Home Psychologisches Denken in der Ökonomie

                      Vom Altertum bis heute

 

Eine Geschichte der Wirtschaftspsychologie

 

zusammengestellt 1987-89; fertiggestellt im Herbst 1995

 

Bitte öffnen Sie die Primärliteratur: Lit. ökonomische Schriften

Literatur Wirtschaftspsychologie (von den grossen Pionieren bis heute)

und die Sekundärliteratur: Lit. Geschichte der Wirtschaftspsychologie

 

 

Inhalt (ca. 50 Textseiten)

 

A. Altertum: Weisheitslehren und Philosophie

Ägypten und China

Griechenland

Rom

 

B. Hochmittelalter und Renaissance: Streit der Interpretationen

Heidnische Einflüsse im Christentum

Geburt des Kapitalismus aus dem Rittertum

Gesetzessammlungen und Verbote im 13. Jahrhundert

Blüte der Renaissance im 15. Jahrhundert: Utilitarismus und andere neue Ansätze

 

C. Aufbruch der Neuzeit

Neue Betrachtungsweisen und Wissenszweige bilden sich heraus

Reformation und wiedererstarkter Katholizismus prägen Theorie und Praxis des Wirtschaftens

·        Buchhaltung

·        Haushaltslehre

·        Preis- und Geldtheorien

 

D. Das 17. Jahrhundert: Barock

Allgemeine Umwälzungen

Sechs zentrale Grundlagen

Empirismus und Rationalismus

Psychologie und Verweltlichung

Ökonomische Theorien

Thomas Hobbes

Hermann Conring

Johann Joachim Becher

William Petty

Gottfried Wilhelm Leibniz

John Locke: Mitbegründer der politischen Ökonomie und Vater der englischen Psychologie

Das Problem der Armut

Der Markt

 

E. Das 18. Jahrhundert: Aufklärung

Ein Jahrhundert der extremen Gegensätze

Philosophie und Psychologie werden praktisch und öffentlich

Erneute Ansätze zur Wirtschaftspsychologie

Der Markt: Richard Cantillon und Jacob Vanderlint

David Hume

Adam Smith: kein finsterer Nationalökonom

 

F. Bentham: Utilitarismus und Liberalismus (siehe separate Datei)

 

G. 19. Jahrhundert: Industrialisierung

Neue Blüte von Wirtschaft und Technik, Forschung und Theorie

Die Volkswirtschaftslehre wird klassisch

Konsum und Bedürfnisse

Betriebslehren

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts: neue Theorien

Management-Theorie

         siehe: Management: Eine kurze Rückblende

Wirtschaftstheoretiker entdecken die Psychologie

Die Psychologie entdeckt den arbeitenden Menschen

Gabriel Tarde und die Wirtschaftspsychologie

 

H. Das 20. Jahrhundert: Psychologie gegen „homo oeconomicus“

Wie rational ist der Mensch?

Der praktische Nutzen der Wirtschaftspsychologie

Unsicherheit lähmt

Die Wirtschaftspsychologie wird langsam selbständig

 

 

Einleitung

Wirtschaftspsychologie: Ein Blick in ihre Geschichte

 

Psychologie und Ökonomie beginnen nicht einfach irgendwo, etwa mit Wilhelm Wundts Labor (1879) oder Adam Smiths "Reichtum der Nationen" (1776). Unzählige Denker und Forscher sind ihnen vorausgegangen. Auch die Wirtschaftspsychologie fängt nicht erst bei Hugo Münsterberg (1912) oder Georg Katona (1951) an.

 

Im Altertum und Mittelalter war die ökonomische Literatur weniger wirtschaftsethisch als anthropologisch ausgerichtet, d.h. auf einem bestimmten Menschenbild aufgebaut, etwa auf der natürlichen Tugendhaftigkeit und Geselligkeit des Menschen.

 

Die nach dem Jahr 1000 einsetzende christliche Betrachtungsweise erfuhr in der Renaissance (1300-1550) eine erste Öffnung, wurde aber durch Reformation und Gegenreformation erneut gefestigt. Erst ab 1650 verloren die religiösen Begründungen an Boden, an ihre Stelle traten die Vernunft und die Betrachtung psychologischer Motive. Die Politische Ökonomie war vorerst einmal Wirtschaftspsychologie.

 

 

A. Altertum: Weisheitslehren und Philosophie

 

Ägypten und China

 

Die Beziehungen zwischen Ökonomie und Psychologie kann man bis ins Altertum zurückverfolgen. Enthalten nicht schon die ägyptischen Weisheitslehren Erörterungen über den Menschen, Ratschläge für sein Tun und Lassen, Gedanken über sein Wohlergehen und sein Wirtschaften?

 

"Maat" ist die geheime Weltordnung, die im Menschen als Verantwortungsgefühl wirkt: "Das Gleichgewicht des Landes ist das Tun der Maat. - Der Betrüger verringert die Maat. - Sage keine Lüge und hüte die Beamten davor."

 

Oder:

"Wenn du ein Mann in leitender Stellung bist,
der die Lebensverhältnisse für viele zu regeln hat,
dann bemühe dich jeweils um gewissenhafte Behandlung,
so dass dein Verhalten ohne Tadel ist ...

Gemeinheit rafft zwar Schätze zusammen,
aber noch nie ist das Unrecht ans Ziel gelangt."
(Lehre des Ptahhotep, ca. 2400 v. Chr.)

Nach J. H. Breasteds trefflichem Buch "Die Geburt des Gewissens" (1933; dt. 1950) ist das Gewissen die Frucht einer menschlichen Gemeinschaft.

 

Sittlichkeit ist das Ergebnis der Umweltbedingungen (Gesellschaft) und der Wechselwirkungen innerhalb des Familienverbandes. Daher sind die vier wichtigsten Gebote:

 

1.      Pietät gegenüber den Eltern.

2.      Hinhören, Gehorchen, Achtgeben; darunter fällt auch die Achtung der Frau und des Familienlebens.

3.      Wahrheit, Rechtschaffenheit, Gerechtigkeit: "Handle und wandle recht und gerecht." "Folge deinem Verstand (Herz), solange du lebst."

4.      Nicht geizig und habgierig sein, sondern Güte und Toleranz üben.

 

Der Traumdeuter Joseph wurde Wirtschaftsminister des Pharaos. Er war auch in der Behandlung seiner elf Brüder ein guter Psychologe (1. Mos. 40ff).

 

Konfuzius war (um 500 v. Chr.) ganz ähnlich lange Jahre Aufseher der Kornspeicher und öffentlicher Felder. Er hat mehr als 3000 junge Männer in Geschichte, Dichtkunst und Anstand unterwiesen. Seine Lehre ist "im wesentlichen eine Sammlung von Verhaltensgrundsätzen und moralischen Vorschriften", die einem grossen Ziel dienen: der Wohlfahrt des Menschen (Störig, 81).

1906 wurde Konfuzius der höchste Götterrang zuerkannt.

 

"Die allgemeine Wohlfahrt fördern und das Übel bekämpfen" war dann der Slogan des bald darauf von Mo Tse (auch: Mo Ti) begründeten Mohismus. Er gilt als "rein praktische Nützlichkeitsphilosophie" (Störig, 90), ist aber  verbunden mit der Forderung nach allgemeiner Menschenliebe. Allgemeiner Friede und umfassendes, unterschiedsloses Glück aller Menschen waren seine Ideale.

 

Die Nachfolger Mo's bewiesen, dass Logik und Erkennen den Zwecken des praktischen Handelns unterzuordnen seien: Die einzige Funktion des Wissens ist, dem Menschen die richtige Entscheidungen zu ermöglichen.

 

Der grösste Schüler von Konfuzius, Meng Tse (Mencius, um 300 v. Chr.), ist vor allem durch seine Lehre vom "Recht zur Revolution", nämlich zum Widerstand gegen einen unwürdigen Herrscher, bekannt geworden. Er vertrat die Überzeugung, dass ein Staat nur auf moralischer Grundlage gedeihen könne. Die europäische Aufklärung im 18. Jh. (seit Leibniz) entdeckte die chinesischen Weisheiten wieder.

 

Griechenland

 

In Griechenland hatte schon um 700 v. Chr., also vor der klassischen Zeit, Hesiod von der Arbeit und Mühsal des Menschen und seinem "Daimonion" (Wächter) berichtet.

 

Zur Zeit des grossen Reformers Solon (um 600 v. Chr.) breitete sich nicht nur die Geldwirtschaft, sondern auch die Sklaverei aus. "Geldgier und herrischen Sinn, der keine Grenzen mehr kennt", wirft er seinen Landsleuten vor, und: "Scharen Verarmter kommen, als Sklaven verkauft, heimatlos weit in die Welt."

Eine differenzierte Betrachtung der Sklaverei empfiehlt Moses I. Finley in seiner Schilderung der "antiken Wirtschaft" (1973, dt. 1977); gerade dies lässt aber das DDR-Autorenkollektiv (1977, 1-16) vermissen.

Vorsicht ist auch bei der Betrachtung anderer Errungenschaften dieser Zeit geboten, wie Prostitution, orphische Offenbarungslehre, Dionysos-Kult und ionische Naturphilosophie, letztere eingeleitet von dem weitgereisten Kaufmann Thales von Milet.

 

Die Pythagoreer befassten sich nicht nur mit Mathematik - insbesondere Mass, Proportion und Harmonie -, sondern auch mit dem Wesen, Ursprung und Schicksal der menschlichen Seele. Sie übernahmen von den Orphikern den Gegensatz von (bösem) Leib und (guter) Seele: Die göttliche und unsterbliche Seele ist durch eigenes Verschulden aus dem himmlischen Wohnort zur Strafe in den Leib als ihren Kerker verbannt worden. Auf ihrer Wanderung durch verschiedene Leiber muss sie sich läutern und reinigen. (Huonder, 10-15).

Die Pythagoreer gründeten daher in der unteritalienischen Kolonie Kroton einen Bund für sittlich-religiöse Lebensreform. Er breitete sich rasch aus, was dazu führte, dass die durch ihn verbündeten Städte auch über eine gemeinsame Münzprägung (um 500 v. Chr.) verfügten. Um 400 v. Chr. galten sie als entschiedenste Vertreter einer gemässigten Demokratie.

 

Die antiken und weitgehend auch die mittelalterlichen Wirtschaftslehren (Ökonomik) sind weniger wirtschaftsethisch als vielmehr anthropologisch (so Karl Polanyi) ausgerichtet. Das heisst, sie gehen weniger vom Sollen als vom "Wesen" des Menschen aus, und dieses ist ineins psychologisch und biologisch, sozial und ethisch, philosophisch und religiös, theoretisch und praktisch. Als Haushaltslehren zielen sie auf die "Unterhaltsgestaltung" ab; die Märkte, welche heute im Mittelpunkt stehen, hatten nur ergänzende Funktion (E. Egner 12, 17, 21, 25, 27; vgl. 184ff, 218f).

 

Der Offizier, Jäger und Schriftsteller Xenophon (nach 400 v. Chr.) entwarf in einer Führungslehre das Ideal eines einsichtig regierenden Herrschers, in seinem "Ökonomikos" das Idealbild der kleinbäuerlichen Familie und in einer Schrift "über die Staatseinkünfte" ein Programm zur Sanierung der Finanzlage Athens.

Aus seiner Feder stammen auch die wichtigsten Zeugnisse über Sokrates, dessen Leben er vom utilitaristischen Standpunkt dargestellt hat. Das "Daimonion" ist ihm die innere Stimme, die ihn von der Begehung unrichtiger, unzweckmässiger oder nicht guter Handlungen abhält oder ihn warnt. "Eudaimon" ist, wer mit seinem eigenen "Dämon" gut steht. "Eu prattein" heisst zugleich: Ich handle gut, und: Es geht mir gut. Das Gute ist also das Förderliche (ophelimon; vgl. Pareto 1906).

Xenophon erläuterte bereits die Berufsgliederung und die Arbeitsteilung in der Werkstatt. Sie erlaubt, die Qualität der Produktion zu steigern. Auch beschrieb er Einzelheiten der Staatsfinanzen und des Reichtums von Fürsten und Königen. Frankreichs Finanzminister Sully, Begründer des Merkantilismus (nach 1600), wurde von ihm nachhaltig beeinflusst.

 

Platons "Politeia" und "Nomoi" können auf Ökonomisches, andere Schriften auf Psychologisches durchsucht werden. Aristoteles schrieb (um 335 v. Chr.) das erste Buch über die Seele: "Peri psyches", lat. "De anima".

Für die Ökonomie wichtig sind seine "Politik" und die "Nikomachische Ethik". Daher bringt ein Handlexikon "Die grossen Wirtschaftsdenker" (1986) seine Biographie (dazu diejenigen Xenophons und Platons). Die "Ökonomik" stammt aber nicht von ihm.

 

Platon begründete die "Akademie" (387 v. Chr.), Aristoteles das "Lykeion" (vor 334 v. Chr.), in dessen schattigen Laubengängen ("peripatoi") umherwandelnd seine Schüler mit ihm philosophierten.

 

Kurz vor 300 v. Chr. wurden weitere Schulen gegründet: von Zenon die Stoa in der "bunten Halle" ("stoa poikile") am Markte von Athen, von Epikur der "Garten" ("kepas") mitten in der Stadt. Dazwischen entstand die "Skepsis".

 

Als "Sammelbecken abgesunkener religiöser, mythologischer und kosmologischer Traditionen" (Olof Gigon) erfreute sich die Orphik bei den "kleinen Leuten" grosser Beliebtheit. War sie eher mit dem Pythagoreertum verbunden, so die spätere Hermetik (im 1 Jh. v. Chr.) mit dem Platonismus und der Stoa. Die Stoa hatte einen grossen Einfluss auf das römische Geistesleben.

 

Rom

 

Besondere Verdienste um die Popularisierung der griechischen Philosophie in Rom erwarben sich der Kreis um Scipio, den Jüngeren, den Eroberer Karthagos (146 v. Chr.), und später Cicero.

Der grosse Hetzer gegen Karthago war der alte Cato, vordem mächtiger Konsul, Redner und Censor Roms. Er ist der Schöpfer der römischen  Prosa und Fachschriftstellerei. Sein "Carmen de moribus" enthielt eine Sammlung von Sprüchen zur altrömischen Lebenshaltung; seine "Origines" bieten viel Volkskundliches.

Cato stand zwar allem Griechischen ablehnend gegenüber, benützte aber in seiner Schrift "De agricultura" (erst posthum, nach 149 v. Chr., publiziert) dennoch griechische Quellen. Es ist eine aus eigener Praxis erwachsene Anleitung für den in der Stadt wohnenden Gutsbesitzer unter dem Gesichtspunkt der Rentabilität. Dieter Schneider (1985, 85f) meint, er gebe sich "als knochenharter Haustyrann und Kapitalist".

 

Der Redner und Konsul M. Tullius Cicero schätzte Xenophon und Cato hoch. Philosophisch blieb er "immer ein Gegner der Epikuräer, obschon sie ihm ihrer Urbanität wegen menschlich lieber waren als die zu Pedanterie und Fanatismus neigenden Stoiker" (M. Gelzer in LdAW 313). Cicero machte sich Gedanken über den vollendeten Redner ("De oratore", 55 v. Chr.), über die beste Staatsreform und den in ihr wirkenden Staatsmann ("De re publica", 52 v. Chr.), über das richtige Handeln ("De officiis", 44 v. Chr.) sowie über Affekte und Glück ("Tusculanae disputationes"). Seine ethische Schrift "De finibus bonorum et malorum" hat Lorenzo Valla (1431) zum Vorbild gedient.

 

Der Politiker und Gelehrte M. Terentius Varro war keiner bestimmten Schulrichtung verpflichtet. Er schrieb nicht nur drei Bücher über Landwirtschaft, sondern auch über Frieden, Wahnsinn, Kindererziehung und Glück (um 40 v. Chr.; "logistorici"). Ferner stellte er erstmals die sieben "Artes liberales" - die Disziplinen, "die einem Freien anstehen" - zusammen und ergänzte sie durch Medizin und Architektur.

 

 

B. Hochmittelalter und Renaissance: Streit der Interpretationen

 

Heidnische Einflüsse im Christentum

 

Im frühen Mittelalter wurde das geistige Leben von Klöstern und Bischofssitzen getragen. Beherrschenden Einfluss hatte der im 3. Jh. n. Chr. von Plotin begründete Neuplatonismus in den verschiedenen Ausprägungen, von Augustin (um 400), Dionysius Aeropagita und Boethius (um 500).

Bemerkenswert ist, dass in manchen Erörterungen, Predigten und Briefen der jüngeren Kirchenväter um 400 n. Chr. neben christlicher Moral auch mancherlei psychologische Fragen - insbesondere zu Reichtum und Gewinnsucht - einfliessen, etwa bei Gregor von Nyssa und Gregor von Nazianz, bei Johannes Chrysostomos und Rufinus von Aquileia, bei Ambrosius und Augustin.

 

Teile der aristotelischen Logik und von Platons "Timaios" waren das ganze Mittelalter verfügbar und wurden vielfach diskutiert. Die meisten übrigen Schriften wurden erst im 12. und 13. Jahrhundert durch Übersetzungen, zuerst aus dem Arabischen, dann aus den griechischen Urtexten in Mitteleuropa bekannt.

Die neu gegründeten Universitäten (Bologna; Paris um 1150, Oxford 1167, Salerno 1173, Montpellier 1189, Palenzia 1208, Padua 1222) und die Orden der Dominikaner und Franziskaner hatten daran grossen Anteil. (Freilich wurden diese Orden auch sogleich, 1227, mit der Inquisition betraut.)

 

Paris war vorwiegend logisch orientiert, Oxford mehr empirisch. Die Franziskaner griffen anfänglich auf Augustin und den Neuplatonismus zurück, die Dominikaner auf Aristoteles. Dieser war beliebter, wurde aber auch häufig verboten (z. B. 1210, 1231, 1277). Wer an Platon oder die Neuplatoniker anknüpfte, neigte eher zur Mystik; erst ab 1438 wurde der "Platonismus" in Florenz (Plethon, Ficino, Pico) salonfähig.

 

Daneben gab es eine beachtliche Tradition von Magie und Mantik, also Zauberei, Wahrsagerei und Traumdeutung, die in der Renaissance erneut aufblühte. Alchemie, Aberglaube und Teufelsfurcht hielten viele in ihrem Bann.

Die erste Attacke gegen die Astrologie ritt Nicolaus von Oresme. Er verfasste auch zwischen 1350 und 1360 das bekannte Werk "Über Ursprung, Natur, Recht und Änderung des Geldes". Wilhelm Roscher, der ihn um 1860 wieder entdeckte, bezeichnete ihn als den "grössten scholastischen Volkswirt".

Auch Heinrich von Langenstein, der manche Gedanken zur Volkswirtschaft beisteuerte, wandte sich 1368 und 1374 gegen die Astrologiegläubigkeit.

 

Albertus Magnus begründete auf der Basis des "Bedürfnisses", nach marxistischer Lehre, um 1250 das "feudale Wirtschaftskonzept" (DDR-Autorenkollektiv 35).

 

Seines Schülers Thomas von Aquins (um 1250 n. Chr.) Staats- und Wirtschaftslehre (z. B. das Zinsverbot, die Arbeitslehre und die Eigentumstheorie) wurde für Jahrhunderte ebenso bestimmend wie seine Auffassungen über die Seele, die Rolle der Frau und des Teufels. 50 Jahre nach seinem Tod wurde er heiliggesprochen.

Über 600 Jahre nach seinem Tod, 1879, erklärte eine Enzyklika von Papst Leo XIII. die Lehre des hl. Thomas zur Richtschnur der christlichen Philosophie. 1924 wurden 24 Thesen aus seiner Philosophie herausgehoben und kirchlicherseits als die echte Lehre des Thomas verordnet.

 

Noch 1962 wunderte sich Karlheinz Deschner: "Die unentwegte Berufung des offiziellen Kirchentheologen auf den Heiden Aristoteles gehört zu den grossen Seltsamkeiten der Catholica" (vgl. 300, 306, 363). Überhaupt gehe die Kirche viel mehr auf den Hellenismus zurück als auf Jesus.

Ähnlich meinte Carl Brinkmann, die ganze Wirtschaftstheorie der christlichen Kirche bis heute zur heutigen Sozialpolitik werde "nur verständlich, wenn man auf ihrem Grunde überall die Gedankenmassen der hellenistisch-orientalischen Spätantike in ihrer Einheitlichkeit und Gegensätzlichkeit, vor allem in dem grossen Rhythmus platonischer und aristotelischer Richtungen zu erkennen vermag".

 

Geburt des Kapitalismus aus dem Rittertum

 

Nach der Jahrtausendwende hatte eine gewaltige Aufbruchbewegung Europa erfasst. Sie zeigte sich nicht nur in Handwerk und Handel, Technik, Bauwesen und Kunst, sondern auch im Aufblühen der Märkte und Städte. Aus der Kirchenreform ging ein mächtiges Papsttum hervor, das im 12. und 13. Jahrhundert die "Weltherrschaft" erlangte.

 

Es war auch die Blütezeit der höfisch-ritterlichen Kultur, eine erstaunliche Verbindung von Christentum und Laientum, von Moral und Kriegertum. Wie es dazu kam, ist Gegenstand eingehender Diskussionen. Wichtige Anstösse gab die Reformbewegung von Cluny, u.a. mit der Idee des "Heiligen Krieges", des Gottesfriedens (Fehdeverbot) und des Schutzes der Armen.

 

Einflussreich sind ferner die Abhandlung des in Spanien lebenden jüdischen Philosophen Ibn Gabriel (Avicebron) über die "Verbesserung der Sitten" (um 1050), die Niederschriften des "Ruodlieb" (um 1050-70) und des „Rolandslieds“ (um 1090; dt. 1130 vom Pfaffen Konrad) sowie der Kodex des christlichen Ritters („Miles christianus“) des Bonizo, Bischof von Sutri: In seinem "Liber de vita christiana" (um 1090) fordert er den Ritter zur Ergebenheit gegenüber dem Herrn, zum Kampf für das Wohl der "Res publica", zum Krieg gegen die Ketzer und zum Schutz der Armen, Witwen und Waisen auf. 1096 wurde zum Ersten Kreuzzug aufgebrochen; die ersten Ritterorden entstanden.

 

In Dichtung und Gesang wurden fortan Tugend und Minne gepriesen. Dem praktischen Gebrauch dienten unzählige Handbücher und Traktate für Erziehung und anständiges Benehmen, "Zucht".

Der grosse Theologe Hugo von St. Victor (gest. 1141) bot in seinem "Didaskalion" eine Einführung in das "wissenschaftliche" Studium und in "De institutione novitiarum" eine Sammlung von Verhaltensvorschriften.

Der Gelehrte und Grammatiker Wilhelm von Conches stellte um 1150 eine Anthologie moralischer Zitate, vor allem von Cicero, Horaz und Seneca, zu einer "Philosophia moralis de honesto et utili" zusammen: Sinnsprüche für alle Gesellschaftsklassen.

Sein Schüler Johannes von Salisbury gab im umstrittenen "Policraticus" (1159) eine farbige Schilderung seiner Zeit und stellte Massstäbe für das Verhalten weltlicher Herrscher auf.

Ähnliches leistete, aber fundierter, Otto von Freising in seiner "Chronik der zwei Reiche" (um 1150).

Damit rückte die Erziehung der Fürsten in den Vordergrund, beschrieben in den sog. "Fürstenspiegeln". Für Nonnen gab es "Jungfrauenspiegel".

Für die Theologen wurden die mitunter widersprüchlichen Zitate aus der Bibel und den Kirchenvätern in "Sentenzen" - und "Summae" - zusammengestellt: Die "Libri quatuor sententiarum" von Petrus Lombardus (gest. 1164) waren jahrhundertelang in Gebrauch. Joachim von Fiore verhiess um 1200 die Herankunft eines dritten Reichs, das des "ewigen Evangeliums", das Zeitalter der "Freiheit des Geistes".

 

Der Drang nach dem Aufstellen von Vorschriften und Beschreiben von Verfahren machte auch vor der Technik nicht Halt.

Roger von Helmarshausen (alias Theophilus Presbyter) stellte 1122/23 die "Diversium artium schedula" zusammen, ein imposantes Handbuch der Verfahrenstechnik. Es folgten Herrad von Landsbergs "Hortus deliciarum" (1160), das Musterbuch aus dem Kloster Rein mit 12 bildlichen Darstellungen der artes mechanicae, Villard de Honnecourts legendäres Bauhüttenbuch (1235) und die Loblieder auf die Technik von Robert Grosseteste ("De utilitate artium" 1235) und seinem Schüler Roger Bacon ("Opus maius" 1268).

 

Auf diesem geistesgeschichtlichen Hintergrund müssen die aus dem späteren Mittelalter erhaltenen ökonomischen Schriften gesehen werden. Nur so wird die eigenartige Verflechtung von technischen Anweisungen und moralischen Erörterungen - bis mindestens zur "Hausväterliteratur" des 17. Jahrhunderts - verständlich. Dass auch eine heilsgeschichtliche Orientierung zu dem seit dem Jahr 1000 stetig zunehmenden wirtschaftlichen Aufschwung geführt hat, kommt hinzu.

 

Von ihren Reisen in islamische Länder hatten Gerbert (später Papst Silvester II.) und Leonardo Fibonacci (von Pisa) die arabischen Zahlen nach Hause gebracht: Gerbert lernte 967 in Spanien den Abacus mit neun Zahlzeichen kennen, doch erst der Mathematiker Fibonacci bürgerte 1202 mit seinem "Liber abaci" die arabischen Zahlen ein. Er löste auch als erster Probleme des kaufmännischen Rechnens, z. B. Tilgung von Darlehen.

Werner Sombart (1902) würde hier die "Genese des ökonomischen Rationalismus" und des modernen Kapitalismus ansetzen (vgl. auch T. Wagner 41-43). Seither wurden von den Banken, Handelshäusern und städtischen Finanzverwaltungen in Oberitalien doppelte Buchhaltung, Inventur, Kostenrechnung und andere buchhalterische Notwendigkeiten praktiziert (Belege dafür schon um 1300).

 

Der spanische Bischof Pedro Gallego hatte um 1250 eine ökonomische Schrift, die auf griechische Vorlagen zurückgeht, aus dem Arabischen ins Lateinische übersetzt. Auch die pseudo-aristotelische "Ökonomie" wurde damals - in Süditalien - direkt aus dem Griechischen ins Lateinische übersetzt.

Um 1343 verfasste der Florentiner Kaufmann und Agent der Bardi, F. B. Pegolotti bereits ein Handbuch für Kaufleute: "La Pratica delle mercatura". Es gibt ein gutes Bild vom Handel und Handelswegen in ganz Europa.

 

Damals hatte die Florentiner Tuchindustrie Weltgeltung. Eine Handvoll reicher Kaufleute leitete die gesamte Industrie, die zu dieser Zeit 30'000 Arbeitskräfte zählte, etwa ein Drittel der Bevölkerung. Die weitaus meisten wurden als ungelernte Lohnarbeiter beschäftigt und arbeiteten in den Werkstätten der Tucher in den arbeitsteilig organisierbaren Bereichen der Produktion. 1378 kam es zum - erfolglosen - Aufstand. Chronist dieser Zeit war Giovanni Villani (fortgesetzt von seinem Bruder und Sohn).

 

Ein umfassendes Bild der arabischen Welt zeichnete 1378 der in Nordafrika lebende Historiker Ibn Khaldun in seiner "Al Muggadima". Ethnologen, Politologen und Soziologen preisen sie heute noch.

 

In England war 1086 das "Domesday Book" angelegt worden, ein Grundkataster, das alle Herrschaften nach ihrem Ertragswert verzeichnete.

Aus dem 12. Jahrhundert sind drei interessante Werke erhalten:

(1)   Die Lebensgeschichte des Kaufmanns und Piraten Godrich, der sich nach vielen Abenteuern um 1110 in Finchale niedergelassen hatte, um ein gottgefälliges Leben zu führen. Im hohen Alter, etwa 100jährig, diktierte er Reginald von Durham seine Biographie (ca. 1160-70).

(2)   Die Illustrationen, die der Mönch Eadwin für den "Canterbury Psalter" anfertigte, geben ein überaus farbiges Bild der damaligen Zeit, auch von Landwirtschaft, Handwerk, Handel und Freizeitvergnügen.

(3)   Bald nach dem Jahr 1100 war die zentrale Schatzkammer (Exchequer) eingerichtet worden; um 1150 wurde sie zu einem Kontrollorgan gegenüber der Bautätigkeit von Lokalbeamten (sheriffs) ausgebaut.
Aus der Familie der königlichen Schatzmeister ragt Richard von Ely (Richard Fitzneale) heraus. Er diente den Königen Henry II. und Richard I. Löwenherz und wurde Bischof von London. Sein "De necessariis observantiis scaccarii dialogus" (um 1170) wurde ein unentbehrliches Handbuch für die Verwaltungsbeamten (exchequer).

 

Fast 300 Jahre lang war das um 1250 von Walter de Henley auf Französisch geschriebene Buch "Hosebondrie" das massgebliche Werk für Landwirte und die Führung eines Haushaltes. Es wurde mehrfach ins Lateinische und Englische übersetzt. Daneben gab es eine ganze Anzahl weiterer Schriften zu diesem Thema.

 

Von ebensolcher Bedeutung für den Kontinent war der "Liber cultus ruris" des Bolognesers Petrus de Crescentiis. Um 1305 geschrieben, erfuhr er bis zur Erfindung des Buchdrucks unzählige Abschriften; über 100 sind heute noch erhalten. Hernach wurde er bis nach 1600 in ganz Europa immer wieder gedruckt, auch in italienischen, französischen, deutschen und polnischen Übersetzungen (vgl. Savastano 1922).

 

Wissenschaftliche Impulse kamen dann von der Universität Oxford (Grosseteste, Bacon, Scotus, Ockham).

Duns Scotus und Johannes Buridan befassten sich nicht nur mit der Willensfreiheit, sondern auch mit ökonomischen Fragen, insbesondere Geld.

Wilhelm von Ockham befasste sich mit der Eigentumsordnung. Diese Impulse wurden stets nach Paris übertragen und dort z. B. von Buridan und Oresme weitergeführt.

In Paris studierte auch Konrad von Megenberg. Seine "Öeconomica" (1354) nehme mit ihren Hinweisen auf die Haushaltsführung der Territorialherren einiges von den kameralistisch-technologischen Vorstellungen des 18. Jahrhunderts voraus, meint Albrecht Timm (20).

 

Spuren von ökonomischen Betrachtungen und vor allem Zeitkritik finden sich in England erst wieder in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts bei den Dichtern William Langland, Geoffrey Chaucer (auch Zollaufseher und königlicher Bauleiter) und John Gower, dem grossen Moralisten, sowie beim Volksprediger John Ball.

 

Gesetzessammlungen und Verbote im 13. Jahrhundert

 

Im Jahre 1215 musste König Johann I. Ohneland dem Adel die "Magna Charta libertatum" gewähren; er wurde dadurch an das "alte Recht" gebunden. Viele Einzelforderungen und Klauseln betrafen das Lehensrecht. Andere schützten die Kaufleute in ihrem Handel.

 

Das Gewohnheitsrecht in Deutschland wurde zur gleichen Zeit von Eike von Repkow im "Sachsenspiegel" mit Land- und Lehensrecht aufgezeichnet.

 

Überhaupt war es eine Zeit der rechtlichen Regelungen: Kaiser Friedrich II. musste 1220 in der "Confoederatio cum principibus ecclesiasticis" wichtige Regalien wie Markt-, Münz- und Zollrecht den geistlichen Fürsten überlassen, aber schon ein paar Jahre später in einem "Statutum in favorem principum" (1231) den weltlichen Fürsten die gleichen territorialen Herrschaftsrechte wie den geistlichen zugestehen.

Unterdessen hatte er in Sizilien einen modernen Staat gegründet mit besoldeten Beamten, Gesetzgebung und Staatsmonopolen sowie direkten und indirekten Steuern.

 

Ähnliches schufen Ludwig IX., der Heilige (1226-70), in Frankreich, Ferdinand III., der Heilige (1217-52), in Spanien und Heinrich III. (1216-72) in England. Allerorten entstanden Stadt-, Markt- und Zunftordnungen; um 1268 liess Ludwig IX. im "Livre des métiers" sämtliche Statuten der Pariser Gewerbe sammeln.

 

An der seit 1088 bestehenden Rechtsschule von Bologna hatte der Mönch Gratian um 1140 mit einer "ausgleichenden Zusammenstellung" wichtiger Texte des kirchlichen "kanonischen" Rechts (Decretum Gratiani) einen wichtigen Teil des späteren "Corpus iuris canonici" bestimmt. Papst Gregor IX. liess es 1234 erstmals kodifizieren. Es enthielt auch Vorschriften für den Umgang mit Wirtschaftsgütern. Das rechte Mass (moderatio) war das Grundprinzip der christlichen Wirtschaft, und die Arbeit besass zentrale Bedeutung und Würde.

 

Das Zinsverbot wurde aber in der sich allmählich ausbreitenden Erwerbs- und Marktwirtschaft seit dem 13. Jahrhundert aufgeweicht - auch in der Kirche selbst, die sogar am Betrieb von Frauenhäusern verdiente (E. Egner 53-65, 71-81; E. Salin 32-40; DDR-Autorenkollektiv 27-32, 46-52).

Von 1150-1350 war daher zur Umgehung des kanonischen Zinsverbots u. a. der "Rentenkauf" beliebt (W. Braeuer 180-183).

Johannes Buridan (um 1350) anerkannte erstmals offiziell das Gewinnprinzip und - wie schon sein Vorläufer Duns Scotus - die freie Preisbildung im Markt, wofür das Luxus-"Bedürfnis" genauso wichtig ist wie jedes andere.

Bernhardinus von Siena warnte dann wieder vor dem Luxus, indem er den "geplagten Ehemann" ins Feld führte, der nicht weiss, wie er die Modetorheiten seiner Gattin bestreiten soll (W. Braeuer 202).

Eine wissenssoziologische Analyse obrigkeitlicher "Marckht-Ordnungen" vom 12. bis 16. Jahrhundert bietet Wolf-Hagen Krauth (1984, 26-82).

 

"Durch ihre Rechtssätze suchte die Kirche die Völker zu erziehen", heisst es in einem Geschichtsbuch (Schib 194). Papst Innozenz IV. führte dazu 1252 auch die Folter ein. Zur gleichen Zeit sammelte Accorso in Bologna die sog. "Glossa ordinaria", welche für lange Zeit das iuristische Standardwerk bildeten. Auch eine Lehre vom Eigentum war darin enthalten.

1274 erliess Papst Gregor X. auf dem Konzil von Lyon das erste Gesetz gegen den Luxus. Kleiderordnungen waren schon das ganze Jahrhundert allenthalben erlassen worden (die erste bereits 1180 von Philipp II.)

 

Blüte der Renaissance im 15. Jahrhundert: Utilitarismus und andere neue Ansätze

 

Eine der vielen grossen Gestalten der Renaissance war Lorenzo Valla. In seinem Dialog "De voluptate" mit dem Untertitel "De vero bono" (1431, gedruckt 1483) begründete er den Utilitarismus.

 

Die Wiederentdeckung Epikurs und der natürlichen Lust lag damals in der Luft. Valla verlieh ihr zum erstenmal durchschlagende Kraft (H.-B. Gerl, 1974, 98). Er fasste die Lust als das einzige und wahre Gut auf, oder umgekehrt: "Jede Lust ist gut." Sie ist zugleich Voraussetzung und Folge der richtigen Praxis. Sie entwickelt die Personalität des einzelnen vor dem Hintergrund der ganzen Gemeinschaft (a.a.O., 141, 143). Tapferkeit und Gerechtigkeit sind Leerbegriffe.

Wenn man auf die Fakten (facta) schaut, sieht man erstens, dass jeder nach seinem Vorteil (commodum) strebt, zweitens: "Die Guten sind immer dem Nutzen gefolgt" (quod boni semper secuti sunt utilitatem) und drittens: Der Gemeinsinn (consensio communis) beurteilt eine Handlung nach ihren Auswirkungen; Massstab ist der Vorteil oder der Schaden, den sie öffentlich bewirkt. Es ist also nicht dem einzelnen überlassen, nach Willkür oder Sensibilität des Gewissens selber Gut und Böse zu interpretieren. Die Gemeinschaft übt einen Zwang zu ethischem Verhalten aus, so dass jeder sagen muss: "Wenn ich auch alles nur um meinetwillen tue, so will ich doch dem anderen daher nützlich sein, um in gleicher Weise auch mir nützlich zu sein."

 

In einer weiteren Schrift stellt Valla die Unwissenheit und Anmassung aller neueren Rechtsgelehrten bloss (a.a.O., 24), worauf er seinen Lehrstuhl verlor. Später arbeitete er an einem Dialog über die Willensfreiheit, von dem noch Luther begeistert war; Leibniz arbeitete ihn in seine "Theodizee" ein.

Weiteres Aufsehen erregte Valla mit einem Loblied auf die lateinische Sprache, mit der Aufdeckung der Konstantinischen Schenkung als Fälschung und der ersten wissenschaftlichen Bibelkritik. Unter seinen vielen Übersetzungen aus dem griechischen befindet sich auch die Führungslehre Xenophons.

 

Im Jahre 1400 hatte Giovanni Dominici, der später Kardinal wurde, ein Buch über Hauswirtschaft geschrieben: "Regola del governo di cura familiare". Er widmete es Madonna Bartolomea degli Alberti, einer Tante des vielseitigsten Renaissancemenschen, Leon Battista Alberti. Daher verwundert es nicht, dass das erste grosse Werk dieses "uomo universale" ein umfangreiches "Trattato del governo della famiglia" (1444) ist. Es heisst zwar oft, er sei an Xenophon orientiert. Doch wichtiger ist seine Aufnahme der aristotelischen und stoischen Tugendlehre.

Die Tugend besteht in der Einhaltung des Masses, der richtigen Mitte zwischen zwei Extremen. So liegt etwa Freigebigkeit zwischen Geiz und Verschwendung. "Aber siehst du, Lionardo", schreibt Alberti, "diese Verschwender, von denen ich eben sprach, missfallen mir, weil sie das Geld für unnötige Dinge ausgeben; und jene Habgierigen sind mir ebenfalls zuwider, weil sie von ihrem Besitz keinen Gebrauch machen, wenn es nötig ist; und ausserdem auch wegen ihres übertriebenen Verlangens." Richtig haushalten muss man vor allem mit drei Dingen, die der Mensch sein Eigen nennen kann: die Regung der Seele, den ihr gehorchenden Körper und die verfügbare Zeit.

 

Auch andere moral- und gesellschaftsphilosophische Schriften sind von Alberti bekannt. Neuerdings werden seine "Zehn Bücher über die Baukunst" (entstanden vermutlich 1450-1460, posthum gedruckt 1485) als Handbuch ökologischen Bauens (E. Rodenwaldt) und als Ursprung der bewussten Stadtplanung (C. W. Westfall) gepriesen. Seine "Drei Bücher über die Malerei" widmete er Brunelleschi, dem Erfinder der Perspektive; sie sind auch bedeutsam für die Mathematik. Alberti hat die Renaissance-Ideologie des "homo-faber" formuliert: "Für die Tätigkeit ist der Mensch geschaffen, und der Nutzen ist seine Bestimmung."

 

Schon Dante, Petrarca und Boccacio hatten das neue bürgerliche Ideal skizziert. Die Kanzler von Florenz, Coluccio Salutati (von 1375 bis 1406), Leonardo Bruni Aretino (1427-44) und Cristoforo Landino (1467-98) bauten es aus.

Petrarca hatte es bereits in der Verbindung so gegensätzlicher Tugenden wie Selbstgenügsamkeit und Gemeinsinn gesehen. Salutati meinte, das theoretische Wissen diene der Betrachtung des Wahren, die praktische Klugheit aber solle sich mit dem Guten, und zwar in der Gestalt des "Gemeinwohls", befassen.

 

Pier Paolo Vergerio entwickelte daraus 1404 ein Erziehungssystem: Es geht nicht allein um die Ausbildung zum Gelehrten, sondern um die Vorbereitung der Kinder auf ein tätiges, den Wettbewerb der Kräfte nicht scheuendes Leben in der Gemeinschaft.

Bald darauf wurden in Mantua und Ferrara Schulen eröffnet, die als Vorläufer der "public schools" gelten.

 

Matteo Palmieri entwarf dann 1438 ein umfassendes Bild "Della vita civile". Es löste den ritterlich-höfischen und priesterlich-mönchischen Lebensstil ab. Das Leben in der bürgerlichen Gemeinschaft ist Voraussetzung und Quelle aller Tugend. Das Handeln des einzelnen und alles Handeln in der Gemeinschaft soll von der Idee der Gerechtigkeit geleitet werden. Denn die herrschende gesellschaftliche Ordnung ist das Abbild einer göttlichen Ordnung.

Ebenfalls platonisch ist seine Behauptung: "Gott hat jedem menschlichen Geist ein Licht eingegeben, das dem Heranwachsenden zur Führung eines tugendhaften und glücklichen Lebens ausreicht - wenn er es nicht durch Laster auslöscht."

 

An der Hochschule von Padua, dem Hauptsitz der Aristoteliker, wurde damals das Studienfach "Ethik" eingeführt.

 

Ökonomisches lässt sich bei den gewaltigen Busspredigern Bernhardinus von Siena (ab 1417), Antoninus von Florenz (Pierozzi, auch Forciglioni) und Savonarola finden.

1939 beklagte Carl Brinkmann, dass sie mehr genannt als gekannt seien. Dabei hätten sie mit ihren Trichotomien der Wertbestimmung (durch Nützlichkeit, Seltenheit, Affektion, d. h. utilitas, raritas, complecibilitas) und den Preisstufen die Preistheorie durch die Jahrhunderte bis zur Wort- und Begriffswelt der Nutzentheorie des vergangenen Jahrhunderts (Walras) und bis zur heutigen Kasuistik der Preisspannen beeinflusst.

 

Das 15. Jahrhundert blieb aber eher arm an ökonomischen Schriften. Leonardo Bruni übersetzte 1420 für Cosimo Medici die pseudo-aristotelische "Ökonomie" erneut ins Lateinische; Dominici und Alberti schrieben über Hauswirtschaft.

 

Wenn man von Pegolottis bahnbrechendem Werk (1340) und den teilweise daran anknüpfenden Handbüchern von Uzzano (1442) und Chiarini (1458) absieht, kann man mit Dieter Schneider sagen: Die europäische Ökonomie für Handelsherren beginnt mit der kaufmännischen Erziehungslehre des napolitanischen Richters und Staatsministers Benedetto Cotrugli. In seinem 1458 geschriebenen - freilich erst 1573 gedruckten - Handbuch "Della Mercatura e del Mercante perfetto" sieht er die "Prattica" bereits als Tochter der "Theoretica" und beschreibt die doppelte Buchhaltung.

 

Der vielseitige Gelehrte Luca Pacioli soll um 1470 Alberti und Leonardo da Vinci kennengelernt haben. Seine berühmte "Summa de Arithmetica" (1494 italienisch, 1523 lateinisch) bleibt in vielem hinter dem zurück, was Kaufleute schon lange taten.

Filippo Calandri legte in seiner "Arithmetica" (1491) ein Rechenbuch für Kaufleute vor, das Multiplikationstabellen und Umrechnungstabellen für florentinisches Geld enthielt.

 

Aus England ist "The Libell of Englishe Policye" bekannt, ein Werk in Gedichtform, das ein unbekannter Autor zwischen 1436 und 1439 schrieb. Hier wird aus der Sicht der betroffenen Kaufmannschaft erstmals eine Orientierung der Politik nach ökonomischen Erwägungen gefordert (Horst Dippel 1981, 21).

 

 

D. Aufbruch der Neuzeit

 

Neue Betrachtungsweisen und Wissenszweige bilden sich heraus

 

Im 16. Jahrhundert lösten sich Moral- und Gesellschafts-, Rechts- und Staatsphilosophie, aber auch die Geschichtsphilosophie aus der mittelalterlichen Scholastik: Es wurden entdeckt, resp. formuliert:

·       Liebesethik (schon Ficino, dann Ebreo),

·       Vernunftethik (Melanchthon, Telesio, Lipsius) und Wirtschaftsethik (Reformatoren, Gegenreformation)

·       Utopien (Morus, Johann Eberlin, Hans Hergot)

·       Naturrecht (Melanchthon und Oldendorp 1539, Vitoria und de Soto 1547, Hemming 1577, Bodin 1577, Molina 1593, Mariana 1598)

·       Völkerrecht (Gentilis 1588, später Grotius)

·       Staatsgewalt (Machiavelli, Bodin) und Volkssouveränität (Longuet 1579, Beza und Hotmann, Buchanan und Bellarmin, Mariana, Althusius)

·       Geschichtsphilosophie (Machiavelli, Bodin), Geschichtsschreibung (Speroni, Viperano, Foglietta) und Universalgeschichte (Franck, Patrizi).

 

Reformation und wiedererstarkter Katholizismus prägen Theorie und Praxis des Wirtschaftens

 

Was den "Psychologen" die Unsterblichkeit der Seele und die Willensfreiheit, das war den "Ökonomen" der gerechte Preis und der Zins...

Den seelischen Vermögen stehen die materiellen gegenüber. Gemeinsame Grundlage ist das rechte Handeln, das Erfolg, Freude, Glück bringen soll. Neue Aktualität erlangte nun die Frage nach Einfluss und Funktion des Staates.

 

Daher dürfen Reformation (1517) und Gegenreformation nicht zu gering eingeschätzt werden. Sie haben einen grossen Einfluss sowohl auf die Praxis als auch auf die Theorie der Wirtschaft - sowie der Politik - ausgeübt.

 

Während sich Luthers Lehre von Württemberg bis Preussen, nach Wien und Siebenbürgen sowie in ganz Skandinavien und in den Baltischen Staaten ausbreitete, blieb die Lehre Zwinglis und verwandter Reformatoren auf die östliche Schweiz und vereinzelte Gebiete des Elsass und von Deutschland beschränkt. Von Genf aus verbreitete sich der Calvinismus nach Frankreich (Hugenotten), Polen, den Niederlanden, England (Puritaner) und Schottland (Presbyterianer).

Die bei Zürich entstandene Täuferbewegung fasste im Elsass, in Tirol, Mähren, Mitteldeutschland und in den Niederlanden (Mennoniten) Fuss. In Polen bildet der Unitarier Faustus Sozzini die Kirche der Sozinianer.

 

Da sich die Reformation wie ein Lauffeuer ausbreitete, musste die katholische Kirche ihre Abwehrkräfte sammeln. Eine Reaktion war die tatkräftige Reform des Papsttums durch Kardinal Carafa (später Papst Paul IV.), der auch die Inquisition erneuerte, und das Konzil von Trient, eine andere bestand in der Gründung von Orden, wie der Kapuziner, Jesuiten (Loyola, Canisius, Molina, Bellarmin, Suarez, Mariana) und Salesianer.

 

Vorwiegend zwischen den Fronten hielten sich die meisten Humanisten (Erasmus, Reuchlin, Melanchthon, Morus, Vives, Bovillus). Eine andere Mittelstellung nahm die anglikanische Staatskirche (1534/63) in England ein.

 

Luther betonte 1520, dass die "guten Werke" in der täglichen Arbeit des Menschen, etwa in der Kindererziehung und in der beruflichen Tätigkeit, zu suchen seien. Zwingli pries 1523 die Arbeit als "ein gut göttlich Ding". Beide bekämpften den Wucher. Johannes Calvin (1536) trieb die Zucht auf die Spitze. Aus seiner Forderung der "innerweltlichen Askese" ging nach Max Weber (1904-19) der kapitalistische Geist hervor.

 

Der Nachfolger Zwinglis, Heinrich Bullinger, verbreitete das reformatorische Gedankengut durch eine umfangreiche Korrespondenz in ganz Europa. Er hat etwa 7000 mal gepredigt. 50 Lehrpredigten wurden als "Dekaden" gedruckt. Sie gelangten in zahlreichen Übersetzungen und Auflagen zum Beispiel mit holländischen Handelsschiffen in alle Welt.

 

Von Luther ausgehend entfaltete sich in Deutschland eine reichhaltige "Hausväterliteratur" (Otto Brunner 1949/56; Julius Hoffmann 1959), von Calvin ausgehend im angelsächsischen Raum die sog. "domestic conduct books".

Während für Luther der Beruf (vocatio) schicksalhaft vorgegeben ist, bleibt er dem Puritaner nur aufgeben, d. h. er muss ihn erst suchen. "Er braucht einen Beruf, in dem er sich dadurch als sündiger Mensch rechtfertigen kann, dass er ihn mit gutem Erfolge wahrnimmt" (E. Egner 112).

 

Die Lutheraner waren wirtschaftlich eher konservativ. In der 1529 von Justus Menius in Wittenberg erschienenen "Öconomica christiana", zu der Luther das Vorwort schrieb, heisst es: "in der Ökonomie oder den Haushaltungen ist verordnet, dass ein jedes Haus christlich und recht (vom Hausvater oder Patriarchen) soll regiert werden, dass sich darinnen jeder nach seinem Stande und Gebühr, Mann, Weib, Kinder und Gesinde gegeneinander recht verhalten sollen, damit es allenthalben nach Gottes Befehl und Verordnung recht und wohl zugehe" (nach E. Egner 101f).