HomeGenius, Ingenium, Inspiration, Intuition, usw.

 

Geschrieben im Oktober 1984

[Abgedruckt im Sammelband: Innovation gewinnt. Kulturgeschichte und Erfolgsrezepte. Zürich: Orell Füssli 1997, als Kap .7: „Was ein Genie alles hat und braucht“, 77-85]

 

siehe auch:   Literatur: Ingenium/ Genie (1531-1996)

                       Literatur: Kreativität/ Schöpferkraft, Phantasie (1838-2004)

                       Literatur: Intuition (1782-2000)

                       Intuition

 

 

Im Sprachwandel verändern sich die Bedeutungen. Das soll im folgenden gezeigt werden.

 

Genius und Ingenium

 

Die lateinischen Ausdrücke genius und ingenium leiten sich vom Verb «geno = gigno» ab, was «zeugen, gebären» heisst und auf die griechischen Formen «geinomai, gignomai» zurückgeht. (Auch «Genus», Geschlecht, Gattung; «generell», die Gattung betreffend; «Genesis», Entstehung; «Generation» und «Genetik», ja sogar «König» stammen von der Wurzel «gen».)

 

Bei den Römern bedeutete genius eigentlich «der Leben-Erzeugende», im besondern die personifizierte Zeugungskraft des Mannes, dann die Gesamtheit der im Manne wirkenden geistigen Kräfte und auch der Schutzgeist, der mit ihm geboren wird. Ingenium bedeutete die «angeborene, natürliche Art» einer Sache oder eines Menschen und ist begriffsgeschichtlich gesehen die Übersetzung von gr. «euphyia». Dies wiederum bedeutet bei Platon und Aristoteles die gute Naturveranlagung und das Vermögen geistiger Tätigkeit. Damit ist die Bedeutungsüberlappung von «genius» und «ingenium» vorprogrammiert.

 

Aus «ingenium» wurde im Französischen im 12. Jh. engin in zweifachem Sinne als «intelligence, ésprit» und als «machine de guerre», ferner bald darauf der ingénieur als Konstrukteur von Maschinen (diese Bezeichnung wurde ins Deutsche übernommen). Auch die «génie»-Truppen leiten sich von daher ab. Ohne Zusammenhang damit entstand im 14. Jh. das Verb  s'ingénier (sich etwas ausdenken) und davon herrührend ingénieux (einfallsreich, ideenreich, erfinderisch).

Aus «genius» wurde nach 1500 im Französischen das Wort génie im Sinne von «caractère».

 

Ähnlich, allerdings auch unter Entlehnungen aus dem Französischen, verlief die Entwicklung in England: ingenium wurde im 14. Jh. über ingine zu engine in der Bedeutung

a)     «skill in contriving», «native talent»

b)     «artifice», «plot»

c)      «machine»

d)     als Verb «to contrive», «plan».

 

Der engineer (früher «ingeneer») taucht schon 1325 als militärischer Konstrukteur auf, während ingenious im 15. Jh. vom frz. «ingénieux» übernommen worden sein soll. Genius wurde seit 1390 für Schutzgottheit verwendet, erst etwa ab 1600 im Sinne von «character». Selten gebraucht wurden genial (hauptsächlich im Sinne von «angenehm») und genie.

 

Als in Frankreich «engin» und in England «engine» fast nur noch für Kriegsmaschinen verwendet wurden, besetzten «ésprit» resp. «wit» das Feld der andern Bedeutung.

 

Im Deutschen wurde «Genie», «ingenium», «genius» im 17. Jh. noch selten, erst im 18. Jh. häufig gebraucht. Dann traten ihnen auch bald «Geist» und «Witz» zur Seite.

 

Eine der schönsten Charakterisierungen eines Mannes gab Robert Whittinton im Jahre 1520 von Lordkanzler Thomas Morus:

„More is a man of an angel’s wit and singular learning; I know not his fellow. For where is the man of that gentleness, lowliness, and affability? And as time requireth a man of marvellous mirth and pastimes; and sometimes of as sad gravity: a man for all seasons.”

(Morus wurde 15 Jahre später auf dem Schafott hingerichtet.)

 

Verwandtschaft mit Melancholie und Wahnsinnn

 

Mindestens drei verschiedene Ausprägungen des Genie/Ingenium-Gedankens sind zu verfolgen: die psychopathologische, die psychologische und die ästhetische.

 

Unter Bezug auf ein an Aristoteles angelehntes «Problem» fasste Cicero lateinisch zusammen: «Aristoteles aber sagt, alle Ingeniösen (ingeniosos) seien Melancholiker.» Diese Verbindung von Ingenium und Melancholie setzte sich nun durch die ganze Geschichte, etwa über Marsilius Ficino (ca. 1480), bis zu Schopenhauer fort.

 

Eine zweite Linie ergab sich von Platon her, nach welchem im Genie ein Dämon unbewusst, göttlichen Wahnsinn bekundend, wirkt. Seneca formulierte daran anknüpfend: «Nullum magnum ingenium sine mixtura dementiae fuit.» [Übers.: «Keiner der schöpferischen Geister war frei von einer Spur Wahnsinn»; R.M.] Auch dies setzt sich bis Schelling, Novalis und Schopenhauer fort.

1859 führte dann J. Moreau de Tours Genie auf die «gleichen organischen Veränderungen» zurück, deren «vollständigster Ausdruck Wahnsinn und Idiotie» sind. Cesare Lombroso gelangte fünf Jahre später in seinem berüchtigt gewordenen Buch «Genio e Follia» zur These, dass «das geniale Schaffen Ausfluss einer degenerativen Form von Psychose» aus der «Familie der Epilepsie» sei. Er hat eine grosse Zahl von Nachfolgern gefunden, am bekanntesten darunter wurden Otto Weininger und Wilhelm Lange-Eichbaum, welch letzterer in «Genie, Irrsinn und Ruhm» (1928) auch die Verehrergemeinde des «Genies» kritisch unter die Lupe nahm.

 

Vor allem in der Theorie der Dichtung und Rhetorik stellte man daher dem «ingenium» (wie früher schon der Invention) das «iudicium» (das Urteil) als Gegengewicht gegenüber.

 

Unterschiedliche Begabungen

 

Bald nach 1500 begannen die ersten als Psychologen bezeichenbaren Denker die Verschiedenheit der Begabungen zu behandeln. «Examen de ingenios para las Ciencias» (1575) von Juan Huarte wurde rasch ein Bestseller. Es wirkte über Montaigne auf Descartes' «Regulae ad directionem ingenii» (um 1628). Lessing übersetzte es 1752 ins Deutsche als «Prüfung der Köpfe».

Huarte ging davon aus, «dass es für einen Menschen vergeblich ist, sich mit etwas abzuplagen, wofür er von der Natur nicht hinreichend ausgerüstet ist». Er empfahl daher dem spanischen König Philipp II. - dem er sein Werk widmete -, man müsse die jungen Menschen auf ihre Fähigkeiten untersuchen, damit man sie nach gebührender Prüfung zu demjenigen Studium veranlassen können, zu welchem sie besonders geeignet seien.

Huarte gab auch bereits eine Definition der Intelligenz, die er durch drei Merkmale bestimmte:

  • fügsame Gelehrigkeit beim Lernen von einem Lehrer
  • Verstandeskraft und Unabhängigkeit des Urteils
  • Inspiration ohne Zügellosigkeit.

Ursachen für die unterschiedlichen Begabungen hat er verschiedene ausfindig gemacht, insbesondere sah er mannigfache Verbildungen zwischen Persönlichkeit (Anlage, Physiologie) und Umwelt (Klima, Lebensweise). Grundlage dafür war ihm die altgriechische Temperamentenlehre mit der Unterscheidung von feucht und trocken, kalt und warm. Manche Erklärungen bleiben freilich phantastisch. Immerhin ist manches erst in neuerer Zeit in anderer Weise bestätigt worden, etwa der Einfluss des Klimas, der Hormone und der Ernährung auf Charakterzüge und Intelligenz.

 

Der vielseitige Francis Galton, ein Vetter von Charles Darwin, hat in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts manches davon aufgenommen. Er untersuchte u. a. «Genie und Vererbung» (1869), begründete die Zwillingsforschung (1875), wandte die Statistik auf die Charakterforschung an (benützte schon den Begriff «Korrelation») und verwendete als erster Fragebogen (1879). 1884 eröffnete er an der internationalen Gesundheitsausstellung in London ein «Anthropometrisches Laboratorium».

 

Genie-Theorien

 

Aristoteles hat die «euphyia» mit der Dichtkunst zusammen gebracht: «Der geniale Mensch vermag es leicht, sich in alle möglichen Situationen zu versetzen», und: Die richtige Verwendung von Metaphern «ist ein Zeichen natürlicher Begabung, denn gute Metaphern erfinden, heisst einen guten Blick für Ähnlichkeiten haben (homoion theorein)».

Über Quintilian (1. Jh. n. Chr.) hat sich dieser Ansatz einerseits in die Ingenium-Theorie des Manierismus und der Barockdichtung im 17. Jahrhundert in Italien und Spanien, anderseits in die Genie-Theorie der französischen und englischen Klassik (17. und 18 Jh.) verzweigt.

 

Göttliche Schöpferkraft

 

Diese Genie-Theorie wurde ziemlich genau um 1750 in Deutschland rezipiert (kurz nachdem Christian Wolff und Alexander Baumgarten noch «ingenium» definiert hatten) und rasch mit «göttlicher» Schöpferkraft in Verbindung gebracht. So nannte Herder Shakespeare «Schöpfer, Dichter, dramatischer Gott», und Goethe meinte, dass in Shakespeare und seinen Menschen die Natur «weissage».

 

Der Sturm und Drang feierte dann das Genie als radikale Emanzipation aus allen Voraussetzungen und Vorgegebenheiten zur reinen «Subjektivität». Gemäss der «totalen Poetisierung der Welt» durch die Romantiker wurden «alle Menschen Künstler».

 

Friedrich Schlegel formulierte sogar um 1800 einen «kategorischen Imperativ der Genialität» für jedermann; es sei nur der sittlichen Verwilderung zuzuschreiben, «dass nicht ein jeder Mensch Genie hat»; «Genie zu haben» sei «der natürliche Zustand des Menschen». Just zur gleichen Zeit behauptete aber Schelling, Genie sei «nur das Übergewicht der einen Seelenkraft über die andere und insofern eine Krankheit, eine Abnormität, eigentlich nur eine Art des Wahnsinns, in der Methode ist».

 

Schopenhauer setzte dem Genie wieder den «gewöhnlichen Menschen», «diese Fabrikware der Natur» entgegen und der Kunst als Kontemplation der Ideen die Musik als «Abbild des ganzen Willens». Letzteren Gegensatz nahm Nietzsche auf: Apollo ist der «verklärende Genius des principii individuationis», Dionysus (Richard Wagner) «der in völliger Selbstvergessenheit mit dem Urgrunde der Welt eins gewordene Mensch». Bekanntlich hat Nietzsche Wagner bald als «grossen Schauspieler» erkannt und eingestanden: «Alles, was ich über Richard Wagner gesagt hatte, ist falsch». Wagner «macht alles krank». Damit wird das Genie zum «blinden Seekrebs», der gelegentlich etwas fängt.

Unbeschadet dieser Ernüchterung in den 1880er Jahren und unbeeinflusst von den psychopathologischen und bald auch soziologischen Deutungen haben die Philosophen noch einige Zeit weiter über das Genie theoretisiert und disputiert.

 

Göttliche Eingebung

 

Der Begriff Inspiration hat in der Theologie und in der Ästhetik verschiedene Bedeutungen. Ausgangspunkt für beide ist aber die Vorstellung einer göttlichen Eingebung, «Einhauchung».

 

Schon im alten Ägypten und im Judentum herrschte die Auffassung, die heiligen Texte seien von der Gottheit selber geschrieben oder diktiert. Ferner beruhen die historischen Berichte von Dichtern und die prophetischen Aussagen der Orakel (z. B. von Delphi) oder der biblischen Propheten auf Inspiration. Damit verbunden ist auch die Begeisterung (enthousiasmon) und als Sonderfall die Ekstase.

Noch das Zweite Vatikanische Konzil von 1965 erklärte, dass die Bücher des Alten und Neuen Testaments in ihrer Ganzheit als «heilig und kanonisch» gelten, «weil sie unter der Einwirkung des Heiligen Geistes geschrieben (Spiritu sancto inspirante conscripti)…, Gott zum Urheber haben und als solche der Kirche übergeben sind».

 

Seit Homer und Hesiod beriefen sich manche Dichter auf Eingebungen der Musen. Gegenauffassung war vor allem im Mittelalter bis zum 18. Jh. die Vorstellung vom «poeta doctus», der mit Gelehrsamkeit oder Ingenium sinnreiche Werke schreibt. Erst die deutsche Klassik fasste Poesie wieder als «etwas Heiliges». Begeisterung und Genie kennzeichnen den Dichter bei Sulzer und Goethe. Letzterer sagte über seine Gedichte: «Ich machte sie nicht, sie machten mich.»

 

Hegel hielt zwar noch an Begeisterung und Genie fest, setzte dem aber die «Bildung durch den Gedanken», «Reflexion auf die Weise seiner Hervorbringung sowie Übung und Fertigkeit im Produzieren» gegenüber. Nietzsche formulierte mit Blick auf Beethovens Notizbücher: «Alle Grossen waren grosse Arbeiter, unermüdlich nicht nur im Erfinden, sondern auch im Verwerfen, Sichten, Umgestalten, Ordnen.» In extremer Weise kann man seit Baudelaire und Valéry Poesie, Malerei und Musik als Logik oder Mathematik fassen. Dem traten dann der Surrealismus und Dadaismus gegenüber.

 

Seit dem 14. Jahrhundert wurde der Begriff Einfall sowohl als unerwarteter, hinderlicher Zwischenfall wie auch als «göttliche Eingebung» verwendet.

Kant ordnet Einfall dem «lebhaften oder feinen Witz», Einsicht der «gründlichen oder scharfsinnigen Urteilskraft» zu. Beides sind Vermögen, «die Einbildungskraft dem Verstande zu Diensten anzuwenden». Damit wird die alte Auffassung wieder aufgenommen, wonach ingenium oder invention durch das «iudicium» zu prüfen sind.

 

Das hat sich bis in Karl Raimund Poppers «Logik der Forschung» (1935) gehalten: Der Forscher hat Hypothesen aufzustellen und zu prüfen. Nach Georg Klaus kann das schöpferische Denken durch «‹geniale Einfälle›, durch Glück usw. zu Lösungen kommen»; es ist nichts anderes «als eine besondere Form der Trial-and-error-Methode». Was diese Methode auszeichnet, ist, «dass sie systematisch den Zufall berücksichtigt».

 

Die psychologische und pädagogische Untersuchung des Einfalls und seiner Konsequenzen wurde von Johann Friedrich Herbart vorbereitet und in der Denk-, Lern-, Gestalt- und Intelligenzpsychologie seit der Jahrhundertwende vollzogen.

 

Erleuchtung und Phantasie, Imagination und Vorstellung

 

Der Begriff Erleuchtung oder Einleuchtung (eklampsis, photismos u. ä.; illuminatio) hat in religiösen Erscheinungen (Mysterien, Gnosis, Neuplatonismus) wie in der Erkenntnistheorie eine lange Geschichte. Seit Platon beruht die Möglichkeit der Erleuchtung darauf, das die Ideen (oder Gott) selber «Licht» und daher unverborgen (alethaia = Wahrheit) sind.

 

Schon bei Platon setzt die Erleuchtung das Durchschreiten von fünf Stufen voraus; bei Plotin sind es drei, bei Proklos wieder fünf. Am verbreitetsten wurde folgende Dreiheit der Mystik:

-           Reinigung, Läuterung (katharsis; prugatio)

-           Erleuchtung (eklampsis; illuminatio)

-           Einung, Vollendung (enosis, teleiosis; perfectio).

 

Phantasia hiess bei den alten Griechen «das Vermögen, die Erscheinungen wahrzunehmen» (von phasis, phainomenon = Erscheinung, das Erscheinende). Seit dem Begriff im Lateinischen (phantasia) die "imaginatio" und «repraesentatio» zur Seite traten, überschneiden sich die Bedeutungen - erst recht, als dann im Deutschen neben Verdeutschungen auch die lateinischen und griechischen Ausdrücke beibehalten wurden.

 

Die Überschneidungen rühren von den verschiedenen Auffassungen darüber her, was im Menschen und in der Aussenwelt überhaupt passiert. Aristoteles kennt eine ganze Reihe von Seelenteilen oder Vermögen, deren Leistungen und Objekte, z. B.

  • das Wahrnehmungsvermögen (aisthetika)
  • die Organe (aistheterion)
  • das Wahrnehmen (aisthanaistai)
  • das Wahrnehmbare (aistheton)
  • und das Ganze (aisthesis).

 

Ähnliches gilt für die «phantasia», dt. meist mit «Vorstellung» übersetzt. Sie befindet sich irgendwo zwischen Wahrnehmung und Denken. Sie beruht auf der Wahrnehmung und erzeugt Vorstellungen (phantasmata); allerdings gibt es auch Vorstellungen (horamata) ohne Wahrnehmung, nämlich im Schlaf. Und zudem können wir sie aus dem Gedächtnis holen und uns vor Augen stellen.

 

Weil also die Vorstellung von der Wahrnehmung ausgeht und das «Gesicht» das wichtigste Wahrnehmungsvermögen ist, erhielt die Vorstellung ihre Benennung vom Lichtschein (phaos), weil man ohne Licht nicht sehen kann. Zweitens ist Sehen bildhaft, daher sind Vorstellungen vorwiegend bildhaft. Deshalb verwendeten die Römer die Bezeichnung «imaginatio», die Deutschen «Einbildungskraft». Was der Volksmund heute als «blosse Einbildung» bezeichnet, spiegelt nur noch einen schwachen Abglanz einer der vielfältigsten Auseinandersetzungen der Philosophiegeschichte.

 

Die Stoiker fassten «phantasia» als Abdruck (typosis) in der Seele, als Modifikation (alloiosis) oder Zustand (pathos) derselben, der zugleich auf seine äussere Ursache hindeutet. Sie unterscheiden anschauliche (aisthetikai), unanschauliche und kataleptische «phantasia». Letztere ist die «evidente Vorstellung», die ein reales Objekt uns aufdrängt. «Phantasma» fassten sie, gerade umgekehrt als Aristoteles, als lebhafte Vorstellung auf, wie sie etwa im Schlaf auftritt.

 

Augustin unterschied reproduktive, produktive und synthetische Phantasie.

 

Die Scholastiker knüpften wieder an Aristoteles an: die phantasia (oder imaginatio) behält als Vermögen aus der Wahrnehmung Vorstellungen (phantasmata) zurück, welche den Gegenstand repräsentieren. Diese phantasmata sind bei Thomas von Aquin das Material für den produktiven Teil des Intellekts («intellectus agens»), der es - wie die Sonne die äusseren Gegenstände - erleuchtet und so die allgemeine Gestalt («species intellegibilis») für den aufnehmenden Intellekt («intellectus possibilis») sichtbar macht.

 

Bei Descartes, der von innen, vom «cogito» ausgeht, ist die «imaginatio» die Fähigkeit der verbildlichenden Anschauung reiner intellektueller Einsichten. Sie weist also von «innen» nach aussen, obwohl ihre Phantasievorstellungen selbsterzeugt sind («ideae a me ipso factae»).

Zur selben Zeit teilte Francis Bacon die menschliche Wissenschaft in drei Abteilungen ein, die sich auf jeweils eine Eigenschaft des menschlichen Geistes beziehen: Geschichte auf das Gedächtnis, Dichtung auf Imagination, Philosophie auf den Verstand. Darauf nahm noch 1751 d'Alembert in der Einleitung zur Enzyklopädie Bezug.

 

Um 1700 wurde Imagination in England und Frankreich vor allem in Zusammenhang mit der Dichtkunst diskutiert. In Deutschland dagegen blieb sie noch länger im Einzugsgebiet der Philosophie. Paracelsus hatte zuerst «imaginatio» mit Einbildung verdeutscht. Christian Wolff legte nun wie für so viele andere Begriffe auch hier eine nachhaltig wirksame Definition fest: «Die Vorstellung solcher Dinge, die nicht zugegen sind, pfleget man Einbildung zu nennen. Und die Kraft der Seele, dergleichen Vorstellungen hervorzubringen, nennet man die Einbildungskraft.» Der Verstand ist dagegen das «Vermögen, das Mögliche deutlich vorzustellen».

 

Kant hat diese Auffassung übernommen: «Einbildungskraft ist das Vermögen, einen Gegenstand auch ohne dessen Gegenwart in der Anschauung vorzustellen» (Kritik der reinen Vernunft, B 151).

 

Um die Mitte des 18. Jahrhunderts wird der Begriff «Einbildungskraft» zusehends durch «Phantasie» ersetzt.

 

Unter phänomenologischen Gesichtspunkten untersuchten Jean-Paul Sartre 1940 die Imagination und das Imaginäre, Hans Kunz 1946 die Phantasie. Letzterer meinte, im Phantasieren sei das Ich einem «Bilderstrom» hingegeben, im Denken jedoch greife es mehr oder weniger ordnend in ihn ein. Kunz grenzt die Phantasie von den Wahrnehmungen und Sinnestäuschungen einerseits, von den Gefühlen und Stimmungen anderseits ab, ferner von Trieb, Willen und Wünschen.

 

Intuition und Anschauung

 

siehe auch:  Intuition

 

Intuitio(oder intuitus) ist die lateinische Übersetzung für gr. epibole. Bei Epikur (ca. 300 v. Chr.) bedeutet letztere das «schlagartige Erfassen» des ganzen Erkenntnisgegenstandes im Unterschied zur nur «partiellen Erkenntnis». Später wurde dem intuitiven Erkennen das «diskursive» Erkennen gegenübergestellt, von Duns Scotus das «abstraktive» Erkennen, von Descartes die Deduktion, von Leibniz die «symbolische» Erkenntnis.

 

1747 brachte dann Crusius den deutschen Begriff «Anschauung» (ursprünglich für lat. contemplatio gebraucht) ins Spiel: «Es ist also die anschauende Erkenntnis diejenige, da man sich ein Ding durch dasjenige vorstellet, was es an sich selbst ist.»

Kant erklärte die Entgegensetzung von intuitiver und symbolischer Vorstellungsart für falsch, da «die symbolische nur eine Art der intuitiven ist», und dies weil durch eine symbolische «Darstellung» ein Vernunftbegriff auf «analoge» Weise «zur Anschauung» komme.

 

Bald darauf wurde der Begriff Intuition durch «intellektuelle Anschauung» ersetzt. Schopenhauer griff wieder auf Duns Scotus zurück. Eduard von Hartmann (1869) verlegte die Intuition ins Unbewusste; sie ist ihm «der Pegasusflug des Unbewussten». C. G. Jung hat dann Intuition fast ganz zum unbewussten - und irrationalen - Prozess gemacht.

Zur selben Zeit wie von Hartmann brachte Droysen das «Verstehen» mit der Intuition zusammen. Bergson knüpfte daran an.

 

1892 erhob Hans Larsson die Intuition zum Prinzip aller dichterischen und auch gewisser wissenschaftlicher Erkenntnisse. Er fasste das Denken als dreistufigen Prozess: Wahrnehmung, Abstraktion, Intuition. Bei Edmund Husserl ist Intuition «reine Wesensschau», und Max Scheler behauptete: «Intuitive Erkenntnis ist eine contradictio in adjecto.»

 

 

Literatur

 

siehe: Nachschlagewerke für Begriffsgeschichte

 

 



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