Home Rund um die Auseinandersetzung C. G. Jungs mit Freud

 

C. G. Jung: Freud und die Psychoanalyse. Gesammelte Werke, Band 4.

Liliane Frey-Rohn: Von Freud zu Jung – Eine vergleichende Studie zur Psychologie des Unbewussten. Studien aus dem C. G. Jung-Institut, Band 19.

C. G. Jung: Seelenprobleme der Gegenwart.

C. G. Jung: Wirklichkeit der Seele.

C. G. Jung: Über Grundlagen der Analytischen Psychologie - Die Tavistock Lectures 1935. Alle fünf: Rascher-Verlag, Zürich; die letzten drei als Paperbacks.

 

 

Nicht nur der Nicht-Eingeweihte wird sich fast nicht mehr im Wirbel der Jungschen Veröffentlichungen zurechtfinden. Über knapp dreissig Jahre hinweg erschienen seine Schriften unter anderem in den zehn Bänden "Psychologische Abhandlungen". Dann, drei Jahre vor seinem Tod  (1961), wurde mit der Herausgabe der achtzehnbändigen "Gesammelten Werke" (in Zusammenhang mit den „Bollingen Series“, New York) begonnen, von denen bisher - nicht in der Reihenfolge der Numerierung - neun gewichtige Bände erschienen sind. Der neueste fasst unter dem Titel "Freud und die Psychoanalyse" hauptsächlich Aufsätze aus den Jahren 1906 bis 1916 zusammen.

 

Man weiss, Jung stand 1907 bis 1912 mit Sigmund Freud in enger Verbindung. Die erste grössere und bedeutende Schrift Jungs - nach den "Diagnostischen Assoziationsstudien" und der "Dementia praecox" - "Wandlungen und Symbole der Libido" (1911/12; ab 1952 "Symbole der Wandlung") führte zum Bruch.

Den Wandel von Jungs Ansichten zeigt nun die chronologisch geordnete Zusammenstellung der Artikel in diesem Band sehr schön. Von der Zustimmung zu Freud legen Beiträge zu dessen Hysterielehre, Traumtheorie und Psychoanalyse Zeugnis ab. Der 150seitige "Versuch einer Darstellung der psychoanalytische Theorie" sowie zwei weitere Aufsätze zeigen dann bereits deutlich Jungs Kritik an Freud. Einem Briefwechsel über "psychotherapeutische Grenzfragen" zwischen Jung und R. Loy und den zwei Vorreden zu den "Collected Papers on Analytical Psychology" folgt der Abdruck des bekannten Aufsatzes "Die Bedeutung des Vaters für das Schicksal des Einzelnen".

Den Abschluss bilden Jungs "Einführung zu W .M. Kranefeldt 'Die Psychoanalyse'"(1930) und der ebenfalls sehr bekannte Zeitungsartikel "Der Gegensatz Freud und Jung" mit den entscheidenden Sätzen: "Ich möchte demgegenüber den Menschen lieber aus seiner Gesundheit verstehen"; "In meinem Weltbild gibt es ein grosses Aussen und ein ebenso grosses Innen, und zwischen diesen beiden Polen steht mir der Mensch, bald dem einen, bald dem anderen zugewandt"; sowie "Die menschliche Seele (ist) seit Urzeit durchtränkt und durchwebt von religiösen Gefühlen und Vorstellungen".

 

Von Freud zu Jung

 

Ein Jahr nach der Gründung des Instituts in Zürich (1948) wurde mit der Veröffentlichung wichtiger Forschungsarbeiten in der Reihe "Studien aus dem C. G. Jung-Institut" begonnen .In deren 19. Band legt Liliane Frey-Rohn eine in fast neunjähriger Arbeit entstandene, vierhundertseitige "vergleichende Studie zur Psychologie des Unbewussten - Von Freud zu Jung" (1969) vor.

In stetiger Abhebung der Ansichten und Begriffe Jungs versucht sie, „das Spezifische seines Weltbildes klarer hervortreten zu lassen". Besonderes Gewicht legt sie deshalb auf die Auseinandersetzung Jungs mit der Psychoanalyse in den ersten zwei Jahrzehnten dieses Jahrhunderts.

 

Ihre Leistung ist bewundernswürdig, behandelt sie doch in streng wissenschaftlicher Darstellung ausführlich alle die unzähligen Faktoren der Seelenlehre - ausser die Typologie (1921), da Freud im Gegensatz zu Jung keine aufstellte -: die Komplexe und psychischen Mechanismen, die Phantasien und urtümlichen Bilder (Archetypen), Bewusstes - Unbewusstes - kollektives Unbewusstes. Hierauf wird die Sexualtheorie Freude der Libido als einheitlicher Lebensenergie bei Jung gegenübergestellt, ebenso wie die kausale Methode Freuds der finalen Betrachtungsweise Jungs. Über Neurose und Traum kommt die Autorin schliesslich zum Symbol, um ihr schwer zu lesendes, aber ungemein faszinierendes Werk mit der Ausarbeitung des Archetypus-Begriffs bei Jung in dessen letzten zwanzig Lebensjahren abzurunden.

Wie ein roter Faden zieht sich Jungs grundlegende Auffassung durch die Studie: "Die Psyche stellt ... eine bewusst-unbewusste Ganzheit dar". Ganzheitliche Betrachtungsweise, das heisst Komplementierung der Gegensätze, war Jungs zentrales Anliegen.

 

 

Über die Anfänge der Analytischen Psychologie

 

Seit 1962 macht der Rascher-Verlag in einer grün-weissen Paperbackreihe wichtige Schriften Jungs wohlfeil einer breiten Leserschaft zugänglich.

Den neun bisherigen sind drei neue nachgekommen:

„Seelenprobleme der Gegenwart" (Erstauflage: 1931),

„Wirklichkeit der Seele" (Erstauflage: 1934) und

„Über Grundlagen der Analytischen Psychologie".

 

Da die beiden erstgenannten bereits fünf respektive drei Auflagen hinter sich hatten, beschränken wir uns auf eine Skizzierung der letzten. Es sind die sogenannten "Tavistock Lectures" aus dem Jahre 1935, die eine Rarität darstellen, sind sie doch jetzt (1969) erstmals auf deutsch zugänglich. Jung hielt damals in der Tavistock-Klinik vor ungefähr zweihundert Ärzten fünf Vorlesungen, die zusammen mit den anschliessenden, eingehenden und oft hitzigen Diskussionen in den sechziger Jahren in London publiziert wurden.

Thema waren: Funktionen, Struktur und Inhalt der Psyche und die zu ihrer Erforschung angewandten Methoden.

 

Zuerst sprach Jung über die je vier auf den Ichkomplex zentrierten ekto- und endopsychischen Funktionen, respektive Komponenten, als da sind: Empfinden, Denken, Fühlen, Intuieren, sowie Gedächtnis, subjektive Komponenten der bewussten Funktionen, Emotionen oder Affekte, Einbruch des Unbewussten, des Schattens. Im zweiten Vortrag referierte er über das persönliche und kollektive Unbewusste mit den Archetypen (mythologische Motive als kollektive Grundmuster). Dann zeigte er, wie er als junger Assistent am Zürcher Burghölzli mit dem Assoziationsexperiment die gefühlsbetonten Komplexe entdeckte, die ihm Freude Verdrängungstheorie zu beweisen erlaubten. Ausführliche Traumanalysen unter Verwendung der Amplifikationsmethode (die nichts mit der freien Assoziation zu tun hat), die Behandlung der mythischen Symbole, der Übertragung (als Sonderfall der Projektion) in der psychotherapeutischen Situation und der aktiven Imagination schlossen sich an.

 

Verblüffend anschaulich und einfach gehalten sind diese Ausführungen, die die Dynamik der Psyche, ihre Selbstregulierungsmechanismen - wiederum in Abhebung von den Freudschen Auffassungen - deutlich herausarbeiten. Nicht nur der Reiz des Neuen in der Flut der Jungschen Literatur, sondern auch das Erlebnis des persönlichen Gesprächs machen diese Schrift zu einer guten Einführung in das Denken des grossen Schweizer Psychiaters, der von seinem vierten Altersjahr (1879) an in Klein-Hüningen wohnte, in Basel Gymnasium und Universität besuchte, um nach dem Abschluss des Medizinstudiums (1900) nach Zürich zu übersiedeln.

 

Alle erwähnten Schriften sind im Rascher-Verlag, Zürich, erschienen, der seit über fünfzig Jahren Bücher von Jung herausgibt.

 

Erschienen in den Basler Nachrichten, 17. Februar 1970

 


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