HomeFünf wichtige Einsichten

 

Siehe auch:    Gesammelte Lebensweisheiten

                        Steuern Meinungen unser Verhalten?

                        Polarität

                        Geschichte des Systemdenkens und des Systembegriffs

                        Systemwissenschaft

                        Bilder

 

 

Notizen zu einer Volkshochschulvorlesung, Juni 1987

 

 

Ich unterscheide an Orientierungshilfen für unser Leben, egal ob privat oder beruflich, individuell oder kollektiv, 4 Ebenen.

  • Die oberen beiden bilden Lebensweisheit und Lebenskunst,
  • die unteren beiden Meta-Regeln und gewöhnliche Regeln.

Die einzelnen Ebenen und Bereiche sind miteinander verknüpft, hängen miteinander zusammen. Wichtig ist aber vorerst einmal, zu schauen, was es darin alles gibt.

 

Lebensweisheit

 

Was ist Lebensweisheit? Sie besteht aus einigen wichtigen philosophischen Einsichten und wissenschaftlichen Erkenntnissen.

Und was ist Lebenskunst? Der von mir hochverehrte Zürcher Philosoph Erich Brock hat einst formuliert: "Lebenskunst: das sind viele kleine Künste".

Angeregt durch seine Vorlesungen in den 60er Jahren habe ich manches über die Polaritäten und Widersprüche des Lebens vor 20 Jahren in einem längeren Aufsatz über "die philosophische Haltung" zusammengestellt. Vor 10 Jahren habe ich einen Aufsatz über die "Ethik von Gesamtsystemen" verfasst. Etwas später habe ich mich ausgiebig mit dem Modelldenken herumgeschlagen und darüber auch geschrieben.

 

Das bedeutet: Was ich vortrage, ist nicht ganz aus der Luft gegriffen.

 

Wo findet man Lebensweisheit und Lebenskunst?

 

Wir können davon ausgehen, dass die Menschen, die vor uns gelebt haben, auch schon manches erlebt haben und erleiden mussten, und dass manche davon, die sich darüber Gedanken machten oder berichteten, uns einiges auf unseren eigenen Lebensweg mitgeben können.

 

Diese kollektiven Lebenserfahrungen finden wir etwa in der Bibel, in antiken und östlichen Weisheitslehren, in Mythen und Märchen, in Sprichwörtern und Redensarten (Siehe : Gesammelte Lebensweisheiten).

Aber auch Philosophen und Theologen, Dichter und Dramatiker haben viel Allgemeinmenschliches und viel Wissen eingefangen. Und schliesslich haben auch die Wissenschaften manches zum Verständnis der Welt beigetragen.

 

Dichter und Denker sind meist leicht zu lesen, physikalische oder psychologische Fachbücher dagegen nicht. Populäre Darstellungen sind freilich gefährlich; sie bieten oft nur winzige Ausschnitte und vereinfachen hierbei erst noch viel zu sehr.

 

Die 5 wichtigsten Gruppen von Einsichten fasse ich in 5 Formeln zusammen:

  • Polarität und Rhythmus
  • System und Interdependenz
  • Bilder und Deutungen
  • Pluralismus und Aspektivität
  • Der Mensch als "individuum ineffabile".

 

Gehen wir der Reihe nach:

 

Polarität und Rhythmus

 

Polarität und Rhythmus des Lebens lassen sich in verschiedenen Bildern veranschaulichen: im Januskopf, in der gespaltenen Zunge, im Pendel, im Abgrund, in der Waage und im Taigitu.

 

1. Was bedeutet der Januskopf? Jede Medaille hat eine Kehrseite! Man kann jedes Ding von zwei Seiten betrachten, z. B.

Das Wasser löscht die verzehrenden Flammen, aber es nährt auch das trockene Erdreich.

Oder weniger poetisch:

Angst kann lähmen, aber auch zu Leistungen antreiben, oder:

Dasselbe Verhalten kann als bornierte Sturheit oder hartnäckiges Am-Ball-Bleiben aufgefasst werden, oder:

Des Einen Freud, des Andern Leid.

 

2. Die gespaltene Zunge meint unsere Heuchelei:

Wir predigen Wasser und trinken Wein. Wie oft finden wir die grössten Moralisten, die strengsten Familienväter im Niederdorf. Wie oft stimmt das, was Politiker sagen, nicht mit dem, was sie tun, überein. Wie oft fordern wir von andern, was wir selber nicht zu leisten bereit sind.

 

3. Das Pendel weist auf das unaufhörliche Wechselspiel von Anspannung und Entspannung, Mangel und Sättigung hin.

Im Laufe der Weltgeschichte kommen und gehen die Strömungen und Dogmen, im Laufe des individuellen Lebens, ja im Verlauf eines Tages wechseln unsere Bedürfnisse und Ziele, Launen und Ansichten. Andere Erfahrungen sind: "Nach ein Räge schint d'Sunne."

 

4. Abgründe oder Klüfte gibt es viele, etwa zwischen Können und Wollen, zwischen Sein und Sollen, zwischen Tier und Mensch, Egoismus und Gemeinwohl.

Auch Widersprüche oder Gegensätze kann man hier anführen.

Es ist doch interessant, dass sich zu fast jedem Bibelwort oder Sprichwort eine gegenteilige Aussage finden lässt, z. B.

"Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in den Himmel kommt."

Demgegenüber: Gottes Ratschluss ist unerforschlich. Er lässt seine Sonne scheinen über Gerechte und Ungerechte.

Oder: "Einmal ist keinmal." Dagegen: "Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht."

Oder: "Jeder ist seines Glückes eigener Schmied." Dem steht die Beobachtung entgegen: "Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt."

 

5. Was können wir da tun? Versuchen, die Dinge wenigstens ins Gleichgewicht zu bringen. Vernunft und Gefühl, Anpassung und Widerstand, Strenge und Grosszügigkeit.

 

Verwandt damit ist das rechte Mass. Die Tugend wurde von Aristoteles definiert als die "rechte Mitte" zwischen zwei Extremen. So liegt etwa Tapferkeit zwischen Tollkühnheit und Feigheit.

Allerdings ist die Frage, ob das "goldene Mittelmass" genügend Energie gibt für mutige Taten. Braucht es nicht manchmal für schöpferische Leistungen Tollkühnheit? Geschah nicht manche Heldentat aus Feigheit?

Friedrich Schiller meinte, in der Mitte herrsche "energische Ruhe".

Erich Brock dagegen meinte: "Das Mittelmass ist wesenlos."

In der Offenbarung Johannis heisst es "lau".

 

6. Manches von solchen Zweiheiten und Widersprüchen ist im Taigitu zusammengefasst.

a) Zur Ganzheit braucht es immer zwei unvereinbare Sachen.

b) Mitten in der einen Seite steckt schon ein Kern der andern Seite.

 

Wir haben einmal von Mann und Frau gesprochen sowie von den Seiten in uns, die wir akzeptieren und vom Schatten, der uns begleitet, und den wir auch akzeptieren müssten. Das Selbst ist dann das Ideal der Ganzheit.

Es gibt anderes: Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen. Jedes Ende ist ein Neubeginn. "Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch" (Hölderlin).

 

Nun gibt es noch eine weitere Polarität, nämlich zwischen dem Polaren einerseits und demjenigen, was nicht polar ist. Was nicht polar ist, kann eine Einheit oder etwas Vielfältiges sein.

Ersteres kommt in der Grundpolarität von Harmonie und Spannung oder Liebe und Streit zum Ausdruck.

Das andere in dieser Zusammenstellung. Wir können das Ganze nicht auf einen Nenner bringen.

 

Heisst das auch, dass wir in solchen Polaritäten und Widersprüchen leben müssen. Ja. Ich behaupte: Sie sind überhaupt der Motor, der uns am Leben erhält. Sie sind wie das dauernde Ein- und Ausatmen das Lebenselixier.

 

Die andern vier Gruppen will ich etwas kürzer besprechen.

 

System und Interdependenz

 

"System und Interdependenz". Was heisst das?

Ich habe am Anfang unseres Kurses oft von Netzen gesprochen. Alles hängt mit allem zusammen. Nichts steht allein; was an einem Ort geschieht, hat weit weg Folgen.

 

Alles steht also in grösseren Zusammenhängen, auch das Taigitu oder eine Ich-Du-Beziehung.

 

Wenn man das etwas ordnen will kommt man zur Systembetrachtung. Ich halte sie für die wichtigste Errungenschaft seit dem Zweiten Weltkrieg. Sie ist allerdings älter, mehr als 200 Jahre. Ein Beinahe-Schweizer, Johann Heinrich Lambert aus Mühlhausen, das damals zugewandter Ort der Alten Eidgenossenschaft war, hat sie entwickelt.

Man kann sogar bis auf Aristoteles zurückgehen, der formulierte: "Das Ganze ist ursprünglicher als der Teil." Und: Jedes Ganze ist, mit anderen zusammen, eingebettet in ein höheres Ganzes, dieses wiederum in ein noch höheres Ganzes usw.

 

Nach dem Zweiten Weltkrieg hat man das genauer ausgearbeitet. Ein wichtiges Ergebnis waren die Weltmodelle. Sie zeigen grosse Kreisläufe und Wirkungsketten.

Dabei hat sich etwas Wichtiges herausgestellt. Diese Ketten sind so kompliziert, dass der Mensch sie in ihren Abläufen gar nicht fassen kann. Viele einzelne Wirkungsketten zusammen ergeben etwas, was unerwartet ist. Beispiele boten die Untersuchungen zu den "Grenzen des Wachstums". Das war 1972 und ist heute fast vergessen. Leider, denn der Ansatz ist gut.

 

Bilder und Deutungen

 

Ich komme zur dritten Gruppe wichtiger philosophischer Einsichten: Wir leben in Bildern und deuten sie.

Das beste Bild dafür ist die Theaterbühne. Wir können sagen: Das Leben ist eine Bühne. Wahrnehmen, Denken und Handeln heisst: Vorgänge und Rituale, Rollen und Maskeraden interpretieren, also deuten und darstellen.

Was im Laufe der Zeit am meisten ändert, das sind die Requisiten. Statt der Kutsche haben wir die Benzinkutsche, statt dem Abakus den Computer, statt dem Herdfeuer die Atomenergie, statt Steinschleudern Gewehre. Aber die aufgeführten Spiele sind über Jahrtausende dieselben geblieben.

 

Der freigelassene römische Sklave Epiktet formulierte um 100 n. Chr.: Nicht die Dinge ängstigen die Menschen, sondern die Vorstellungen, die sie sich von den Dingen machen.

Wir können auch sagen: Es sind vorwiegend Vorstellungen von möglichen Realitäten, die unser Fühlen und Denken bestimmen, nicht die Realitäten selber (Gehörtes, Vorurteile, Stereotypen, Ideale, Idole)

 

Es ist uns heute kaum bewusst, wie sehr wir in Bildern denken und leben. Meinungen und Vorstellungen, Vorurteile und Erwartungen sind meistens Bilder.

Heute Abend habe ich schon eine ganze Reihe Bilder gebracht: der Traditionsfaden, der gerissen ist, die gespaltene Zunge, die Waage, das Netz und gerade vorher die Bühne. Alles Bilder.

Und noch ein Bild: Wir sehen die Welt und die Mitmenschen durch eine Brille. Deren Gläser können rosa oder grau getönt sein, sie können, was zu sehen wäre, vergrössern, verkleinern, verzerren, verkehren.

Es ist schwierig, diese Brille zu putzen. Es gibt verschiedene Versuche dazu: die Selbsterforschung, die Wissenschaft, die Kunst, die Philosophie.

 

 

Pluralismus und Aspektivität

 

Weil diese Versuche nie ganz gelingen, gelangen wir zur vierten Gruppe von wichtigen Einsichten: Es herrscht ein Pluralismus von Dingen und Erkenntnissen, Einsichten und Ansichten. Es gibt einfach so viel, dass wir die Fülle gar nicht fassen können.

 

Alle unsere Versuche, die Welt in Bilder zu fassen, in Ordnungen zu bringen sind nur Ansätze, nie abgeschlossen, immer unvollständig. Neben dem, was wir erreicht oder erkannt haben, gibt es immer noch eine riesige Menge von anderem.

 

Das liegt nicht nur an unseren menschlichen, und daher endlichen, Vermögen und unserer beschränkten Fassungskraft, sondern auch an den Dingen selber. Wir können sie aus verschiedenen Blickrichtungen betrachten: Von hinten oder von vorne, von oben oder von unten, von nah oder fern, von aussen oder von innen. Das bedeutet: Wir haben nur Aspekte, eben: Ansichten.

 

Dies mag ein Grund dafür sein, dass wir so häufig so unbestimmt formulieren. Ich habe das bisher nach Möglichkeit vermieden.

Aber achten Sie einmal darauf, wie häufig wir lesen - oder selber sagen -:

- Meistens, im allgemeinen ist es so und so;

- praktisch, d. h. fast oder nahezu

- es scheint, es sieht so aus

- eigentlich sollte man, möchte ich

- nicht alle, nicht jedes.

 

Vielfach steckt dahinter nicht ein besonderes Differenzierungsvermögen, sondern eine Angst, die Dinge beim Namen zu nennen oder eine Unsicherheit darüber, wie es wirklich ist.

Schauen wir doch gerade diesen Satz selber an. Ich habe gesagt: "Vielfach steckt dahinter nicht ein besonderes Differenzierungsvermögen". Hätte ich entschieden sagen sollen: "Immer steckt Angst oder Unsicherheit dahinter"? Mit welcher Berechtigung aber kann ich sagen: Immer? Weiss ich das denn? Wenn ja, woher?

 

Ich behaupte: All unser Wissen ist vorläufig. Woran liegt das? Am Wesen des Menschen selber. Und damit komme ich zum fünften Gebiet wichtiger Einsichten: Was wissen wir eigentlich vom Menschen?

 

Der Mensch als "individuum ineffabile"

 

Die grundlegendste Aussage hiefür ist:

"individuum ineffabile est", d. h. das Individuum ist unausschöpfbar. Dieser Satz ist von Goethe. Goethe hat auch die Polarität als bedeutsam herausgestellt. Und auch auf den Menschen können wir die Polarität und die andern weisen Erkenntnisse anwenden.

 

Der Mensch ist sowohl Schöpfer wie Geschöpf der Kultur, ein personales und ein soziales Wesen, ein armer Erdenwurm und ein biologisches Wunder, ein Nichts und ein Kosmos im kleinen. Er ist ein biologisches System, ein "Ebenbild Gottes" und symbolbildendes Wesen, ein "nicht festgestelltes Tier", instinktunsicher und weltoffen.

 

Genug. Ich breche hier ab.

 

Fortsetzung: Gesammelte Lebensweisheiten

 




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