyer noch bei Faber und Forcellini auf.

Einzig Du Cange (1885) verzeichnet es um 1330/40 in einem militärischen Traktat eines italienischen Autors zweimal als Mauerbrecher, einmal in den Aufzeichnungen eines Pariser Klosters als Flasche; Latham (2001) fand ebenfalls ein Gefäss (1965 noch als „cheese-mould“ bezeichnet) im Inventar eines irischen Haushalts. Fast zur gleichen Zeit taucht in Italien ein einziges Mal „modelo“ als Backform in einem Haushalt in Modena auf.

 

1367-1416 it. „modello“ und lat. „modellus“ betreffen Zeichnungen, nicht Modelle

 

Das italienische Wort "modello" entstand in Zusammenhang mit dem Bau des Florentiner Doms.

 

Obwohl die Autoritäten des Chronisten Giorgio Vasari (um 1550) und des Basler Historikers Jacob Burckhardt (1868, 26 u. 84) hinter den Behauptungen stecken: Weder der erste Baumeister des seit 1294 geplanten Neubaus, Arnolfo di Cambio, noch der Künstler Giotto hat ein dreidimensionales Modell für den Campanile (um 1334) vorgelegt (Howard Saalman, 1964; Rolf Bernzen, 1986 = B; Roland Müller, 1988 – anderer Meinung ist auf Grund archäologischer Ausgrabungen Franklin Toker, 1975, 1978, 1983).

 

Erst unter capomaestro Francesco Talenti werden zwei Holzmodelle erwähnt: 1353 eines für den Campanile, zwei Jahre später eines für die Chorkapellen und einen Teil des Langhauses. Beide wurden als "disegniamento ... di legniame" bezeichnet (B, 77, 81ff, 319f).

 

Es ist ein Glücksfall, dass zum Bau des Domes eine Fülle von Aufzeichnungen sowohl in Italienisch wie in Lateinisch vorliegen – fast 500 von 1294-1421 (Cesare Guasti, 1887) und viele weitere zum Bau der Kuppel (Cesare Guasti, 1857). Es handelt sich um Buchhaltungsblätter, Notizen, Verträge, Wettbewerbsausschreibungen, etc., die oft in beiden Sprachen gleichzeitig verfasst wurden. Anhand dieser Dokumente können wir die Entwicklung des Wortgebrauchs wie auch der damit bezeichneten Sachen gut verfolgen.

Es scheint, dass sich das lateinische Wort „modellus“ und das italienische „modello“ parallel entwickelten, nicht konsekutiv.

 

Weder die Künstler noch die Chronisten kannten damals einen terminus technicus für Modell. Sie gebrauchten dafür mehrere Wörter, neben “disegniamento” auch “asempro” (d. h. “esempio”) und seit 1366 “piccola chiesa”, im Lateinischen seit 1366 “ecclesia parva” und “exemplum” (B, 98, 231).

Das italienische Wort „modello“ wurde zwar erstmals 1357 für ein dreidimensionales Objekt verwendet („il modello della bagia della sopradetta colonna“), aber nachher 60 Jahre lang nicht mehr.

 

1366 gab die Baubehörde Entwürfe für die Vollendung des Doms in Auftrag. Nach kurzer Zeit lagen zwei Zeichnungen und ein Modell aus Ziegelmauerwerk vor. Pikanterweise lief die eine Grundrisszeichnung unter "desingnum seu modellum". Das dreidimensionale Gebilde nannte man "chiesa piccola". Es musste einem doppelten Ähnlichkeitsverhältnis (similitudo) genügen: Einerseits musste es der Zeichnung ähnlich sein, anderseits musste nachher die Kirche dem Modell ähnlich gebaut werden. (Vermutlich zeigt das bekannte Fresko in der Spanischen Kapelle von S. Maria Novella in Florenz dieses Modell.)

 

Halten wir fest: Von 1367 bis 1416 wurden die neuen italienischen Wörter “modello” und “modeglio” wie auch das lateinische „modellus“ (seit 1366) für Zeichnungen verwendet (B, 91). “Desingnum” (lat.) und “disengno” (it.) wurden schwankend gebraucht, manchmal für Modell, manchmal für Zeichnung (B, 96-111). Zwischen „disegniamento“ und „modello“ taucht 1367 “rilievo” (it.) und “relievum” (lat.) auf, und zwar für eine Aufrisszeichnung, vielleicht auch für ein dreidimensionales Modell (B, 99-103, 111), beispielsweise in einem lateinisch-italienischen Mischsatz: “pro desingno i’rilievo per eos factos in dicto operi” (B, 100).

 

Erst seit 1417: „modello“, "modelo" und „modeglio“ wie „modellus“ werden für Architekturmodelle gebraucht

 

Nach genau einem halben Jahrhundert ändert der Wortgebrauch plötzlich: Seit 1417 wurden die italienischen Wörter „modello“, ”modelo” und “modeglio” wie auch das lateinische “modellus” für Architekturmodelle gebraucht (B, 123ff), besonders für die vielen Entwürfe von Filippo Brunelleschi für die Kuppe des Domes und für die Aufzugs- und Hebevorrichtungen, welche für deren Konstruktion notwendig wurden (schön rekonstruiert bei Howard Saalman, 1980, 108-134).

Der Bezug zum früheren Wortgebrauch wurde mehrfach hergestellt durch die Formel „modellum sive designum“.

In einigen wenigen Protokollen und Notizen zu späteren Bauprojekten taucht das lateinische Wort „modellus“ noch bis ins 16. Jahrhundert auf. Als Gegenstück dazu wurde, z. B. 1436 „designum“ für Zeichnung gebraucht (B, 143).

 

Die Unsicherheit in der Verwendung der Wörter blieb. So heisst es beispielsweise in späteren Protokollen von Reparaturen an der Kuppel des Florentiner Doms: „quinque modellis vel modulis“ (1507) und „omnes modellos et designamenta necessaria“ (1513). Ein weiteres Beispiel ewähnt Carmen Bambach Cappel (1990, 1992):

„Soderini's "Io vorrei facessi uno modello, o vogl[i]amo dire disegno, di quella cosa vi scripsi," in a letter of 24 July 1518, or Rosselli's "àne fatto fare uno ischizo o vero disegno di detta fac[i]ata," in a letter of 4 February 1526, suggest a self-conscious attempt on the part of artists and non-artists to use artistic terms correctly.“

 

1450/60: Der Architekturtheoretiker Alberti braucht im Lateinischen “”moduli” anstatt das neue “modelli”

 

Es ist unerklärlich, warum der Universalgelehrte und Exil-Florentiner Leon Battista Alberti einige Jahre nach Vollendung der Kuppel das „alte“ lateinische Wort „modulus“ statt des neuen „modellus“ verwendete, und zwar für Zeichnung wie Modell.

 

In seiner Schrift „De Pictura“ (geschrieben 1435; gedruckt 1540) zweimal das Wort „exemplar“(III, 56 und 59), aber auch zweimal „moduli“ (III, 61). „Exemplar“ ist gebraucht für das Modell des Malers – der bekannte Fall des griechischen Malers Zeuxis -, „modulus“ für Zeichnungen oder Skizzen.

Ein Jahr nachdem Alberti seine Schrift in Latein verfasst hatte, übersetzte er sie selber ins Italienische (gewidmet ist sie seinem Freund Brunelleschi; gedruckt wurde sie 1547). Dabei gebraucht er für „exemplar“ „essemplo“ und „essempio“. Den Akkusativplural von „modulus“ übersetzte er zweimal mit „modelli“.

 

In seinem lateinisch geschriebenen und 1485 posthum erschienenen Werk „De re aedificatoria“ führt Alberti das Wort „modulus“ für Architekturmodelle ein, mehrmals auch in der merkwürdigen Formel „modulis exemplaribusque“ (Liber II, chap. I-III; Liber IX, chap. VIII-X). Das wäre nicht nötig gewesen, denn er verwendet dafür im selben Werk bereits „exemplar“ (z. B. Liber IIII, chap, II; 1755, ed. 1955, 68; Liber VIII, Chap. III, 1755, ed. 1955, 166).

Die kurz nach der ersten (1546) erfolgte Übersetzung von Albertis Architekturtheorie ins Italienische (1550) gebrauchte die Wörter „modegli“ und „modello“ resp. „modegli & esempi“. Die deutsche Übersetzung von 1912 spricht von Modellen und "Kopien" (wobei sie das erstmalige Auftreten von "exemplar" unterschlägt).

(An anderen Stellen gebraucht Alberti „exemplum“ und „exemplar“ auch bloss für Beispiel.)

 

Die bislang einzige französische Übersetzung datiert aus dem Jahr 1553. Sie stammt von Jan Martin, der auch Vitruvs Architekturbuch - unter fast demselben Titel (1547) - übersetzt hat. Die Übersetzung von Alberti ins Englische erfolgte erstmals 1726; vielfach neu aufgelegt wurde die Übersetzung durch James Leoni von 1755.

 

Etwa zur gleichen Zeit wie Alberti schrieb ein weiterer Florentiner, Antonio Averlino, detto Filarete, einen Traktat über Architektur auf italienisch. Hier taucht nun erstmals in einem Buch (das allerdings nur handschriftlich verbreitet wurde) "modello" für Modell auf, und zwar meist zusammen mit dem synonymen Ausdruck "disegno rilevato" (Rolf Bernzen, 1986, 219-229, 232).

 

Um 1550: Die ersten italienischen Bücher mit "Modell" im Titel

 

Die ersten italienischen Bücher mit dem Begriff "Modell" im Titel erschien um 1550.

Der Schriftsteller Antonio Francesco Doni schrieb 1549 unter dem Titel "Disegno" eine Antwort auf den "Dialogo della pittura" von Paolo Pino (1548), zugleich eine Anweisung für Malerei und Plastik, darunter auch für Modelle. Wie frisch der Begriff ist, zeigt sich deutlich in der sprachlichen Unsicherheit: Auf dem Umschlag steht "modegli", im Text heisst es: "modelli di terra, di legno".

Kurz darauf zerpflückte der Mönch Giacomo Moronessa in einer umfangreichen Arbeit: "Il modello di Martino Lutero" (1555).

In zwei Dialogen gab schliesslich der Ingenieur Giacomo Lanteri (1557), welcher dem spanischen König in Neapel und Nordafrika diente, Anweisungen zum militärischen Festungsbau - gemäss Euklid - und für die Herstellung von Modellen dazu (Gloria Vivenza 1975).

Das zeigt - was bis heute immer wieder übersehen wird -, dass der Begriff "Modell" seit Anbeginn nicht nur für Architekturmodelle, sondern einerseits für kleine Vorbilder (z. B. für Skulpturen), anderseits auch für geistige Entwürfe gebraucht wurde.

 

 

Die Arbeit mit Modellen

 

Alberti: Die Verbesserungsfähigkeit der Modelle

 

Etwas vom wichtigsten beim Modell sind Anschaulichkeit. Manipulierbarkeit und Verbesserungsfähigkeit. Keiner hat das schöner ausgedrückt als Alberti (Roland Müller, 1988). Er hat als erster versucht, Kunst und Architektur auf eine wissenschaftliche Grundlage zu stellen. In "De Pictura" (1435; it. 1436) und "De re aedificatoria" (1450/60) fasst er Kunst als ein Gebiet objektiver, erforschbarer Gesetze auf. Grosse Bedeutung misst er der Arbeit mit Modellen zu (2. Buch, 1.-3. Kap; 9. Buch, 8. u. 9. Kap.).

 

"Hier kann man ungestraft vergrössern, verkleinern, ändern, erneuern und gänzlich umgestalten, bis alles ordentlich zusammenstimmt und Beifall findet."

Es ist auch sinnvoll, Kopien herzustellen, damit das ursprüngliche Modell erhalten bleibt, auch wenn an den Kopien Veränderungen durchgespielt werden. Alberti rät ja dem Architekten: "Geh, bitte, zweimal, dreimal, viermal, siebenmal, ja zehnmal mit Unterbrechungen und zu verschiedenen Zeiten alle Teile des zukünftigen Bauwerkes durch." Das ist nur risikolos, wenn das Ausgangsmodell, das die "Idee" verkörpert, separat erhalten bleibt.

 

Alberti berichtet sogar von sich selber: "Von mir gestehe ich, dass mir des öfteren viele Bauentwürfe in den Sinn gekommen sind (multas incidisse persaepius in mentem coniectationes operum), die mir