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Hinweise auf Theorien, Forscher, Ergebnisse

in 3 Teilen

 

Inhalt

Teil I: Die Grundlage: Handlungstheorien

"Humanisierung des Arbeitslebens" ohne Persönlichkeitsförderung?

Hervorbringendes und verantwortliches Handeln

1930er Jahre: vielfältige Wurzeln der Handlungstheorie

Unbekannt: Praxeologie und Analytische Handlungstheorie

Um 1980: Höhepunkt der Handlungstheorien

Teil II: Handeln nach Bildern und Plänen

Der Meilenstein: "Plans and structure of behavior" (1960)

Was ist ein Plan?

Der Mensch belehrt seine Organe

Wie entstehen solche Pläne?

1973: Winfried Hacker präzisiert und modifiziert

Drei Ebenen der Regulation

Teil III: Hierarchie und Kontrolle, Kompetenz und Motivation

1974: Walter Volpert beschreibt die Handlungskompetenz

Soziale Hierarchie erzeugt Arbeitsteilung

Freiheit = Nutzung höherer Regulationsebenen

Tätigkeitsanalysen ohne Ende

Endlich: die Berücksichtigung der Motivation

Eigentlich steuert die Kultur unser Verhalten

Dennoch: die Menschen fühlen, denken und handeln unterschiedlich

Literatur (1960-1987)

 

 

 

Teil I: Die Grundlage: Handlungstheorien

 

"Humanisierung des Arbeitslebens" ohne Persönlichkeitsförderung?

 

Seit 1974 läuft das von den Bundesministerien für Forschung und für Arbeit gemeinsam durchgeführte Aktionsprogramm "Humanisierung des Arbeitslebens" in Deutschland. Es will durch praxisorientierte Forschungspolitik beispielhafte betriebliche Lösungsvorschläge zur Gestaltung menschengerechter Arbeitsbedingungen entwickeln und erproben. Die Schriftenreihe, die sich daraus ergeben hat, umfasst mittlerweile über 60 Bände.

Aus der Schweiz ist insbesondere der Lehrstuhl für Arbeits- und Betriebspsychologie an der ETH Zürich (Prof. Dr. Eberhard Ulich und Mitarbeiter) beteiligt.

 

 

Ulich hat 1972 die Idee des "Handlungsspielraums" eingeführt. Daraus liessen sich "Neue Formen der Arbeitsgestaltung" (1973), insbesondere die Forderung nach einer "differentiellen" Arbeitsgestaltung (1978) ableiten. Diese sollte "dazu beitragen, eine optimale Entwicklung der Persönlichkeit in der Auseinandersetzung mit der Arbeitstätigkeit auf dem Hintergrund interindividueller Differenzen zu gewährleisten". Der individuellen Persönlichkeitsentwicklung im Laufe langjähriger Arbeit sollte durch eine zusätzliche dynamische Arbeitsgestaltung Rechnung getragen werden.

 

Ulich und Mitarbeiter hatten sich also auf die Seite des einzelnen geschlagen, was etwa in Untersuchungen über Arbeitszufriedenheit (1974/75) und psychische Belastung (1981/82) sowie in der Entwicklung der "subjektiven Arbeitsanalyse" (Andreas Alioth, Ivars Udris, 1977) resp. Tätigkeitsanalyse (1981) seinen Ausdruck fand.

 

Gerade die Bemühungen um persönlichkeitsfördernde Arbeitsplätze wurden jedoch 1982/83 in der Überprüfung des Programms "Humanisierung des Arbeitslebens" durch den Deutschen Bundestag und die Bundesregierung fallen gelassen. Gefördert wurden fortan nur noch zwei Richtungen:

 

  • "Schutz der Gesundheit durch Abwehr und Abbau von Belastungen" und neu
  • "menschengerechte Anwendung neuer Technologien".

 

Eine wichtige Grundlage für das interdisziplinäre Bemühen zur Förderung der Lebensqualität am Arbeitsplatz spielt die sogenannte "Handlungstheorie". Lange Zeit wurde der Mensch als ein Organismus betrachtet, der auf Reize reagiert (Behaviorismus) oder auf materielle Anreize anspricht (Taylorismus). Nachdem man ihn eine Weile als informationsverarbeitendes System untersucht hatte, entdeckte man, ihn als handelndes Wesen wieder.

 

Damit erfasst man zwar nur einen kleinen Ausschnitt aus den vielfältigen Aktivitäten des Menschen und den mannigfachen Vorgängen, die sich in ihm abspielen. Stoffwechselvorgänge und Gefühle, Schlaf und Tagträume, reflexartige oder impulsive Bewegungen, Erleben, Ausdruck und vieles andere bleiben ausser acht. Zielbewusstes Handeln und dessen Planung und Steuerung macht nicht den ganzen Menschen aus. Aber im Wirtschaftsleben, so meinen und hoffen wir, spielt es die zentrale Rolle.

 

Hervorbringendes und verantwortliches Handeln

 

Aristoteles hatte unter anderem folgende Unterscheidung getroffen:

 

  • praktisches Können als "ein auf das Hervorbringen abzielendes Verhalten, das von richtigem Planen geleitet wird" und
  • sittliche Einsicht als "eine mit richtigem Planen verbundene, zur Grundhaltung verfestigte Fähigkeit des Handelns, des Handelns im Bereiche dessen, was für den Menschen wertvoll oder nicht wertvoll ist".

 

Diese Differenzierung zwischen Hervorbringen eines "Werks" und wertvollem Handeln als reinem Tätig-sein, als Endziel, das wir um seiner selbst willen erstreben, hat sich längst verwischt.

Allerdings hat noch der Philosoph Nicolai Hartmann (1950) die Verantwortung für das Handeln betont: "Während man mit jedem Ding etwas tun kann, hat das Handeln den besonderen Akzent, dass auf ihm das Gewicht des Sittlichen liegt"

 

Aber die neuere Psychologie ignoriert die Philosophie und alle ihre Gedanken sowohl zum sittlichen Handeln (Spinoza, Kant, Fichte, Schleiermacher, Hegel, usw.) als auch zur Frage, ob der Verstand Werkzeug des Handelns (z. B. Schopenhauer, Bergson) oder das erfolgreiche Handeln Kriterium der Wahrheit (Pragmatismus) sei.

 

Auch für die Unterscheidung von Aktivität, Akt und Aktion, Handeln und Handlung, Können und Kunst, Arbeiten und Produzieren, Machen und Schaffen, Praxis, Pragmatik und Praktik, Tat, Tätigkeit und Tun, Benehmen und Verhalten könnte man sich auf kluge Köpfe in der Vergangenheit stützen.

 

1930er Jahre: vielfältige Wurzeln der Handlungstheorie

 

Die Wurzeln der Handlungstheorie liegen in den dreissiger Jahren unseres Jahrhunderts:

 

• In der Soziologie griffen Alfred Schütz (1932) und Talcott Parsons (1937) auf die Theorien des sozialen Handelns von Emile Durkheim, Vilfredo Pareto und Max Weber zurück.
G. H. Mead begründete Ende der 20er Jahre (die Schriften erschienen posthum 1934 und 1938) das, was man heute "Symbolischen Interaktionismus" nennt.
Sein Schüler Charles W. Morris entwickelte 1938 die "Grundlagen der Zeichentheorie".

 

•In der Psychologie erweiterte Edward Chace Tolman (1932) das Konzept des Behaviorismus auf "zielorientiertes Verhalten".
Narziss Ach fasste seine jahrzehntelangen Forschungen über die "determinierenden Tendenzen" in seiner "Analyse des Willens" (1935) zusammen, William Stern seine personalistische Psychologie, in welcher der Akt eine wichtige Rolle spielt, in seiner "Allgemeinen Psychologie" (1935).
Kurt Lewin stellte 1935 seine "dynamische Theorie der Persönlichkeit" und ein Jahr darauf seine dynamische Motivationstheorie ("Principles of Topological Psychology") vor.
Henry A. Murray stellte in seinem Buch "Explorations in Personality" (1938) dar, dass die Gegebenheiten und Zwänge der Umwelt (press) und die Bedürfnisse des Individuums (need) bei der Entstehung von Verhaltensweisen beteiligt sind.

 

• Der Anthropologe Ralph Linton führte in seinem Werk "The Study of Man" (1936) die Unterscheidung von Rolle und Status ein, wobei Rolle die dynamische Seite der sozialen Position (status) ist, welche jemand einnimmt.

 

• Richard Albert Wilson (1937) untersuchte die Entstehung der Sprache; ein Schüler des Sprachforschers Edward Sapir, der jung verstorbene Benjamin Lee Whorf untersuchte in den dreissiger Jahren Indianersprachen und vertrat die These, dass das Denken und Erkennen der Welt von sprachlichen Mustern abhänge.
Eine andere "Sprachtheorie" (1934) stellt der Psychologe Karl Bühler auf (vgl. auch seine "Ausdruckstheorie" 1933).
Jean Piaget, der seit 1919 die geistige Entwicklung von Kindern untersuchte, legte 1932 Untersuchungen über "das moralische Urteil beim Kinde" (im gleichen Jahr auch englisch; dt. erst 1954) vor; "la naissance de l'intelligence" und "la construction du réel" folgten 1936 und 1937.

 

• Im Todesjahr von L. S. Wygotski, 1934, erschien sein Werk "Denken und Sprechen". Wygotski gilt als Begründer der sowjetischen "kulturhistorischen Schule", die von seinen Schülern A. N. Leontijew, P. Galperin und A. R. Luria weitergeführt wurde.
Im Westen fand diese Richtung vor allem in der Kritischen Psychologie von Klaus Holzkamp Beachtung.

 

• Kurt Gottschaldt untersuchte den "Aufbau des kindlichen Handelns" (1933), F. J. J. Buytendijk (1933) und Johan Huizinga (1938) widmeten sich dem Spiel. Viktor von Weizsäcker entwickelte in seinem "Gestaltkreis" (1940) eine Theorie über die Einheit von Wahrnehmen und Bewegen.

 

• In der Arbeitspsychologie entdeckte man die "Human Relations" (Elton Mayo 1933; Fritz Jules Roethlisberger und William John Dickson 1939); Fritz Giese legte eine "Philosophie der Arbeit" (1932) vor, und Walther Moede machte Vorschläge zur "Arbeitstechnik" (1935).

 

• Mit der Philosophie des Handelns befassten sich Louis Lavelle (1934) und Wilhelm Grebe ("Der tätige Mensch", 1937).
Eine Auseinandersetzung mit der auf Aristoteles beruhenden Unterscheidung von "Akt und Potenz" im neueren Thomismus bot Lorenz Fuetscher (1933).

 

• Dem Lösen von Problemen widmeten sich N. R. F. Maier (1930/31), Leo J. Brueckner (1932), Karl R. Popper (in "Logik der Forschung", 1934) und Helen E. Durkin ("Trial and Error",1937). Karl Dunckers Buch über die Psychologie des produktiven Denkens (1935) erschien 10 Jahre später unter dem Titel: "On problem solving".

 

• Erste Ergebnisse der Vergleichenden Verhaltensforschung (Konrad Lorenz 1937/39; Nicholas Tinbergen) und der Verhaltensphysiologie (Erich von Holst 1937) wurden bekannt.

 

• In einer biologisch-philosophischen Anthropologie stellte Arnold Gehlen (1940) den Menschen als "handelndes Wesen" vor, das für seine Zukunft arbeitet, sich selbst und seine Umwelt nach Prinzipien gestaltet, also Kultur schafft.

 

Unbekannt: Praxeologie und Analytische Handlungstheorie

 

Weitgehend unbekannt ist bis heute eine Strömung geblieben, die nach 1910 vom polnischen Philosophen Tadeusz Kotarbinski begründet wurde: die Praxeologie. Sein Hauptwerk, der "Traktat über die gute Arbeit" (poln. 1955) erschien 1965 auf englisch unter dem Titel: "Praxiology; An introduction to the sciences of efficient action."

 

Auch die Schriften von A. Bogdanov ("Tektologie", russ. 1922; dt. 1926) und E. G. Slutsky (1926), später von Ludwig von Mises ("Human Action", 1949) und Oskar Lange über politische Ökonomie (poln. 1959-78; engl. 1963 und 1971) können dazu gezählt werden.

 

In der Philosophie verbanden sich diese formalen Ansätze mit der Analytischen Handlungstheorie (z. B. L. Apostel: "The formal structure of action", 1952; G. H. v. Wright: "Norm and action", 1963; dt. 1979).

 

Um 1980: Höhepunkt der Handlungstheorien

 

Die Theorien des Handelns erlebten ihren ersten Höhepunkt um das Jahr 1980. Dabei gibt es mehrere Gebiete, wo solche aufgestellt und behandelt werden:

  • in der Soziologie, z. B. im strukturell-funktionalen Ansatz, im Symbolischen Interaktionismus
  • in der Psychologie, insbesondere in der Arbeitspsychologie, aber auch in der ökologischen Psychologie
  • in Psychotherapie, Klinischer Psychologie und Konfliktberatung
  • in der Geschichtswissenschaft
  • in der Linguistik (Sprechakte, Sprachhandlungen)
  • in der Philosophie, z. B. in der praktischen Philosophie, in der analytischen Philosophie und in der Ethik als Analytische Handlungstheorie, Handlungslogik, Pragmatik usw.
  • in der Kritischen Theorie (Holzkamp, Habermas)
  • in den Kommunikationswissenschaften (z. B. G. A. Miller, P. Watzlawick)
  • in der Pädagogik (Brezinka, Mollenhauer, Derbolav)
  • in der Kulturanthropologie.

 

Zu unterscheiden von all diesen Ansätzen ist die sogenannte Handlungsforschung, die auf Kurt Lewins in den 40er Jahren entwickeltes Konzept des "action research" zurückgeht.

Es handelt sich dabei nicht um eine Theorie, sondern um eine Forschungsmethode, mit der menschliches Handeln empirisch erforscht und während des Forschungsprozesses zugleich beeinflusst werden soll, und zwar in zweierlei Hinsicht: auf seine Veränderung und die der gesellschaftlichen Verhältnisse hin.

 

Eine Übersicht über die vielen verschiedenen Ansätze bieten die sechs von Hans Lenk (1977-84) herausgegebenen Bände "Handlungstheorie interdisziplinär".

Speziell über die Theorien und neueren Forschungen in der Psychologie der Handlung geben zwei Sammelbände auf Englisch, herausgegeben von Gerald Phillip Ginsburg, Marylin Brenner und Mario von Cranach (1985) sowie von Michael Frese und John Sabini (1985) Auskunft.

 

 

Teil II: Handeln nach Bildern und Plänen

 

"Demzufolge wäre das Training von inneren Modellen und Strategien eine Methode zur Verminderung psychischer Belastung."

Winfried Hacker 1974 (gedruckt 1976)

 

 

Der Meilenstein: "Plans and structure of behavior" (1960)

 

Einen Meilenstein bildete 1960 das Buch von George A. Miller, Eugene Galanter und Karl H. Pribram: "Plans and the structure of behavior" (dt. erst 1975).

Die Autoren stützten sich auf Kybernetik, Computerwissenschaft und moderne Linguistik und wollten beschreiben, "wie die innere Vorstellung, die ein Organismus vom Universum hat, die Handlungen steuert".

 

Innere Vorstellungen bilden das "organisierte Wissen", über das der Mensch verfügt, das "Bild", das er sich von der Welt und von sich selber macht. Nun hat er aber noch etwas anderes im Kopf, nämlich eine Fülle von Plänen. "Ein Plan ist jeder hierarchische Prozess im Organismus, der die Abfolge von Operationen (Handlungen) kontrollieren kann."

 

Was ist ein Plan?

 

Ein solcher Plan entspricht dem Programm eines Computers, allerdings mit mehreren Unterschieden:

• Die Abfolge der Schritte muss nicht bis in alle Einzelheiten festgelegt sein; er kann auch der Entwurf einer Handlungsrichtung sein, "welcher nur wie in einem Inhaltsverzeichnis die Hauptüberschriften enthält".

• Es muss sich nicht um lange und ausgeklügelte Reinschriften handeln"; "grobe, skizzenhafte, flexible Antizipationen genügen normalerweise".

• Der Plan ist nicht unabhängig von den Bildern, dem organisierten Wissen, vielmehr fliesst dieses in den Plan ein. Gespeicherte Daten können also Bestandteile von Programmen sein.

• Durch die Ausführung von Plänen, also durch die Handlungen und deren Konsequenzen verändert sich das Wissen: Die Ausführung des Programms erzeugt neue Daten oder verändert alte.

• Lange nicht alle Pläne sind realisierbar, sei es weil wir nicht klug oder stark genug sind, oder aus anderen Gründen.

• "Vermutlich revidieren wir unsere Pläne ununterbrochen, nachdem wir mit der Ausführung begonnen haben. Normalerweise registrieren wir diese Änderungen nicht, sondern führen bloss so rasch als möglich den neuen Plan aus."

• Ausser im Schlaf sind wir dauernd am Ausführen von Plänen. "Solange Menschen leben und handeln, müssen sie immer dem einen oder anderen Plan folgen ... Der Gedankenstrom kann nie aufhören zu fliessen."

 

Zwar kann nur ein Plan aufs Mal ausgeführt werden. Aber "meistens wird der Plan auch noch während der Ausführung mit andern Plänen um den Vorrang kämpfen". Nun gibt es drei Möglichkeiten:

1. Der erste Plan setzt sich durch und wird fortgeführt.

2. Er wird unterbrochen. Die noch nicht ausgeführten Teile werden als "Absichten" gespeichert.

3. Der Mensch versucht, Handlungen auszuführen, mit denen "gleichzeitig" mehrere Pläne vorangetrieben werden können.

 

Für den letzteren Fall braucht es eine übergeordnete Koordination.

 

Pläne selbst bestehen nun meist aus verschiedenen Phasen, von denen jede ihren eigenen Plan hat, der auch wieder aus Unterplänen bestehen kann, usw. Pläne sind also vielstufige ineinandergeschachtelte Handlungsentwürfe.

 

Der Mensch belehrt seine Organe

 

Das Grundmuster auf allen hierarchischen Ebenen bildet nach Miller et al. die TOTE-Einheit. Das bezeichnet eine Rückkoppelungsschleife mit den Schritten:

  • Test,
  • Operate,
  • Test,
  • Exit.

In der ersten Phase wird ein bestehender Zustand ("Ist") mit einem angestrebten Zustand ("Soll") verglichen. Ergibt sich dabei eine Abweichung, wird eine Handlung ausgeführt, um sie zu verringern oder ganz zu beseitigen.

Darauf folgt ein zweiter Ist-Soll-Vergleich. Zeigt dieser, dass immer noch eine Abweichung besteht, wird nochmals eine Handlung mit nachfolgendem Abweichungstest ausgeführt.

Erst wenn der Ist- mit dem Sollzustand übereinstimmt, wird keine Handlung mehr ausgeführt (Exit).

 

Das ist die Beschreibung des alltäglichen Sachverhalts, dass wir bei unserem Tun stets darauf achten sollten, ob wir dem Ziel überhaupt näher kommen.

Schon 1954 hat Konrad Lorenz den Unterschied von Mensch und Tier darin gesehen: "Wenn ein Mensch einen Gegenstand bearbeitet, beruht diese Leistung darin, dass er während seines Tuns dauernd die 'Antwort' des Objektes registriert und seine weitere Tätigkeit danach steuert" (1965, II, 237).

Das entspricht der Beobachtung, die Goethe kurz vor seinem Tod (1832) Wilhelm von Humboldt mitgeteilt hat: "Die Tiere werden durch ihre Organe belehrt ... ich setze hinzu: die Menschen gleichfalls, sie haben jedoch den Vorzug, ihre Organe dagegen wieder zu belehren."

 

Wie entstehen solche Pläne?

 

• Sie können "sich unbemerkt entwickeln, während wir uns bemühen, mit dem Durcheinander von Ereignissen im täglichen Leben fertig zu werden".

• Sie können durch "Nachahmung oder sprachliche Instruktion von einer anderen Person übernommen" werden.

• "Neue Pläne gehen in der Regel wohl aus alten hervor. Jedesmal, wenn wir sie brauchen, möbeln wir sie zwar ein bisschen auf, im Grunde sind es jedoch immer dieselben alten Pläne mit einigen kleineren Abänderungen."

• Sie können aus einem übergeordneten Metaplan, der nur die grossen Linien angibt, je nach Bedarf abgeleitet werden.

 

Pläne hängen sehr eng mit unseren sprachlichen Fähigkeiten zusammen; sie lassen sich oft sprachlich formulieren. Daher können wir sie einerseits andern Menschen mitteilen, anderseits erfordert die Ausführung von Plänen, die uns grosse Anstrengungen abverlangen, ein inneres Sprechen: "Wir wiederholen im stillen unsere mündlichen Befehle, während wir uns auf die Aufgabe konzentrieren."

 

Es dauerte ein ganzes Jahrzehnt, bis in Europa diese Gedanken von Miller et al. aufgegriffen wurden. Zu den ersten, die vom TOTE-Modell sprachen, gehören:

  • Gerhard Kaminski: "Verhaltenstheorie und Verhaltensmodifikation", 1970.
  • Werner Kirsch: "Entscheidungsprozesse", II, 1971.
  • Heiner Legewie, Wolfram Ehlers: "Knaurs moderne Psychologie", 1972.

 

1973: Winfried Hacker präzisiert und modifiziert

 

In den Jahren 1967-1971 arbeitete Winfried Hacker mit seinen Mitarbeitern an der Technischen Universität Dresden eine "Allgemeine Arbeits- und Ingenieurpsychologie" (1973) aus. Auf dem Hintergrund der sowjetischen Psychologie, insbesondere von Altmeister Sergej L. Rubinstein (1935/40 und 1957), wurden die Ideen von Miller et al. umformuliert und präzisiert:

 

• Aus dem "Bild", das sich ein Mensch von sich selbst und der Umwelt macht, grenzt er, in Anlehnung an D. A. Oschanin (1966), "operative Abbilder" aus. Sie bilden das "operative Abbildungssystem" (OAS) als Gesamtgefüge der kognitiven Abbilder eines Arbeitsprozesses einschliesslich seiner Bedingungen und Auswirkungen. Das OAS ist also inhaltlich und strukturell auf die zu regulierende äussere Tätigkeit bezogen.
An diesem Bild "ist das Handeln des Arbeitenden orientiert, an ihm erfolgt die Bewertung erfasster Zustände oder das Kalkül von Massnahmen".

 

• Statt von "Plänen" spricht Hacker von Aktionsprogrammen. Sie umfassen bewusste Handlungsprogramme, aber auch "nichtbewusste (darüber hinaus sogar nichtbewusstseinsfähige) Realisierungsprogramme für Teilziele (z. B. die Bewegungsentwürfe)". Sie sind Bestandteile des OAS und hierarchisch ineinander verschachtelt.

 

• 1974 (gedruckt 1976) ergänzte Hacker: "Vermutlich existiert eine begrenzte Anzahl von generativen Programmen, welche die erforderlichen Aufbauregeln für die eigentlichen realisierenden Aktionsprogramme enthalten und die Erzeugung zunehmend detaillierter Unterprogramme im Bedarfsfalle bewirken."
Schon Miller et al. haben sich ausführlich mit solchen Metaplänen auseinandergesetzt.

 

• Die charakteristische Binnenstruktur dieser regulierenden Funktionseinheiten bildet bei Miller et al. die TOTE-Einheit. Hacker modifiziert sie zur "Vergleichs-Veränderungs-Rückkoppelungseinheit" (VVR-Einheit).
Diese Einheit ist einerseits "offen" für den Vergleich auch mit Führungsgrössen, anderseits für die Rückwirkung von Veränderungen der Umwelt, die sich durch das Herstellen des Produkts ("Verändern") ergeben.

 

Drei Ebenen der Regulation

 

Neu ist ferner die Unterscheidung von drei Ebenen, auf denen die psychische Regulation von Arbeitstätigkeiten - sowie von andern Handlungen - erfolgt:

 

1. Auf der sensumotorischen Ebene werden weitgehend automatisierte Bewegungsabläufe ausgelöst und kontrolliert.

2. Auf der perzeptiv-begrifflichen Ebene werden vorwiegend routinierte Verhaltensweisen gesteuert.

3. Auf der intellektuellen Regulationsebene spielen sich die Vorgänge ab, die beim Entwerfen von Aktionsprogrammen sowie bei der Ausführung und Überprüfung von Handlungen (VVR-Einheiten) bewusst werden.

 

Das Handeln des Menschen ist durch das Zusammenwirken aller drei Regulationsebenen gekennzeichnet.

Das lässt sich am Autofahren verdeutlichen: Es erfordert Gangschalten (1. Ebene), Tempo- und Richtungsregulation, z. B. beim Linksabbiegen (2. Ebene) und Aktionsprogramme, z. B. das Anfahren einer Adresse in einer unbekannten Stadt (3. Ebene).

 

 

Rainer Oesterreich: Handlungsregulation und Kontrolle, 1981

 

Das Kontrollstreben umfasst als wichtiges Grundstreben des Menschen

•          Explorationstrieb

•          locus of control

(J. B. Rotter 1954 und 1966; E. J. Phares 1955; W. H. James 1957)

•          effectance motivation

= Streben nach Wirksamkeit

(R. W. White 1959)

•          sense of control of environment

(Coleman-Report 1966)

•          Handlungsspielraum

(Eberhard Ulich 1972)

•          produktive Bedürfnisse

Kontrolle über alle relevanten Lebensbedingungen

(Ute Holzkamp-Osterkamp 1975/76)

 

Die Handlungskompetenz umfasst

 

1) nach Walter Volpert 1974:

•          Fertigkeiten

•          Können

•          verallgemeinerte Verfahren

= Methodenwissen

 

2) nach Dietrich Dörner 1976/83:

•          epistemische Kompetenz (Operatorwissen)

•          heuristische Kompetenz (Problemlösungsfähigkeit)

•          verfügbare Zeit

 

3) nach Rainer Oesterreich 1981:

•          Fertigkeit = Handlungsfertigkeit

•          Können = Kontrollkompetenz

Sie kann durch konservative Strategie bewahrt und durch progressive Strategie erweitert werden.

 

 

 

Teil III: Hierarchie und Kontrolle, Kompetenz und Motivation

 

1974: Walter Volpert beschreibt die Handlungskompetenz

 

Als erster hat in der Bundesrepublik Walter Volpert Hackers Ansatz in seine "Handlungsstrukturanalyse" (1974) aufgenommen.

Er führte unter anderem für den Bestand an Fertigkeiten (1. Ebene), Können (2. Ebene) und verallgemeinerten Verfahren (3. Ebene) den Begriff Handlungskompetenz ein und unterschied Merkmale des effizienten und ineffizienten Handelns:

 

effizientes Handeln                                      ineffizientes Handeln

realistisch                                                     illusionär oder wirr

stabil-flexibel                                                inflexibel oder instabil

organisiert                                                    vorschnell oder blind drauflos

 

• Realistisch heisst, "die Handlung muss in all ihren Aspekten die sachlichen und sozialen Gegebenheiten der Zielerreichung berücksichtigen".

• "Verarbeitete Rückmeldung ermöglicht es, an Plänen festzuhalten und sich dennoch an veränderte Situationen anzupassen. Ein solches Verhalten wollen wir als 'stabil-flexibel' bezeichnen."

• Organisiert bedeutet, "dass jede Regulationsebene die ihr spezifischen Funktionen in vollem Umfang wahrnimmt".
Als Prinzip gilt, "dass alles, was sinnvoll an niedrigere Regulationsebenen delegierbar ist, an diese auch tatsächlich delegiert wird. Dadurch sind die höheren Ebenen entlastet und können sich komplexeren Leistungen, v. a. antizipatorisch-planerischen Aufgaben zuwenden."

 

Soziale Hierarchie erzeugt Arbeitsteilung

 

Interessant ist nun, dass Volpert das Prinzip der hierarchischen Tätigkeitsstrukturierung auch für über-individuelle, also soziale Systeme in Anspruch nimmt.

 

Schon Aristoteles hat solche Über- und Unterordnungen gesehen:

"So ist z. B. der Reitkunst untergeordnet das Sattlerhandwerk und andere Handwerke, die Reitzeug herstellen, während die Reitkunst ihrerseits, wie das gesamte Kriegswesen, unter der Feldherrnkunst steht, und was dergleichen Unterordnungen mehr sind - da ist durchweg das Ziel der übergeordneten Kunst höheren Ranges (d. h. wird mehr erstrebt) als das der untergeordneten: um des ersteren willen wird ja das letztere verfolgt."

 

Man kann dieses Beispiel auf die Wirtschaft übertragen: Der Feudalherr, das politische, gesellschaftliche oder ökonomische "System", die "Ideologie" oder der "Markt" bestimmt nicht nur den Sinn der Arbeit, sondern auch die Bereiche, in denen produziert werden muss.

Der Inhalt der Arbeit wird durch die Arbeitsteilung bestimmt. Seit dem Aufkommen der Manufaktur hat sich diese zunehmend verstärkt. Marx (1867) klagte, dass sie "den Arbeiter zum Teilarbeiter verstümmelt". Durch die industrielle Produktionsweise schliesslich wird der Arbeiter zum "Triebwerk einer Detailarbeit" sowie zum Anhängsel und Diener des Maschinensystems.

 

Solche Arbeitshandlungen sowie aus ihnen ableitbare Handlungen etwa in den Bereichen von Ausbildung und Freizeit nennt Volpert "partialisierte Handlungen". Sie spiegeln - in sauber marxistisch-leninistischer Terminologie - "den Widerspruch zwischen Produktionsverhältnissen und entwickelten Produktivkräften wider, indem die konkrete Arbeitstätigkeit hinter den Möglichkeiten zurückbleibt, die sich durch diese Produktivkräfte eröffnen".

 

Damit wird die Chance vertan, die intellektuelle (=3.), Regulationsebene jedes einzelnen Arbeiters zu. nutzen. Er braucht sie nicht, denn die Arbeit wird ihm zugeteilt und vorgeschrieben. Das kann zu Überforderung, aber auch zu "qualitativer Unterforderung" führen, wie sie etwa Eberhard Ulich schon 1970 beschrieben hat.

 

Wie kann man dem begegnen? Hacker behauptet, es gebe "eine determinierende objektive Eigentümlichkeit des Arbeitsprozesses", nämlich: Das geforderte Arbeitsergebnis kann "auf verschiedene Art, d. h. mit unterschiedlichen Tätigkeitsstrukturen erreicht werden".

Diese Möglichkeiten zu unterschiedlichem aufgabenbezogenem Handeln bezeichnet er als Freiheitsgrade. Sie betreffen vorab Verfahrenswahl, Mitteleinsatz und zeitliche Organisation. Eberhard Ulich sprach 1972 von "Handlungsspielraum". (Margit Osterloh hat darüber eine ganze Dissertation geschrieben, 1983).

 

Freiheit = Nutzung höherer Regulationsebenen

 

Die Produktionsverhältnisse im Marxschen Sinne werden dadurch nicht tangiert. Wollte man diese ändern, müsste man höhere Regulationsebenen einführen. Das ist denn auch immer wieder versucht worden.

Norbert Semmer und Michael Frese (1979) schlugen eine vierte und oberste Ebene des "abstrakten Denkens" vor.

Volpert selber (1980) differenzierte die Ebene der intellektuellen Regulation in nicht weniger als sieben Stufen aus.

Eine grundlegende Umgestaltung aller Ebenen hat Rainer Oesterreich 1981 in seiner Schrift "Handlungsregulation und Kontrolle" vorgenommen. Er sieht von unten nach oben folgende fünf Ebenen:

 

1. Handlungsausführung: Entwurf und Ausführung von Bewegungsabläufen.

2. Handlungsplanung: Präzise antizipatorische Erprobung verschiedener Handlungswege zur Zielkonsequenz.

3. Zielplanung: Langfristige, aber nur grobe Planung einer Abfolge von hocheffezient-divergenten Konsequenzen.

4. Bereichsplanung: Koordination des Handelns. in verschiedenen Handlungsbereichen.

5. Erschliessungsplanung: Einschätzung der Regulierbarkeit von Handlungsbereichen ausserhalb des aktuellen Systems von Handlungsbereichen.

 

Ebene 1 entspricht Hackers "sensumotorischer Regulation". Die "perzeptiv-begriffliche" Ebene jedoch entfällt, da die darin enthaltenen Vorgänge auf allen 5 Stufen eine Rolle spielen.

Ebenen 2 bis 5 sind detailliertere Ausarbeitungen der "intellektuellen Regulation". Bemerkenswert ist Ebene 5, laufen hier doch Überlegungen ab, welche einschneidende Veränderungen in der Lebensführung zur Folge haben können, z. B. Wechsel des Arbeitsplatzes oder Benützung der öffentlichen Verkehrsmittel statt des Autos.

 

Was als Motivation auftritt nennt Oesterreich das "Kontrollstreben".

"Es besteht darin, das Verhalten so einzurichten, dass die Regulierbarkeit im Lebensraum erhalten bleibt."

Das Kontrollstreben ist als höhere Form des Überlebens-Strebens auf jeder Ebene wirksam. Ist die Regulierbarkeit des Bereiches gross, so besteht ein grosser Handlungsspielraum.

 

Da Handeln immer auch gesellschaftlich bedingt ist, etwa durch die "Partialisierung", kann man die Theorie der Handlungsregulation auch auf Kollektive ausdehnen. "Die Kontrolle im individuellen Handlungsfeld ist daher nur als Anteil an der kollektiven Kontrolle zu verstehen."

 

Tätigkeitsanalysen ohne Ende

 

Von 1978-1981 wurde unter Leitung von Walter Volpert an der Technischen Universität Berlin ein Projekt zur Entwicklung eines Arbeitsanalyseverfahrens durchgeführt. Gesucht wurde ein "Verfahren zur Identifizierung lernrelevanter Aspekte der Arbeitstätigkeit" (VILA).

Während der Arbeiten wurde vorerst das Hackersche 3-Ebenen-Modell differenziert, bald aber durch dasjenige von Oesterreich ersetzt. Dabei wurde auf jeder der 5 Ebenen noch unterschieden, ob sie - wenn sie die oberste gerade noch benutzte Ebene ist - vollständig oder nur unvollständig ("restriktiv") in der Regulation der Arbeitstätigkeit benötigt wird.

 

Das VILA-Projekt wurde 1981 umgetauft in ein "Verfahren zur Ermittlung von Regulationserfordernissen in der Arbeitstätigkeit" (VERA). Handbuch und Manual erscheinen 1983.

 

Das zugrundeliegende Modell von Oesterreich wurde von Margit Osterloh (1983) kritisch besprochen und von Bärbel Matern (1984), einer Mitarbeiterin Hackers, zurückgewiesen. Da mit VERA weder Fragestellungen der Qualifikation noch Ausbildung abgeklärt werden können, haben Ekkehart Frieling et al. (1984) die "Entwicklung eines theoriegeleiteten, standardisierten, verhaltenswissenschaftlichen Verfahrens zur Tätigkeitsanalyse" an die Hand genommen (siehe Cornelia Facaoaru, Ekkehart Frieling 1985/86).

 

Endlich: die Berücksichtigung der Motivation

 

Von einer ganz andern Seite näherte sich Julius Kuhl (1983) der Handlungsregulation. Er versuchte in einem umfassenden Ansatz drei Probleme unter einen Hut zu bekommen:

 

1. "Die Frage, wie Personen dazu kommen, ihre Ziele auszuwählen" (Ziel- und Handlungsselektion)

2. "Die zeitliche Veränderung der Bereitschaft, ein bestimmtes Ziel zu verfolgen" (Motivationsdynamik)

3. "Die Ausführung intendierter Handlungen" (Handlungskontrolle).

 

Nach einer überaus detaillierten Analyse dieser drei Gebiete entwickelt er am Schluss ein integriertes Modell, welches alle drei motivationspsychologischen Grundprobleme berücksichtigt. Es beschreibt im wesentlichen die beiden Bereiche: Selektionsmotivation und Handlungskontrolle.

Die TOTE-Einheit oder die anderen verschachtelten "zyklischen Einheiten" (Hacker, Oesterreich) nehmen dabei nur einen verschwindend kleinen Platz ein, dies weil die "vielfältigen Verflechtungen zwischen der Handlungsregulation und motivationalen Prozessen" bei Handlungen abseits vom Arbeitsplatz viel bedeutsamer sind:

"Die zur Ausführung notwendige (Realisations-)Motivation muss ständig nachreguliert werden, besonders dann, wenn - wie es für alltägliche Handlungen durchaus typisch sein dürfte - ständig konkurrierende Motivationstendenzen 'ausgeblendet' werden müssen und die Intensität der Realisationsmotivation ständig den sich verändernden Anforderungen angepasst werden muss."

 

Nochmals anders haben Rom Harré, David Clarke und Nicola De Carlo (1985) einen ganzheitlichen Ansatz vorgeschlagen. Sie gehen davon aus, dass das Verhalten von zwei Seiten her reguliert wird: von den persönlichen Überzeugungen und Gewohnheiten sowie von sozialen Einflüssen.

Denken ist für sie "in erster Linie eine soziale und kollektive Aktivität, welche in der Konversation entsteht".

 

Daher sehen sie drei Ebenen, die untersucht werden müssen:

1. Verhaltensautomatismen, die unbewusst ablaufen.

2. Die bewusste Kontrolle und Regulation.

3. Einerseits die "Tiefenstruktur des Geistes", welche das Bewusstsein einrahmt , anderseits die sozialen Strukturen und Vorgänge, welche den Rahmen für unser Leben bilden.

 

Alle bisher erwähnten Theorien bezogen sich nur auf die Ebenen 1 und 2.

 

Eigentlich steuert die Kultur unser Verhalten

 

Ebene 1 wird von Ebene 2 kontrolliert, und hier spielen sich die Vorgänge ab, für die wir Rechenschaft ablegen können.

Ebene 3 dagegen ist "der funktionelle, wenn nicht gar der strukturelle Ort der Gefühle und der Motivation". Es ist diese Ebene, die eigentlich unser gesamtes Verhalten steuert, und sie ist kulturell bedingt, d. h. von Kultur zu Kultur verschieden. Daher nennen die Autoren ihren Ansatz seit 1972 "ethnogenic".

 

Kulturen liefern Normen, Werte, Regeln und dergleichen, nach welchen die Menschen handeln. Das heisst auch, dass menschliches Handeln nicht wie Vorgänge in den Naturwissenschaften kausal erklärt werden kann: "Die Handlungen von Menschen werden hauptsächlich von Regeln geleitet und nicht von Ursachen bestimmt." Zum Beispiel: Zwar essen wir aus biologischen Gründen, aber die Kultur bestimmt, was und wie wir essen und was für eine Bedeutung wir der Verpflegung oder dem Zu-Tische-Sitzen beimessen.

 

Dabei können auch die Archetypen des kollektiven Unbewussten als "emotionale Schemata" gesehen werden; die andere Seite sind "soziale Muster und Moralordnungen", welche durch Erziehung, Nachahmung und Gespräche vermittelt werden.

 

Es ist interessant, wie gerade neueste Theorien immer wieder auf längst über Bord geworfenes Wissensgut zurückgreifen. Sei es die "öffentliche Meinung" seit Duns Scotus, Luther und Montaigne, der "ésprit des lois" von Montesquieu (1748), der "Zeitgeist" (Herder, Goethe) oder seien es die Produktionsverhältnisse (Marx) - sie alle beeinflussen unser Tun, aber auch unsere Meinungen darüber.

 

Mario von Cranach und seine Mitarbeiter am Psychologischen Institut der Universität Bern haben seit den frühen 70er Jahren gerade solches untersucht. In jüngeren Projekten standen der "Zusammenhang von handlungsbezogenen Kognitionen und sozialen Konventionen" resp. der Zusammenhang von "individuellen sozialen Repräsentationen und Handeln" im Blickpunkt.

Einige Projekte erfuhren Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung; eines wurde in Zusammenarbeit mit dem "Laboratoire Européen de Psychologie Sociale" in Paris unter Leitung von Serge Moscovici ausgeführt. Von Cranach hat auch 1982 mit Harré einen Sammelband "The Analysis of Action" herausgegeben.

 

Der einzige regulierende Faktor, den Rom Harré und andere vernachlässigen, ist die Technik. Nicht nur für Arbeitshandlungen ist sie von Belang, nein auch für alltägliches Verhalten, man denke nur an Instrumente, Uhren und Apparate, an die gesamte gebaute Umwelt, an Medikamente, das Fernsehen, usw.

Walter Volpert hat sich in den letzten Jahren den Fragen der Computerisierung zugewandt und 1984 etwa den Menschentyp des "zwanghaften Programmierers" beschrieben.

 

Dennoch: die Menschen fühlen, denken und handeln unterschiedlich

 

Wie steht es bei alledem mit der Individualität? Schon Miller et al. wiesen auf die unterschiedliche Art hin, "wie Menschen eine Aufgabe anpacken und durchführen".

 

David Riesmann hatte bereits 1950 (in "Die einsame Masse") von innen- und aussengleiteten Menschen gesprochen. Walter Mischel hat 1971 eine interaktionistische Persönlichkeitstheorie aufgestellt. Untersuchungen "zur Erkundung der interindividuellen Unterschiede beim Planen von Handlungen" hat Reinhard Munzert 1979 und 1983 vorgelegt.

 

Die Ergebnisse sind nicht überraschend: Es gibt Unterschiede: Die einen Menschen planen ihre Handlungen "beständig genau und andere beständig eher grob"; "manche Personen können Pläne bzw. Handlungen rasch und flexibel auf veränderte Gegebenheiten einstellen, während andere Personen hierbei Schwierigkeiten haben".

 

Recht präzise Ergebnisse legten Dietrich Dörner und seine Mitarbeiter in ihrem grossen Forschungsprojekt "Lohhausen" (1983) vor. Sie konnten gute von weniger guten Problemlösern unterscheiden.

Die guten arbeiteten stabiler, weniger sprunghaft und weniger auf den Augenblick bezogen. Sie gingen eher nach einem Plan oder Konzept vor und suchten durch Rückblicke auf Schwierigkeiten und Misserfolge nach Verbesserungsmöglichkeiten.

 

Kurz: Gute Problemlöser versuchen, sich ein "inneres Abbild" des Systems in ihrem Gedächtnis aufzubauen und es laufend zu überprüfen. Das geschieht schneller und nachhaltiger, bewusster und aktiver als bei schlechten Problemlösern.

Was steckt dahinter? Es sind unterschiedliche emotionale Reaktionen auf Schwierigkeiten und Anforderungen eines Problems: Der gute Problemlöser ist selbstsicher; er fühlt sich kompetent. Und Kompetenz eröffnet die Chance, sein eigenes Denken steuern zu können.

 

 

Literatur

 

George A. Miller, Eugene Galanter, Karl H. Pribram: Plans and the Structure of Behavior. New York: Holt, Rinehart & Winston 1960;
russ. 1965;
dt.: Strategien des Handelns. Stuttgart: Klett 1973.

Winfried Hacker: Allgemeine Arbeits- und Ingenieurpsychologie. Psychische Struktur und Regulation von Arbeitstätigkeiten. Berlin-Ost: VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften 1973; 2. Aufl. (Lizenzausgabe Bern: Hans Huber) 1978.

Walter Volpert: Handlungsstrukturanalyse als Beitrag zur Qualifikationsforschung. Köln: Pahl-Rugenstein 1974, 2. Aufl. 1983.

Rainer Oesterreich: Handlungsregulation und Kontrolle. München: Urban & Schwarzenberg 1981.

Julius Kuhl: Motivation, Konflikt und Handlungskontrolle. Berlin, Heidelberg: Springer 1983.

Walter Volpert, Rainer Oesterreich, Silke Gablenz-Kolakovic, Tilmann Krogoll, Martin Resch: Verfahren zur Ermittlung von Regulationserfordernissen in der Arbeitstätigkeit. Analyse von Planungs- und Denkprozessen in der industriellen Produktion. Handbuch und Manual. Köln: Verlag TüV Rheinland 1983.

Reinhard Munzert: Das Planen von Handlungen. Differentialpsychologische Aspekte allgemeiner Handlungstheorien. Frankfurt: Peter Lang 1983.

Margit Osterloh: Handlungsspielräume und Informationsverarbeitung. Bern: Hans Huber 1983.

Hans Lenk (Hrsg.): Handlungstheorien interdisziplinär. München: Fink 1977-1984;
Bd. 1: Handlungslogik, formale und sprachwissenschaftliche Handlungstheorien.
Bd. 2: Handlungserklärungen und philosophische Handlungsinterpretationen. 2 Halbbände.
Bd. 3: Verhaltenswissenschaftliche und psychologische Handlungstheorien. 2 Halbbände.
Bd. 4: Sozialwissenschaftliche Handlungstheorien und spezielle systemwissenschaftliche Ansätze.

Rom Harré, David Clarke, Nicola De Carlo: Motives and Mechanisms. An introduction to the psychology of action. London: Methuen 1985.

Gerald Phillip Ginsburg, Marylin Brenner, Mario von Cranach (Hrsg.): Discovery Strategies in the Psychology of Action. London: Academic Press 1985.

Michael Frese, John Sabini (Hrsg.): Goal Directed Behavior. The Concept of Action in Psychology. Hillsdale, New Jersey: Lawrence Erlbaum 1985.

Heinz Heckhausen, Julius Kuhl: From Wishes to Action: The Dead Ends and Short Cuts on the Long Way to Action. In Michael Frese, John Sabini (Hrsg.) 1985, S. 134-159. Kommentar dazu von Virginia Blankenship, S. 161-170.

Cornelia Facaoaru, Ekkehart Frieling: Verfahren zur Ermittlung informatorischer Belastungen. Zeitschrift für Arbeitswissenschaft, 39. Jg., H. 2, 1985, S. 65-72; 40. Jg., H. 2, 1986, S. 90-96.

Christoph Baitsch: Kompetenzentwicklung und partizipative Arbeitsgestaltung. Bern: Peter Lang 1985.

Ekkehart Frieling, Karlheinz Sonntag: Lehrbuch Arbeitspsychologie. Bern: Huber 1987.

Uwe Kleinbeck, Joseph Rutenfranz (Hrsg.): Arbeitspsychologie. Enzyklopädie der Psychologie Bd. D, 3, 1. Göttingen: Hogrefe 1987.

 

 

(im Sommer 1986 geschrieben; am 22.1.1988 an den Chefredaktor der "io Management Zeitschrift" gesandt;

kein Abdruck)

 




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