50 Jahre Fernsehen
- Rückblick eines sechzigjährigen Nicht-Fernsehers
Eine Entdeckungsreise ins eigene Gedächtnis
geschrieben im Sommer 2004
Ich bezeichne mich als Nicht-Fernseher, denn ich bin ohne Fernsehen aufgewachsen und bis zu meinem 50. Altersjahr besass ich nie einen Fernsehapparat. Dennoch ist in all den Jahren einiges zusammengekommen, das ich via Flimmerkiste zu sehen bekam. Es beginnt bei Perry Como und René Gardi, geht über die Vierschanzentournee und “Pension Schöller“ zu Bodybuilderinnen und einem nicht mehr ganz junger Mann in Frauenkleidern bis zu „Wetten dass …“, den Ereignissen um 9/11 und der packenden Serie „24“.
Inhalt Erste Fernseherfahrungen in Praxis und Theorie Völkerverbindend – Kultur und Natur vermittelnd? Von Serien über Aktualitäten bis zu Verfilmungen Weitere, meist ältere Kinofilme Wie der Vater, so der Sohn Wrestler, Bodybuilderinnen und Bikinischönheiten Brutalität, Quiz, Soap und Diskussionen über Sex Ich heirate eine bekannte Fernsehmoderatorin … Sport, „Wetten dass …“ und „Die Strassen von Berlin“ Terror, Krieg, Doping Fazit in 13 Punkten
"Jedesmal, wenn ein Mensch über Vergangenes berichtet, und sei er auch ein Geschichtschreiber, haben wir in Betracht zu ziehen, was er unabsichtlich aus der Gegenwart oder aus dazwischenliegenden Zeiten in die Vergangenheit zurückversetzt, so dass er das Bild derselben fälscht."
Sigmund Freud: Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. 1917, 21. Vorlesung; GW XI, 348.
Ich bin mein ganzes Leben ein passionierter Zeitungsleser geblieben. Dazu war ich dreissig Jahre lang täglich ein begeisterter Radiohörer, aber nur von 20 bis 22 Uhr, meist Südwestfunk (von der „Mittwochsparty“, dem „Garagenhupferl“ und dem Hörspiel „Das Jahr Lazertis“ von Günter Eich über Pit Klein, Sigi Harreis, Christine Davis, Frank Laufenberg und Chris Howland bis zu den „Rätselhaften Vier“, „Wer kann, der darf“ und dem „Grünen Salon“). In den 80er Jahren versäumte ich keinen „Doppelpunkt“ von Roger Schawinski auf Radio 24.
Erste Fernseherfahrungen in Praxis und Theorie
Meine Erfahrungen mit dem Fernsehen blieben stets punktuell und fragmentarisch. In meinem Elternhaus – einem Intellektuellen-Haushalt – gab es keine Fernseher. Ich war schon 12 Jahre alt als ich zum ersten Mal vor einem Fernsehapparat sass. 1956 durfte ich bei einem Nachbarn kurze Zeit die Perry-Como-Show und einige Afrikasendungen von René Gardi sehen. (Von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt starb René Gardi im Jahr 2000, Perry Como 2001).
Dann war zehn Jahre Pause, ausser einem kurzen Einblick in die Schwimmwettbewerbe der Olympischen Sommerspiele 1960 in Rom in einer Hotelhalle in Rom. Eine einzige Stunde versuchte es einmal ein Lehrer mit Schulfernsehen. Oder war es bloss Schulfunk?
Mit knapp 15 Jahren (Ende 1958) erwarb ich das Fischer-Lexikon „Film, Rundfunk, Fernsehen“ und arbeitete es mehrmals durch. Zweieinhalb Jahre später hielt ich in der Deutschstunde einen Vortrag „Film contra TV“, worin ich die Unterschiede zwischen Film und Fernsehen aufzeigte. Daraus machte ich einen Artikel, der aber nicht mehr erhalten ist. Nochmals drei Jahre später (Sommer 1964) verfasste ich für eine Kulturzeitschrift einen Beitrag unter dem Titel: „Weshalb ich gegen das Fernsehen bin“.
Bei meinem ersten Job auf der Redaktion einer Wochenzeitung 1965-1966 musste ich jeden Sonntagmorgen das Fernsehprogramm für die kommende Woche zusammenstellen. Die Unterlagen von der nationalen Fernsehstation kamen jeweils per Expressboten, der uns aus den Federn klingelte. Ohne jegliche Kenntnisse markierte ich nach Gutdünken jeweils einige Sendungen als besonders betrachtungswürdig fett.
Ein Grossereignis war das Endspiel der Fussballweltmeisterschaft 1966. Ich sah die Begegnung Deutschland-England (Bobby Charlton) in einem Kino mit Eidophor-Grossprojektion.
Völkerverbindend – Kultur und Natur vermittelnd?
1966-1984 habe ich manchmal in den Oster-, Herbst- oder Weihnachtsferien bei den Schwiegereltern in Norddeutschland im trauten Familienkreise Fernsehen geschaut, meist die grossen deutschen Unterhaltungsshows (z. B. von Michael Pfleghaar und vielfach mit den Kessler Zwillingen und zahlreichen, wie man damals sagte, „Hupfdohlen“), die Silvestergalas, die Wiener Philharmoniker unter Willy Boskovsky, Stummfilmklamauk mit Dick und Doof und Charlie Chaplin, die Vierschanzentournee am Jahreswechsel und immer wieder Eiskunstlauf und Eistanz. Unauslöschlichen Eindruck machte mir ein zweistündiges Interview mit Orson Welles - nach Mitternacht gesendet, nur sein Kopf in Grossaufnahme (Anfang Oktober 1972).
Beim weiteren Nachsinnen fördert das Gedächtnis für diese zwei Jahrzehnte doch noch einige weitere Sendungen zutage: etwas steif Anneliese Rothenberger, Hermann Prey und Dietrich Fischer Dieskau, aber auch Caterina Valente und Julia Miguenes, Freddy Quinn und Heino, Karel Gott, Peter Alexander und Willy Millowitsch, die Filme „Sissi“ (farbig, mit Romy Schneider), „Die Frau im Fenster“ (schwarz-weiss, mit Edward G. Robinson), eine englische Segelschiff-Klamotte aus der Serie „Ist ja irre …“ und einen kalifornischer Familienfilm mit Hund und Leuchtturm, ein Sehnsucht weckender Dokumentarbericht über Segelfliegen in Südafrika (1979/80), die Operette „Im weissen Rössel am Wolfgangsee“, „Pension Schöller“ mit Hermann Heesters („Bnut sonn fniessen“), musikalische Unterhaltung mit Paul Kuhn, Horst Jankowski und Richard Clayderman, den Les Huphreys Singers, den Fischer Chören und – fast hätte ich ihn vergessen – Udo Jürgens.
In einem Ausschnitt des Festivals von Sanremo (ein Rückblick auf 1970?) sahen und hörten wir Patty Pravo, von der wir mehrere Schallplatten besassen - mit streng nach hinten gebundenen weissblonden Haaren. Ich glaube mich zu erinnern, auch einmal Rita Pavone (klein und burschikos) und Gigliola Cinquetti (zart und blass) gesehen zu haben.
Von Serien über Aktualitäten bis zu Verfilmungen
Der Gewichtheber Ruedi Mangisch verzehrte 3-4 (oder sogar mehr?) Steaks pro Tag, Ivan Rebroff machte Furore mit seinem Pelzmantel, Rudi Carrell verblüffte mit einem Sketch à la „Mein Hut, der hat drei Ecken“, Harald Juhnke, Grit Böttcher und Günter Pfitzmann verbreiteten Fröhlichkeit, „Stars in der Manege“ verblüffte mit Kunststücken.
Ich sah je einmal Bonanza, Sesamstrasse, die Rappelkiste, die Biene Maja, Vip-Schaukel, „Was bin ich?“, Der Alte, Derrick, Dallas und einen langweiligen Louis-de-Funès-Streifen. Eindringliche Erlebnisse boten Apollo 8 (Weihnachten 1968), das Debakel der Sicherheitskräfte beim Münchner Olympia-Attentat sowie die die Entführung und Ermordung von Hans Martin Schleyer (5.9.1977), ein Comeback von Gitte, ein zauberhaftes Ballett „La fille mal gardée“, einen umwerfenden Emil als „Feuerwehrmann“, eine hervorragende DDR-Verfilmung von Fontanes „Effie Briest“ mit Angelika Domröse (1.1.1973), eine reizende Verfilmung der „Roten Zora und ihrer Bande“ und eine weniger geglückte von Eichendorffs „Schloss Durande“, ein mitreissender „Bolero“, dirigiert von Herbert von Karajan sowie spannende „Wetten dass …“ mit Frank Elstner. Höhepunkt war der Versuch, von einem Helikopter aus eine Nummer auf das Dach eines weissen Polizeiautos zu malen.
Vermutlich als psychologisches Experiment schaute ich an Silvester 1972 14 Stunden lang ununterbrochen Fernsehen. Einige Tage darauf, wieder zu Hause, formulierte ich einen Stosseufzer, wie man das alles bewältigen könne.
Weitere, meist ältere Kinofilme
Aus lückenhaft erhaltenen Notizblättern geht hervor, dass wir noch weitere Kinofilme via Fernsehapparat sahen. Ich erinnere mich aber an keinen mehr – ausser an den „Schatz der Sierra Madre“ und „Schützenfest“, die tatsächlich unvergesslich sind. (Sie gehören mit „East of Eden“, „Citizen Kane“, „Rio Bravo“, „Ladykillers“ und „Arsenic and Old Lace“ zu den wenigen Filmen, die ich zweimal sah.)
1968/69: „Meet John Doe“ mit Gary Cooper und Barbara Stanwyck (1941) „Er kann's nicht lassen“ mit Heinz Rühmann (1962) „The Treasure of the Sierra Madre“ mit Walter Huston und Humphrey Bogart (1948)
1971: „Séance – On a Wet Afternoon“ von Bryan Forbes mit Richard Attenborough (1964) „Jour de Fête“ von und mit Jacques Tati (1949) „The Lavender Hill Mob“ mit Alec Guinness (1951)
1972/73: „Ist Mama nicht fabelhaft?“ von Peter Beauvais (1958) „Wie der Vater so der Sohn“ (ein französischer Film von 1963)
1979/80: „Daddy Langbein“ mit Fred Astaire und Leslie Caron (1955) „Pinocchio“ mit Danny Kaye und Sandy Duncan“ (1976) „Ludwig II“ mit O. W. Fischer, Ruth Leuwerik, Marianne Koch und Klaus Kinski (1955) „Die Försterchristel“ mit Karl Schönböck und Johanna Matz (1952) „Ein Kapitel für sich“ von Eberhard Fechner über die Kempowskis (1979) „Timm Thaler“ mit Bruni Löbel (1979)
Wie der Vater, so der Sohn
Der Sohn, den ich mit meiner ersten Frau hatte, wuchs 19 Jahre ohne Fernsehapparat im Haus auf – wie mir scheint: ohne bemerkenswerte Defizite.
Wrestler, Bodybuilderinnen und Bikinischönheiten
Die Zeiten und das Fernsehen änderten sich.
1994-1996 verfügte ich in einem winzigen Appartement über einen winzigen Fernseher. An den vereinzelten Abenden, die ich dort verbrachte, machte ich mir den Spass, am späten Abend ohne Sinn und Ziel - und vor allem: ohne Ton – mehrmals die 50 Kanäle hinauf und hinunter zu zappen. Hängen blieb ich oft bei schmächtigen Boxern, die einander vor Erschöpfung, Angst oder Unfähigkeit umarmten, bei Wrestlern (lustig), Bodybuilderinnen (unästhetisch), Modeschauen und diversen automobilen Ungetümen, die lospreschten (dragsters) oder über andere Autos hinweg fuhren (monster trucks; stumpfsinnig). Dazu gab es Eisklettern und athletische Geschicklichkeitswettbewerbe über Hindernisparcours; manchmal versuchten Gleichgewichtskünstler mit Töffs über riesige Betonblöcke zu fahren, zu springen und zu balancieren.
Am italienischen Fernsehen quasselte bereits am früheren Abend ein angegrauter Herr, was das Zeug hielt und feixte in die Kamera, umkränzt von hochgewachsenen Blondinen in Abendkleidern. Dann kamen Bikinischönheiten, die ein Dutzend Männer rückwärts in einen Swimmingpool stiessen. Das spanische Fernsehen brachte häufiglangweilige Shows auf grosser Bühne, und die Nachrichten dazwischen wurden von einer zweiten „Sprecherin“ in Taubstummensprache begleitet. Portugiesen und Türken boten oft Familiengeschichten oder Sketches. Hin und wieder stiess ich beim Zappen auch auf Jay Leno und vielleicht auch auf David Letterman. Aber solche Sendungen sind ohne Ton nicht sonderlich fesselnd.
Deutsche Sender zeigten stundenlange Kamerafahrten mit dem Auto oder der Eisenbahn über Land – wohl eine Art nächtliche Pausenfüller. „Space Night“ beeindruckte mich nicht.
Brutalität, Quiz, Soap und Diskussionen über Sex
Schockiert war ich von einer Prügelszenen in einem französischen Film, vermutlich auf „M6“. Wochenlang verfolgte mich das Bild, wie eine Mann einen am Boden liegenden andern Mann unerbittlich fast zu Tode schlug, und etwa ein Dutzend andere rundum zuschauten. Noch in der Erinnerung wurde mir fast schlecht dabei.
Nach Quiz sah es aus, wenn drei oder fünf Kandidaten hinter einer Art Stehpult stehen mussten, auf deren Vorderseite elektronisch ihre Punktezahl aufleuchtete oder wenn eine junge Dame vor einer riesigen Wand mit Buchstaben hin und her sprang und einzelne Buchstaben umdrehte. Nach Soap (oder comedy, oder sitcom ?) sah es aus, wenn eine Familie mit halbwüchsigen Kindern auf dem Sofa sass, im Mittelpunkt eine stattliche Mutter mit wildem rotem Haar („Roseanne“?).
In einem Hotelzimmer sah ich irgendwann (vielleicht während der Skiferien) einen ergreifenden Schwarzweissstreifen über den Film- und Schlagerkomponisten Peter Kreuder, wie er am Klavier seinen Hit „Ich brauche keine Millionen, mir fehlt kein Pfennig zum Glück“ entwickelte (mit Johannes Heesters und Marika Rökk, „Hallo Janine“, 1939).
Im welschen oder französischen Fernsehen gab es - laut Fernsehprogramm in der Tageszeitung - (stumme) Diskussionen über Sex und ein Lüstling linste mit einem Feldstecher aus einem Dachfenster. Und immer wieder Fotografen mit leichtbekleideten Frauen in ihrem Studio. Sex-Gespräche gab es auch in Deutschland, bei einem mittelalterlichen Herrn in Frauenkleider und bei einer kessen Berlinerin mit schwarzem (Kraus-?) Haar. Alles als Anlass für Einspielungen mit Männlein und Weiblein in verschiedenen Graden der Nacktheit.
Ich heirate eine bekannte Fernsehmoderatorin …
Wie es das Schicksal so will: Meine zweite Frau war eine bekannte Radiostimme („Radio 24“) und von 1985-1989 auch Moderatorin beim Fernsehen. Ich habe keine ihrer Sendungen - „Sonntagsmagazin“, „Kultur aktuell“ und Yoga - gesehen. Das ist vermutlich die beste Voraussetzung für ein unbelastetes und harmonisches Privatleben.
Von den 17 Folgen ihrer esoterischen Serie („Akasha“, 1995) auf einem Privatsender sah ich höchsten eine oder zwei.
Per Zufall gerieten wir einst in ein Konzert von Barbra Streisand in Anaheim (1994) und blieben gebannt bis zum letzten Ton hängen. Wir waren hingerissen.
Tagesaktualitäten schauten wir – mit wenigen Ausnahmen (siehe später) - nie. Der Grossbildfernseher dient uns hauptsächlich zum Genuss von TV- und Kinofilmen ab Videokassette an langen Winterabenden.
Sport, „Wetten dass …“ und „Die Strassen von Berlin“
Regelmässig geschaut in den vergangenen 12 Jahren habe ich mit meiner zweiten Frau nur jeden Anfang August das Leichtathletik-Weltklasse-Meeting im Letzigrund. Hervorragend von der Kamera eingefangen waren die Sololäufe über 3000 Meter Steeple von Moses Kiptanui und über 5000 Meter von Haile Gebreselassie im August 1995; ebenfalls die drei Weltrekordläufe innert zwei Stunden zwei Jahre darauf. Ab und zu erfreuten wir uns an einem spannenden Halbfinal oder Final der Fussballweltmeisterschaften (beispielsweise der verschossene Elfmeter von Roberto Baggio 1994 oder der Sieg der Franzosen unter Zinedine Zidane 1998).
Gerne schauten wir ab und zu „Wetten dass …“ und fast immer Gottschalks „Hausparty“, die uns sehr gefiel. Dazu kamen je eine Folge von „Bezaubernde Jeannie“, Daktari“ und „Raumschiff Enterprise“ (welche drei Serien meine zweite Frau in ihrer Jugend so gern gesehen hatte), je einmal Schwarzwaldklinik, Tatort und „Ein Fall für zwei“, „Bella Block“, Traumschiff (vermutlich Südamerika), Wolkenlos (St. Lucia), einen Wettbewerb für Hochzeitspaare mit Linda de Mol und einige Male die Talks mit Margarethe Schreinemakers. In einer grossen Zaubershow von und mit David Copperfield sahen wir nicht nur, wie er die legendäre Frau zersägte, sondern auch wie er selber hoch in der Luft schwebte.
Beklemmung erzeugte „Der Schattenmann“ (1996). Eine Zeitlang erfreuten wir uns an der Serie „Die Strassen von Berlin“ mit einem dauernd mampfenden und nuschelnden Martin Semmelrogge, einer pfiffigen Nadeshda Brennicke, einem gediegenenen Dietrich Mattausch, der trotz seiner Blasiertheit kooperativ war, und einem spitznasigen, aber liebenswürdigen Ingo Naujoks.
Harald Schmidt fanden wir schon ganz am Anfang gut – als noch alle über ihn lästerten. Spitze war vor noch nicht allzulanger Zeit ein „Langer Samstag“ von Jörg Kachelmann mit Ellen und Alice Kessler (inzwischen etwa 68 jährig).
Schweizerisches
An Schweizer Produktionen sahen wir zwei Folgen einer USA-Reise mit Kurt Schaad (wobei ich vor dem Fernseher einschlief), einen vielstündigen Report von Röbi Koller und Jana Caniga über die „Langstrasse“, Benissimo (wegen eines Loses), dazu Teile eines „heissen Stuhl“, von „Money“ mit Martin Bosshard und eines „Zischtigsclub“ mit dem Gast Polo Hofer sowie zweimal den Schluss einer „Miss Schweiz“-Wahl. Von Christine Maier moderiert sahen wir ein „Sonntagskonzert“ am ZDF, einen „Prix Walo“ (wobei sie das Mikrophon so fest hielt, dass die Fingerglieder weiss hervortraten) und eine Zirkus-Gala in Monte Carlo. Ein- oder zweimal staunte ich über Frank Baumanns „Ventil“ – meine zweite Frau häufiger. Manchen Silvesterabend genossen wir unbeschwerten Spass mit Theaterstücken von Hans Gmür.
Zum Einschalten der „Tageschau“ veranlasste uns ein einzig das Hochwasser im Mai 1999.
Spannend war die Schweizer Version des Millionärs-Quiz mit René Rindlisbacher. Ferner erfreuten wir uns am Lokalkolorit und dem hölzernen Charme der Darsteller in ein oder zwei Schweizer-Folgen von „Tatort“ (z. B. „Time-Out“).
Terror, Krieg, Doping
Und schon wieder ändern sich die Zeiten und das Fernsehen.
Im neuen Jahrtausend habe ich die Ereignisse um 9/11, den anschliessenden Einmarsch der USA, mit Unterstützung Grossbritanniens, in Afghanistan und den Irakkrieg 2003 stundenlang viele Tage mitfiebernd am Bildschirm verfolgt. Zufälligerweise verfolgten wir auch die paar Tage rund um das Grounding der Swissair (2. Oktober 2001). Erschüttert haben mich Armut und Elend der Menschen in einem dreiteiligen Dokumentarfilm über die Ströme Chinas.
Leider stellte sich vor etwa zwei Jahren heraus, dass ein am Leichtathletik-Meeting staunenswert weit allein vorauseilende Läufer aus Marokko, den wir so sehr bewunderten, gedopt war. Seither mögen wir keine Sportanlässe mehr sehen.
Wenig gefiel mir die erste Folge (oder waren es die ersten zwei?) von „Dark Angel“. Dagegen sahen wir im Laufe der Zeit in Zweitausstrahlungen sämtliche Folgen der Serie „Gerichtsmedizinerin Dr. Ryan“. Da diese Folgen jeweils mindestens eineinhalb Stunden Dauer hatte, gehören sie ehre in den Bereich „Kino“.
Das Nonplusultra an Spannung bot kürzlich zweimal die „Real-time“-Serie „24“. Wir verfolgten während vieler Wochen fasziniert 47 Stunden. Eine Stunde, die wir wegen der wechselnden Programmierung – mal zwei, mal drei aufs Mal – verpassten, las ich meiner zweiten Frau ab einem Internet-Ausdruck des Plots beim (dadurch verzögerten) Kochen vor - *real time“: Wir sahen die Bilder vor unserem inneren Auge.
Fazit in 13 Punkten
1) Das Fernsehen ist heute ein zentraler Bestandteil aller nationalen Kulturen wie auch der globalen Kultur. Es beeinflusst fast alle Menschen auf dieser Welt in ihrem Leben und Denken, Fühlen und Streben.
2) Die Bildgewalt mancher Fernsehsendungen ist enorm. Aus gestalterischer Sicht sind aber die meisten Sendungen eher Fern-hören als Fern-sehen.
3) Das Fernsehen vermittelt – durch Auswahl und Darstellung von Personen und Orten, Ereignissen und Sachverhalten – trügerische Illusionen aller Art.
4) Die simple Tatsache, dass die Bilder unablässig bewegt sind, ist hauptsächlich dafür verantwortlich, dass Fernsehen süchtig macht – ganz unabhängig vom Inhalt. Hinzu kommt die vielfach aus einer täglichen leichten Enttäuschung erwachsene Hoffnung, dass es „morgen“ etwas Interessanteres, Attraktiveres, Spannenderes zu sehen gebe.
5) Ist das Fernsehen ein Zerrspiegel der Gesellschaft? Zeigt es, unbeabsichtigt, Zusammenhänge, die sonst verbrogen blieben? Verdeckt es Zusammenhänge, die man kennen möchte?
6) Es ist, obwohl ich mich bisher als Nicht-Fernseher bezeichnete, in den vergangenen 50 Jahren viel mehr zusammengekommen als ich dachte.
7) Ein „normaler Sterblicher“ müsste in 50 Jahren einige 100 Mal soviel Sendungen gesehen haben. Hat sich das alles auch in seiner “aula ingens memoriae“ (Augustin) abgelagert?
8) In Erinnerung bleiben kurze Szenen, nicht „Geschichten“, Stimmungen, nicht Fakten, und Behauptungen, statt Argumente.
9) Nie geschaut habe ich politische Diskussionsrunden, Gerichts-, Medizin- und Kochsendungen sowie die „versteckte Kamera“, „Pleiten, Pech und Pannen“ und Ratgeber, sehr selten Nachrichten, Dokumentar- und Naturfilme, Reiseberichte und klassische „Kultur“.
10) Von den vielen tausend Serien habe ich, mit wenigen Ausnahmen, keine einzige Folge gesehen. Das fängt an bei „Halstuch“ (1962), „Aktenzeichen XY“ (1967ff) und „Der Kommissar“ (1969-1976), geht über „Die Strassen von San Francisco“ (1972-1977), „Magnum“ (1980-1988), „Denver Clan“ (1981-1991) und „Baywatch“ (1989-2001) bis zu „Lindenstrasse“ (1985ff), „Gute Zeiten – schlechte Zeiten“ (1992ff) und „Big Brother“ (2000ff). http://www.fernsehserien.de/zwei-jahre-ferien.html http://www.wunschliste.de/index.pl? http://www.mengelke.de/tvsguide/jsmain.htm http://www.kabel1.de/serienlexikon/ http://www.familie-im-web.de/familie/cyberserien/
http://www.fiftiesweb.com/tv50.htm
11) Ich habe nicht das Gefühl, irgendetwas verpasst zu haben. Im Gegenteil: Ich habe hunderte von Stunden gewonnen für ausgiebige abendliche Gespräche, geselliges Beisammensein und gemütliches Essen, Betrachtungen von Natur und Sternenhimmel sowie Erleben von Wetter und Jahreszeiten.
12) Es sieht so aus, als hätte im vergangenen halben Jahrhundert eine Verrohung, Sexualisierung und Verflachung des Fernsehens stattgefunden – aber nicht der Realität. Der Zweite Weltkrieg war gewiss brutaler als das meiste, was wir heute erfahren, und unter der gutbürgerlichen Oberfläche versteckten sich stets fleischliche Genüsse, Gewalt und Banalität in den unterschiedlichsten Formen.
13) Ich habe viele schöne Stunden am Fernseher verbracht. Ich möchte sie nicht missen.
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