Disziplin warum?
Am Beispiel des Strassenverkehrs
Ein Argumentarium für die Fahrschule
Siehe auch: Verkehrsbildung
Inhalt 1. Grundprinzip der Gemeinschaft ist die Gegenseitigkeit 2. Warum so viele Vorschriften im Strassenverkehr? 3. Das Zusammenspiel von Mensch und Technik im Strassenverkehr bedarf der Regelung 4. Vielfältige Ziele der Verkehrsplanung und -regulierung 5. Warum Disziplin? Einschub: Disziplin: Wo? Wobei? 6. Psychologische Besonderheiten des motorisierten Strassenverkehrs 7. Warum werden Vorschriften, Gebote und Verbote übertreten? 8. Warum ist Kontrolle nötig?
1. Grundprinzip der Gemeinschaft ist die Gegenseitigkeit
Menschen benötigen und beeinflussen einander
1. Kein Mensch lebt allein. Er kann auch gar nicht allein existieren.
2. Jeder ist abhängig von andern Menschen, von dem was sie tun und lassen, herstellen und liefern, meinen und glauben.
3. Alles, was der einzelne tut, hat Wirkungen auf andere Menschen oder ihr Eigentum. Das Wissen darum heisst Verantwortung.
Regulierung des Zusammenlebens durch Spielregeln
1. Alle Menschen haben Interessen, Rechte und Freiheiten - nicht nur Auserwählte, Privilegierte und Anmassende.
2. Interessen und Freiheiten des einzelnen stossen überall auf die Interessen und Freiheiten der andern. Das Beharren auf den eigenen Interessen und Freiheiten kann die Interessen und Freiheiten anderer einschränken oder verunmöglichen.
3 Die gegenseitige Abstimmung der
Interessen aller und die Gewährleistung der Rechte und Freiheiten für alle
erfolgt durch Spielregeln.
Gegenseitige Abstimmung durch Voraussicht, Rücksicht und Toleranz
1. Nicht alle Interessen, Rechte und Freiheiten sind gleich wichtig. Sie sind auch nicht zu allen Zeiten und in allen Situationen vordringlich.
2. Je nach Umständen - Zeit, Ort und Beteiligten - ist ein Abwägen verschiedener Interessen, Rechte und Freiheiten notwendig.
3. Die Freiheit besteht, Spielregeln zu verletzen. Wer dies tut, muss aber die daraus resultierenden Konsequenzen - für sich selbst und andere - tragen.
Grundlage für Abwägungen bildet die Kompetenz.
2. Warum so viele Vorschriften im Strassenverkehr?
In den letzten Jahrzehnten haben immer mehr Menschen am Strassenverkehr teilgenommen. Gründe dafür sind: 1. Bevölkerungszunahme 2. wirtschaftlicher Wohlstand mit Zunahme der Kaufkraft 3. Entsprechende Zunahme von Zahl und Vielfalt der verwendeten Fahrzeuge.
Damit einher ging ein gesteigertes Bedürfnis nach: 1. Bequemlichkeit 2. Zeitersparnis 3. Mobilität.
Aber je länger je mehr können die Hoffnungen auf deren Erfüllung nicht mehr eingelöst werden. Warum?
1. Der Verkehr ist ausserordentlich dicht und gemischt.
2. Der Strassenverkehr ist gefährlich.
3. Nicht alle Verkehrsteilnehmer sind gleich stark, geschützt, beweglich, aufmerksam und verkehrsbewusst. Besonders gefährdet sind:
3. Das Zusammenspiel von Mensch und Technik im Strassenverkehr bedarf der Regelung
Regeln und Vorschriften, Gebote und Verbote gibt es überall, - wo Menschen mit andern Menschen zu tun haben, - wo Menschen mit technischen Geräten zu tun haben.
Das gilt besonders auch im Strassenverkehr, wo Menschen auf künstlich geschaffenen Verkehrswegen und -anlagen die verschiedenartigsten technischen Geräte verwenden.
Die sachgerechte Benützung und optimale Fortbewegung bedarf der Regelung.
Warum?
A. Technische Gründe
1. Technische Geräte und Vorrichtungen haben nur einen Nutzen, wenn man sie richtig wartet, ihre Bedienung beherrscht und sinnvoll von ihnen Gebrauch macht. 2. Die Verwendung technischer Hilfsmittel verschafft ihren Benützern Vorteile gegenüber andern, z. B. Stärke, Schnelligkeit, Schutz. 3. Zur Ausnützung dieser Vorteile ohne Benachteiligung - insbesondere Belästigung und Behinderung - anderer, bedarf es der Spielregeln.
B. Psychologische Gründe
1. Die gegenüber dem üblichen Fortbewegungstempo des Menschen erhöhten Geschwindigkeiten können Motorfahrzeuglenker überfordern. 2. Zahl und Ausmass unerwarteter Situationen und Einflüsse sind grösser als in den meisten anderen Bereichen, z. B. infolge Witterung und Lichtverhältnissen, glitschigen Stellen und heruntergefallenen Gegenständen, spielenden Kindern, Haus- und Wildtieren, usw. 3. Erschrecken, Verärgerung und Verunsicherung kommen daher häufiger vor und haben grössere Auswirkungen als in andern Situationen.
Was ist der Sinn von Geschwindigkeitsbeschränkungen?
1. Da am Verkehr auch technische Geräte beteiligt sind, gelten die Phänomene und Gesetze der Physik. 2. Menschen unterliegen biologischen und psychologischen Gesetzmässigkeiten. 3. Am Verkehrsgeschehen sind sowohl Menschen als auch vielfältige (technische) Verkehrsmittel beteiligt.
Als naturwissenschaftlich gesicherte Tatsachen gelten:
1. Die Trägheitskräfte wirken immer, innerhalb und ausserhalb des Fahrzeuges (daher keine Gegenstände auf der Hutablage; Verwendung von Gurten, Kopfstützen, gut befestigten Kindersitzen; Pralltöpfe, Helme).
2. Der Anhalteweg setzt sich aus Reaktionsweg und Bremsweg zusammen.
3. Der Bremsweg steigt quadratisch mit der Geschwindigkeit des Fahrzeugs - aber auch die Schwere von Verletzungen bei Kollisionsopfern.
Als Faustregel für den Anhalteweg gilt (auf trockener Strasse): ● Bei 100 km/h beträgt er rund 100 m, darunter etwas weniger als der Tachometer anzeigt (bei 30 km/h die Hälfte, bei 50 km/h zwei Drittel), darüber mehr (bei 120 km/h: 140m). ● Für den Innerortsverkehr ist festzuhalten: - Bei 40km/h beträgt der Anhalteweg 23m - Bei 50km/h beträgt der Anhalteweg 33m - Bei 60km/h beträgt der Anhalteweg 43m.
4. Je höher die Fahrgeschwindigkeit, desto mehr schrumpft das Gesichtsfeld. Auch die Erkennbarkeit von Verkehrssignalen wird geringer, weil die Zeit zur Verarbeitung aller Wahrnehmungen einfach nicht ausreicht.
5. Je höher die Geschwindigkeit, desto höher ist die Kollisionswahrscheinlichkeit - innerorts im dichten und gemischten Verkehr - ausserorts, da u. a. der Überholweg länger ist.
6. Höhere Geschwindigkeiten bringen - auf die ganze Fahrstrecke bezogen - weder innerorts noch ausserorts wesentliche Zeitgewinne.
7. Je ungeschützter der Verkehrsteilnehmer, desto grösser das Verletzungsrisiko.
8. Je schwerer die Verletzung, desto weniger ist der Betroffene wiederherstellbar. Das gilt vor allem für Gesichts und Rückenmarkverletzungen, grosse Wunden, komplizierte Brüche).
9. Für die Verletzungsschwere gelten für folgende Aufprallgegeschwindigkeiten empirisch gewonnene Ergebnisse: · bis 20 km/h: kaum Knochenbrüche · bis 30 km/h: kaum tödliche Verletzungen · 60 km/h: - fast immer Todesfolgen für betagte Fussgänger - selten Todesfolgen für Kinder, aber beklagenswerte Dauerschäden.
Eine andere Zusammenstellung ergibt: bis 25 km/h: nur 3 % der Verunfallten schwer verletzt ab 50 km/h: über 90 % der Fussgänger schwer verletzt oder getötet.
Geschwindigkeitsbeschränkungen haben Wirkungen!
Einführung 100 km/h ausserorts (1.1.1973): - 27% Unfälle Einführung 130 km/h Autobahn (14.3.1973): - 37% Unfälle Einführung 50 km/h innerorts (1.7.1980): - 12% Unfälle - 17% verunfallte PW-Insassen - 20% verunfallte Fussgänger
Noch besser sind Kontrollen!
Die Erfahrungen zeigen: Praktisch überall, wo an besonders unfallgefährdeten Stellen Radargeräte postiert wurden: - sanken die Unfallzahlen auf die Hälfte - gab es keine tödlichen Unfälle mehr.
4. Vielfältige Ziele der Verkehrsplanung und -regulierung
Zum obersten Ziel der Sicherheit sind in den letzten Jahren - vor allem wegen der zunehmenden Verkehrsdichte und -.durchmischung - die Erhaltung und Förderung der Verkehrskapazität und des Verkehrsflusses getreten.
In jüngster Zeit sind drei weitere Zieme ins Auge gefasst worden: 1. Umweltschutz 2. Energiesparen 3. Verschleissreduktion.
Ferner nehmen die Bestrebungen zu: - die Technik dem Menschen anzupassen und nicht umgekehrt - den Verkehr den Städten und Siedlungen. anzupassen und nicht umgekehrt - Landschaften, Erholungs- und Wohngebiete zu schonen.
Zwischen manchen Bedürfnissen und Interessen einerseits, Zielen und Bestrebungen anderseits sowie den daraus resultierenden Absichten und Ansprüchen können Unvereinbarkeiten bestehen. Sie gegeneinander abzuwägen stellt Techniker und Planer, Juristen und Politiker, Wissenschafter und Unternehmer immer wieder vor neue Probleme. Daher heben neue Lösungen die Verbindlichkeiten früherer Regulierungen häufig auf.
Zielkonflikte und Unsicherheiten sind deshalb Kennzeichen unserer Zeit.
5. Warum Disziplin?
Trotz aller Bedürfnis- und Zielkonflikte, Veränderungen und Unsicherheiten gibt es drei gute Gründe für das Einhalten von Vorschriften, das Befolgen von Geboten und Respektieren von Verboten.
Der Sinn ist ein dreifacher:
1. Leben schützen Es geht nicht um ein nebulöses "höheres" Interesse, sondern um den Schutz des Individuums. Jeder hat das Recht auf Unversehrtheit von Leib und Leben.
2. Ordnung Jeder Verkehrsteilnehmer muss jederzeit wissen, woran er ist, d. h. was er und der andere tun kann und zu tun hat.
3. Chancengleichheit Nicht nur einzelne Verkehrsteilnehmer, sondern alle - auch Schwächere - sollen die Chance haben, ihre Ziele möglichst rasch und ungehindert erreichen zu können.
Deshalb lautet die erste "Verkehrsregel für die Fahrzeugführer": "Fahren Sie so, dass Sie andere Verkehrsteilnehmer weder behindern noch gefährden.“
Drei weitere Gründe:
1. Aufmerksamkeit und Fahrverhalten, Wahrnehmung und Reaktionsgeschwindigkeit unterliegen bei verschiedenen Verkehrsteilnehmern in unterschiedlichem und nicht vorhersehbarem Ausmass zahlreichen und vielfältigen Einflüssen wie - Übung und Ortskenntnis - Stress, Ärger, psychischen Spannungen - vorangegangenen Ereignissen und Ermüdung - Ablenkung durch Begleiter und Radio - Nahrungs- und Genussmittelkonsum - Einnahme von Medikamenten und Drogen - Tageszeit - Strassen- und Beleuchtungsverhältnissen - Wetter - Verkehrsdichte und -durchmischung
2. Unfälle treffen meist nicht nur die unmittelbar Beteiligten,. sondern tragen auch viel Leid in Familie und Freundeskreis. Sie bewirken oft Arbeitsausfall mit hohen Folgekosten, die wiederum vielfältige Konsequenzen haben können.
3. Die Versicherungsleistungen werden bei Grobfahrlässigkeit gekürzt, insbesondere wenn eine Vorschrift oder Verkehrsregel verletzt wird, z. B. - Nichtbeachten des Vortrittsrechts - Nichtanpassen der Geschwindigkeit - Überfahren der Sicherheitslinie - Nichttragen von Sicherheitsgurten - Alkohol am Steuer
Disziplin: Wo ? Wobei ?
1.
Disziplin fängt schon vor dem Fahren an
2.
Disziplin als Selbstschutz
3. Wer
könnte Anspruch auf Ruhe haben?
4. Der
Name sagt deutlich, wo man nicht fahren darf
5. Der
Gegenverkehr muss auf freie Fahrt zählen können
6.
Kleiner Blinker - grosse Wirkung
7.
Auch die andern wollen vorwärts kommen
8.
Vortritt im Überblick
9. Rot
ist rot, Stop heisst Halt
10.
Halten ist keine Schande
11.
Halten und Parkieren braucht Köpfchen
12.
Besser Spur halten als Bremsspuren
13.
Bremsweg und Verletzungsschwere steigen quadratisch
14.
Tempolimiten schützen Menschenleben
15.
Geschwindigkeitskontrollen sind wirksam!
6. Psychologische Besonderheiten des motorisierten Strassenverkehrs
1. Viele Menschen haben kein sachliches Verhältnis zum Motorfahrzeug und zum Fahren. (Der sachliche Zweck besteht im Transport von Menschen und Gütern.)
Der Strassenverkehr wird als Gegenwelt zum beruflichen, schulischen oder häuslichen Alltag gesehen. Er verheisst "Freiheit und Abenteuer". a) Mit dem Motorfahrzeug möchte man machen, was man
will und zeigen, was man hat (PS; ccm.) und kann (Geschicklichkeit), in der
Meinung, dies sei im Alltag nicht möglich.
Aber der Strassenverkehr ist
frustrierend; er löst die Verheissungen nicht ein.
Das Verhältnis zum motorisierten
Untersatz ist emotional aufgeladen. Dieser ist
2. Am Steuer oder Lenker eines Motorfahrzeuges wird der Mensch ein anderer. (Die Psychologen sagen: Die intraindividuellen Unterschiede des Menschen als Lenker und als Fussgänger sind grösser als die interindividuellen.)
3. Stress vermindert die Leistung. Geht man davon aus, dass der Fahrer motiviert ist, sein Ziel zügig und dabei nicht selten unter Zeitdruck zu erreichen, so bedeutet jede Verzögerung einen Stress. Je stärker diese Motivation, desto höher der Stress. Treten nun zur Behinderung und Verzögerung der Zielerreichung noch eine Fülle zusätzlicher und oft plötzlicher Reize wie Signale aller Art und Markierungen, Ablenkungen, Licht- und Witterungsverhältnisse hinzu, wird der Stress noch stärker. Stress aber führt zu Erregung und Aggression einerseits, Leistungsabfall (insbesondere bei Orientierung und Manövrieren) und Ermüdung anderseits.
Frühere Erfahrungen können dann nicht mehr positiv eingesetzt werden; die Disziplin lässt nach. In beiden Fällen kann es zu kritischen Situationen kommen - die weiteren Stress bedeuten.
4. Kinder und Betagte haben eine andere Verkehrswahrnehmung und ein anderes Verkehrsverhalten als Motorfahrzeugführer aus ihrer Sicht vermuten. Das betrifft insbesondere
7. Warum werden Vorschriften, Gebote und Verbote übertreten?
Gründe für die Übertretung von Vorschriften, Geboten und Verboten können ganz verschiedene namhaft gemacht werden. Sie werden je nach Interessenlage und Orientierung entweder für sich selber als Entschuldigung in Anspruch genommen oder andern als Belastung zugeschrieben.
a) Wahrnehmung oder Wissen ungenügend ● Unaufmerksamkeit, Übersehen ● Ablenkung, Störung ● Erschrecken, Notfallreaktion ● Irritation - durch Überfülle an Signalen und Markierungen - durch Tafeln mit vielen Signalen und Angaben - durch Baustellen, Umsignalisationen, Umleitungen - durch die Aufweichung einst klarer Verkehrsregeln und Verbote durch Ausnahme und Sonderbewilligungen - durch neue Radwege und Radstreifen, insbesondere in Einbahnstrassen und an Verkehrsknotenpunkten - durch zeitweilige Toleranz der Kontroll- und Überwachungsorgane gegenüber offensichtlichen Übertretungen ● kein Verständnis für den Sinn und die Logik der Verkehrs-Regelung ● Unkenntnis - der Verkehrsregeln, Signale und Markierungen - der Vorschriften, Gebote und Verbote - der psychologischen Besonderheiten des Strassenverkehrs - der physikalischen und biologischen Tatsachen.
b) allgemein psychologisch und soziologisch ● die psychologischen Besonderheiten des Strassenverkehrs, insbesondere das. Vorhandensein aggressions- und leistungsbezogener Phantasien, also etwa - Auflehnung gegen Einschränkungen und Autoritäten - Selbstüberschätzung - falsche Abschätzungen, Einschätzungen und Erwartungen ● Gruppendruck, z.B. in der Kolonne oder unter Kameraden ● Kinderstube resp. Erziehung, Vorbild der Eltern und Lehrer ● Vorbilder in den Medien (Car-crash, allgemeine Brutalisierung, Geringschätzung von Person und Leben) ● Vorbilder in Politik und Wirtschaft ● Stimmungsmache durch Medien, Verbände, Parteien ● falschverstandene Selbstverwirklichung oder -bestätigung ● falschverstandene Sportlichkeit, "Dynamik“ ● Auflösung der persönlichen Verantwortlichkeit ● allgemeine Laschheit, Gleichgültigkeit, Lässigkeit ● allgemeine Disziplinlosigkeit als Zeiterscheinung, Trend.
c) individuell psychologisch ● Die Einstellungen zur Sicherheit und zum Verhalten gegenüber Regelung und Gesetz sind individuell verschieden und hängen von der persönlichen Verarbeitung der allgemeinen psychologischen und soziologischen Einflussfaktoren ab. ● Risikofreudige können daher von Risikomeidern unterschieden werden. Je nach situativen Bedingungen oder Ereignissen im persönlichen Hintergrund ist allerdings ein Wechsel möglich. ● Anderseits gibt es eine ganze Reihe eingeschliffener Verhaltensgewohnheiten und -eigenarten. ● Übung und Erfahrung sind je nach Fahrhäufigkeit und Fahrpraxis verschieden. Die Verarbeitung unübersichtlicher, konfliktreicher oder "komplexer“ Situationen ist aber davon bestimmt. Stress kann jedoch auch Erfahrung und Können unwirksam machen. ● In manchen Fällen spielt auch eine gewisse Selbst-Aggression eine Rolle. Sie kann sich in selbstzerstörerischen Tendenzen unterschiedlicher Art äussern vom Wunsch nach Zurechtweisung und Bestrafung bis zu unbewussten Suizidabsichten.
8. Warum ist Kontrolle nötig?
Im Strassenverkehr sind also zahlreiche psychologische und soziale Gesetzmässigkeiten wirksam. Vor allem vier Mechanismen zeigen die Bedeutung und den Ansatzpunkt der Kontrolle.
1. Lernen am Erfolg
Lernpsychologisch gilt das Effektgesetz: Erfolg bei Übertretungen ermuntert zu Wiederholungen. Etwas anders ausgedrückt: Das Führen eines Motorfahrzeuges ist ein weitgehend automatisierter Vorgang. Zahlreiche "Mödeli" schleifen sich ein. Kontrollen können darauf aufmerksam machen und eine Änderung herbei führen.
Auch bei disziplinierten Fahrern. bewirkt bereits die einmalige Übertretung - z. B. bei leerer, nächtlicher Strasse, bei übersichtlichen Verhältnissen oder bei Stimmungstief, Unwohlsein oder Eile - die sofortige Tendenz zur Wiederholung. Bei Fussgängern ist das besonders gut zu beobachten: Das Überschreiten der Fahrbahn neben dem Fussgängerstreifen oder das Missachten des Rotlichts, wenn keine Fahrzeuge herannahen, wird rasch zur Gewohnheit. So sehr, dass dies auch bei dichtem Verkehr geschieht, wenn es das einfahrende Tram noch zu erwischen gilt.
2. Lernen durch Nachahmung
Sozialpsychologisch gilt der Schneeballeffekt. "Was die andern können, kann ich auch - und mache es auch." Oder: "Wenn die andern nicht erwischt oder bestraft werden - warum sollte es gerade mich treffen?"
Soziologisch gilt in vielen Fällen das Nachahmungsgesetz: "Wenn ich mitmache, bin ich 'dabei', bin ich ‚jemand'."
Kontrollen dämpfen diesen Schneeballeffekt.
3. Der Wunsch, Grenzen zu testen
Einige Verhaltensweisen des Menschen dienen dazu, eigene und fremde Grenzen zu testen: "Wie weit kann ich gehen, bis mir etwas oder jemand den Rahmen absteckt?"
Dabei besteht aber auch die Bereitschaft, diese Grenzen zu anerkennen. Kontrolle und Zurechtweisung werden insgeheim erwartet und akzeptiert.
4. Verkehrsverhalten als Risikoberechnung
Das Verkehrsverhalten lässt sich als ein Risikoverhalten charakterisieren. Risiken werden kalkuliert, indem erwarteter Nutzen gegen erwartete Nachteile abgewogen werden. Je nach Persönlichkeit und Verfassung des Fahrers kann als Nutzen gelten:
als Nachteil:
Diese Kalkulationen erfolgen zu verschiedenen Zeiten: ● vor der Fahrt, z. B. für das Fahren trotz Trunkenheit, Überlast, Fahrzeugmängeln oder ungültigem Fahrausweis ● während der Fahrt, z. B. Verletzen der Haltepflicht, Überschreiten von Geschwindigkeitsbeschränkungen, Missachten von Sicherheitslinien, Überhol- und Fahrverboten, Vortrittsrecht und Abstandsgebot ● am Ende der Fahrt, z. B. Verstösse gegen Halte- und Parkverbote.
Auch wenn diese Berechnungen unbewusst verlaufen, geht die Kontrolle zumindest als ein Faktor darin ein.
Für die Kontrolle des Verkehrsgeschehens gilt daher:
1. Das Wissen um die Möglichkeit unerwarteter Kontrollen vermindert die Zahl von Übertretungen. 2. Wer sich beobachtet oder kontrolliert fühlt, benimmt sich disziplinierter. 3. Wo Kontrolle, Zurechtweisung und Bestrafung fehlen oder vermindert werden, steigt die Zahl der Übertretungen an.
Das bedeutet: Kontrollen wirken!
(Teil II einer dreiteiligen Studie unter dem Titel „Disziplin: Wo? Wobei? Warum? im Umfang von 50 Seiten; geschrieben Mai 1986)
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