Home Unternehmer: Vom "dunklen" zum farbigen Mittelalter

                     Knappe Notizen

 

Siehe auch:     Kleine Börsengeschichte

                          Psychologisches Denken in der Ökonomie

 

 

Unternehmer war einst, wie Waldemar Wittmann kürzlich anführte, "der Ausstatter und Führer einer Handelskarawane, der sie durch Wüste, Wildnis und Felsengebirge leitete, es war der Fernhandelskaufmann, der ein Schiff mit Handelsware ausrüstete, die er an fernen Küsten gegen dort produzierte Güter tauschte, es war der Eigentümer einer Waffen- oder Tuchmanufaktur, der Bankier, der Wechselgeschäfte oder Geldleihe betrieb".

 

Schon das Wirtschaftsleben im frühen Mittelalter (500-1000 n. Chr.) war viel reger als man gemeinhin annimmt. Eine Übersicht über neuere archäologische Ausgrabungen, welche die spärlichen schriftlichen Dokumente weitgehend betätigen und ergänzen, gibt Richard Hodges ("Dark Age Economics", 1982).

 

Messen, Märkte und Sklavenhandel

 

In ganz Europa gab es Messen und Märkte, samt Abgaben und Zöllen. Schwerpunkte waren Paris und London, Pavia und Mainz, ferner die flandrischen Städte, die Provence und andere Küstengebiete am Mittelmeer sowie an Nord- und Ostsee.

 

Klein- wie Grosshandel, Fernhandel und Versorgung der Städte aus dem umliegenden Land wurden betrieben. Gehandelt wurde mit Lebensmitteln, Gebrauchswaren aller Art, Rohstoffen und Sklaven. Verdun war im 9. und 10. Jahrhundert ein berüchtigtes Zentrum: Die Sklaven wurden dort von der Ostgrenze der christlichen Königreiche zusammengezogen und über Arles in das mohammedanische Spanien gebracht. In den Emporien an der Ostseeküste, insbesondere in Hedeby, wurden - mit grösstem Gewinn für die sächsischen und friesischen Zwischenhändler - Sklaven, Edelmetalle, Pferde und Pelze gegen Wein, Waffen, Stoffe und Glaswaren getauscht.

 

Seeräuber

 

Zeitweise bewirkten arabische Seeräuber im Süden und skandinavische oder irische Piraten im Norden einen Rückgang des Warenaustausches. Doch die Kaufleute verlagerten einfach ihre Handelswege. Bedrohungen und Embargos stimulierten die Suche nach neuen Lösungen.

Umgekehrt erwog noch um 1671 Sir William Petty, einer der Begründer der Politischen Ökonomie, ob sich England nicht ganz auf Piraterie konzentrieren solle. Umfangreiche Geschichten des Handels, der Entdeckungen und Piraterie verfasste der Projektemacher, Kaufmann und Schriftsteller Daniel Defoe von 1713 bis 1728.

 

Namentlich bekannte Kaufleute

 

Einzelne Kaufleute sind schon aus dem frühen Mittelalter namentlich bekannt, etwa der fränkische Kaufmann Samo (7. Jh.) und der friesische Kaufmann Ibbo (8. Jh.).

 

Kurz nach dem Jahr 1000 ist erstmals eine Kaufmannsgilde eindeutig belegt: "Es ist dies die berühmte, wegen ihrer Gehässigkeit so ausserordentlich scharf beobachtende Beschreibung der Kaufleute von Tiel am Niederrhein und ihrer Gilde, die um 1020 der Mönch Alpert von Metz aufgeschrieben hat ... Alpert beklagt die fragwürdige Moral dieser Gilde und ihrer Mitglieder, ihre gottlosen Verbrechen, die Obszönität, die für ihre Versammlungen so charakteristisch sei" [1].

 

Ein weiterer namentlich bekannter Kaufmann war Godrich von Finchale (ca. 1065-1170). Zeitweilig betätigte er sich auch als Seeräuber. In der Midlife Crisis ("mediocris aetatis") packte ihn die Reue, und er wurde zum Heiligen. Als er auf die Hundert zuging, diktierte er seine Lebensgeschichte.

 

Vom „dunklen“ zum farbigen Unternehmertum

 

Die Zeitalter von Gotik und Renaissance brachten nicht nur staunenswerte Kunstwerke hervor, sondern auch ein ungemein farbiges Unternehmertum: Bau- und Handwerksmeister, Bergbauunternehmer und Gewerbetreibende, Grosskaufleute und Bankiers. Bald nach 1300 leitete eine Handvoll reicher Kaufleute in Florenz die gesamte Wollindustrie, die bis zu 30'000 Arbeiter beschäftigte. Sie praktizierten Arbeitsteilung und ein strenges Lohndiktat [2].

 

Die Illustrationen, die der Mönch Eadwin im 12. Jahrhundert für den "Canterbury Psalter" anfertigte, geben ein überaus farbiges Bild der damaligen Zeit, auch von Landwirtschaft, Handwerk, Handel und Freizeitvergnügen.

 

Berühmte Bankier-Familien waren seit dem 13. Jh. die Bardi in Florenz, seit dem 14. Jh. die Peruzzi und Medici.

 

Seit etwa 1300 stellte die englische Familie de la Pole zahlreiche Kaufleute in und um Hull [3].

 

Um 1343 verfasste der Florentiner Kaufmann und Agent der Bardi, F. B. Pegolotti [4], bereits ein Handbuch für Kaufleute: "La Pratica delle mercatura". Es gibt ein gutes Bild vom Handel und Handelswegen in ganz Europa.

 

Das Lebensbild eines toskanischen Kaufmanns der Frührenaissance zeichnete Iris Origo. Francesco Datini begann 1363 als Waffenhändler [5].

 

Jacques Coeur: einer der ersten internationalen Grosskaufleute und Unternehmer, reorganisiert die Finanzen des französischen Königreichs. Um 1450 übernahm er auch die Silber- und Bleiminen von Pampilieu im Lyonnais und machte daraus ein leistungsfähiges Montanunternehmen.

 

Grosse deutsche Handelsimperien bauten die Welser und Fugger auf.

 

Zu den weniger ehrenhaften Unternehmern zählten von 1400 bis 1800 die legendären „Merchant Adventurers“.

 

Fortsetzung siehe: Ein Manager ist kein Unternehmer!

 

 

Anmerkungen

 

1 Otto Gerhard Oexle: Gilden als soziale Gruppen in der Karolingerzeit. In Herbert Jankuhn et al. (Hrsg.): Das Handwerk in vor- und frühgeschichtlicher Zeit. Göttingen 1981, 284-354 (zit. 352).

 

2 Achatz von Müller: Der Feudalismus. Stadt und Land in Mitteleuropa. In Helmuth Schneider (Hrsg.): Geschichte der Arbeit. Köln: Kiepenheuer & Witsch 1980; als Taschenbuch Frankfurt: Ullstein Sachbuch Nr. 34120, 1983, 155-192; über die Florentiner Wollindustrie 187-192.

Vgl. auch John R. Hale: Die Renaissance. Time-Life International 1969 (engl. 1965), 75-84.

 

3 Edmund Boleslaw Fryde: William de la Pole. Merchant and King’s Banker (†1366). London: Hambledon 1988.

 

4 Francesco Balducci Pegolotti: La Pratica del mercatura. Kritische Ausgabe, hrsg. von Allen Evans. Cambridge, Mass.: The Mediaeval Academy of America 1936. New York: Kraus Reprint 1970.

 

5 Iris Origo: The Merchant of Prato. Francesco di Marco Datini (1335-1410). London: Jonathan Cape/ New York: Knopf 1957; Harmondsworth: Penguin Books 1963; erneut 1979, 1992;
it.: Il mercante di Prato. Francesco di Marco Datini. Milano: Bompiani 1958;
dt.: „Im Namen Gottes und des Geschäfts.“ Lebensbild eines toskanischen Kaufmanns der Frührenaissance. München: Beck 1985, 27; 3. Aufl. 1993; Berlin: Wagenbach 1997.

 

 

Literaturauswahl

 

Joseph Gies, Frances Gies: Merchants and Moneymen. The Economic Revolution 1000-1500. London: Barker/ New York: Crowell 1972.

Richard Hodges: Dark Age Economics. The origins of towns and trade A. D. 600-1000. London: Duckworth 1982; 2. Aufl. 1989.

Richard Hodges (Hrsg.): The Rebirth of Towns in the West AD 700-1050. London 1988.

Richard Hodges, William Bowden (Hrsg.): The Sixth Century. Production, Distribution and Demand. Leiden: Brill 1998.

Richard Hodges: Towns and Trade in the Age of Charlemagne. London: Duckworth 2000.

Richard Hodges: Dark Age Economics Revisted. In Herbert Sarfatij et al. (Hrsg.): In Discussion with the Past. Amersfoort: SPA 1999, 227-232.

Hendrick de Man: Jacques Coeur. Der königliche Kaufmann (1400-1456). Bern: Francke 1950.

Roberto Sabatino Lopez: The Commercial Revolution of the Middle Ages, 950-1350. Englewood Cliffs: Prentice-Hall 1971; Nachdrucke Cambridge, Mass.: Cambridge University Press 1976 und 1998.

Waldemar Wittmann: Der Unternehmer. Wiesbaden: Steiner 1986 (Vortrag 1985, 23 Seiten).

 



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