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Einsichten und Lebensregeln, Ratschläge und Entscheidungsregeln
Zusammengestellt für eine Volkshochschulvorlesung, Juli 1987
Siehe auch: Fünf wichtige Einsichten Wichtige ethische Gebote, Tugenden und Verpflichtungen aus der Weltgeschichte
Lebensweisheiten
· Das Neue ist nicht immer gut und das Gute nicht immer neu. · In der Realität sieht manches anders aus als man sich vorgestellt hat. Wenn "es" eingetreten ist, ändert sich das Bild schlagartig. Daher verlangt man: "learning by doing". · Entscheidungen sind brutal. Jede Entscheidung vernichtet andere Möglichkeiten - für einen selber wie für andere. · Dem Menschen stehen sechs Entscheidungsprinzipien zur Verfügung: - Gewohnheiten und Erfahrungen sagen, was man und wie man es bisher getan hat - Sitte und Brauch sagen, was von einem erwartet wird - Gelüste oder Einfälle sagen, was man gerade tun möchte - Das Gewissen sagt, was gut und böse ist - Die Vernunft sagt, was man alles bedenken muss - Die "gerichtete Intuition" (der "Spürsinn") vereinigt all dies. · Gewohnheit und Brauch entlasten vor dem Nachdenken, bedeuten aber wie die Gelüste einen Verzicht auf freie Wahl. · Das Vorhandensein oder Fehlen des Gewissens zeigt sich in der Gesinnung oder Mentalität. · Das Gewissen ist die Frucht der menschlichen Gemeinschaft, insbesondere der Familie. · Die Moral ist unteilbar wie das Leben und die Persönlichkeit.
Zitate
·
Gewissenserforschung bedeutet: tief in sich
hineinhorchen.
·
Bleib dir selber treu!
· Konfuzius sagt: "Wenn die Alten die
lichte Tugend offenbar machen wollten im Reiche, ordneten sie zuvor
ihren Staat;
· "Sagen Sie Ihm, dass er für die Träume seiner Jugend Soll Achtung tragen, wenn er Mann sein wird, Nicht öffnen soll dem tötenden Insekte Gerühmter besserer Vernunft das Herz Der zarten Götterblume - dass er nicht Soll irre werden, wenn des Staubes Weisheit Begeisterung, die Himmelstochter lästert. Ich hab´ es ihm zuvor gesagt." (Friedrich Schiller: Don Carlos)
· "Masshalten ist die Grundlage der Sittlichkeit und die erste Tugend des Menschen. Ohne sie ist er ein wildes Tier." (Napoléon)
Lebenskunst II
1. Die höchste Anforderung an die Lebenskunst: zu wissen, wo Anpassung, wo Widerstand erforderlich ist, zu wissen, wo Verständnis und wo Kritik angebracht ist, zu wissen, was man dulden und was man bekämpfen sollte. Weil wir Menschen unter Menschen sind, können und sollen wir nicht alles mit "heiterer Gelassenheit" hinnehmen, sondern manchmal ist "gelinder Zorn" vonnöten, z. B. empörter Protest gegen Intoleranz, gegen Vergewaltigung, gegen das Böse. Wut tut gut, aber sie macht blind. Da wir Menschen sind, können und müssen wir aber auch mit dem andern reden und Brutalität, Egoismus und Verdorbenheit in etwas Besseres zu verwandeln versuchen. Aber wenn er nicht mit sich reden lässt?
2."Gott gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden." (diese oft Friedrich Christoph Oetinger zugeschriebenen Zeilen stammen von Reinhold Niebuhr, ca. 1941)
3. Diese Weisheit ist nicht ganz von dieser Welt. Denn, auch wenn der Mensch sich als Herr der Welt fühlen sollte: Er ist es nicht ganz, und er ist in mancher Hinsicht nicht einmal Herr seiner selbst. Dies zu wissen, macht den mündigen Menschen aus.
4. "Ich leb und waiss nit, wie lang Ich stirb und wais nit, wan Ich far und waiss nit, wahin Mich wundert, dass ich froelich bin." Grabspruch des Martinus von Biberach (15. Jh.)
Lebens-Kunst Einige Volksweisheiten, Sprichwörter, Redewendungen
Siehe auch: Georg Büchmann: Geflügelte Worte. Der Zitatenschatz des deutschen Volkes. 30. Aufl. neubearbeitet von Werner Rust und Gunther Haupt. Berlin: Haude & Spener 1961; und viele weiter Auflagen. Günther Drosdowski, Werner Scholze-Stubenrecht: Der Duden, Bd. 11: Redewendungen und sprichwörtliche Redensarten. Wörterbuch der deutschen Idiomatik. Mannheim: Dudenverlag 1992. Felix Hammer: Antike Lebensregeln - neu bedacht. Zürich: Edition Interfrom/ Osnabrück: Fromm 1989. Wolfhart Berg: Runterschalten! Die neue Lebenskunst: Weniger ist garantiert mehr. Landsberg am Lech: mvg-Verlag 1997.
Mach es wie die Sonnenuhr, zähl die heitern Stunden nur. Froh zu sein bedarf es wenig, und wer froh ist, ist ein König. Carpe diem (Pflücke den Tag). Lebe jetzt! Morgenstund' hat Gold im Mund.
"Fortes fortuna adjuvat." Dem Mutigen hilft Gott oder: "Wer wagt, gewinnt". Fürchte dich nicht. Ordnung ist das halbe Leben. Die andere Hälfte ist die Moral. Der kluge Mann baut vor. Bereit sein ist alles.
Früh übt sich, was ein Meister werden will. Vor die Tugend haben die Götter den Schweiss gesetzt (Hesiod). "Im Schweisse deines Angesichts sollst du dein Brot essen" (1. Mose 3, 19) "Ora et labora" (Benedikt von Nursia) Arbeiten und nicht verzweifeln (Carlyle). Wer schaffen will, muss fröhlich sein. Ohne Fleiss kein Preis. Arbeit schändet nicht. Wir leben nicht, um zu essen, sondern wir essen, um zu leben.
Tue recht und scheue niemand. "Edel sei der Mensch, hilfreich und gut" (Goethe). Geben ist seliger denn nehmen. Keiner zu klein, Helfer zu sein. "Wer die Praxis ohne die Theorie liebt, ist wie ein Seemann, der auf ein Schiff ohne Steuer und Kompass steigt und nie weiss, wohin er gerät" (Leonardo da Vinci). "Es gibt nichts Praktischeres als eine gute Theorie" (Kurt Lewin). Wissen befreit. "Es ist nicht genug zu wissen, man muss auch tun" (Goethe). Wo Rauch ist, da ist auch Feuer. In dubio pro reo. Alles zu seiner Zeit. Gut Ding will Weile haben. Was du tust, das tue bald. Verschiebe nicht auf morgen, was du heute tun kannst. Eile mit Weile. Keine übermässigen Belastungen. Ruhig Blut bewahren. Trotzdem, trotz allem, dennoch. "Wer für die Zukunft sorgen will, muss die Vergangenheit mit Ehrfurcht und die Gegenwart mit Misstrauen aufnehmen." Zeit ist eine kostbare Gabe. Kommt Zeit, kommt Rat. Müssiggang ist aller Laster Anfang. Lieber spät als niemals. Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige. Nimm dir Zeit und nicht das Leben. Steter Tropfen höhlt den Stein. Beharrlichkeit führt zum Ziel. Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben. Man muss die Feste feiern wie sie fallen. Packe die Gelegenheit beim Schopf. Was man von der Minute ausgeschlagen, bringt keine Ewigkeit zurück.
Macht korrumpiert. Planlose Gewalt stürzt durch eigene Last. Recht geht vor Macht. Alles hat seinen Preis. Kein Mensch muss müssen. Üb' immer Treu und Redlichkeit. Wer mit dem Leben spielt, kommt nie zurecht. Leben und Leben lassen. Es ist der Geist, der die Materie bewegt. Es ist der Geist, der sich den Körper baut. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.
"Ne quid nimis." Nichts zuviel. Allzu straff gespannt zerspringt der Bogen. Sei nicht übermütig im Glück, nicht kleinmütig im Unglück. Die Freuden, die man übertreibt, verwandeln sich in Schmerzen.
Die Sonne bringt es an den Tag. Handle so als hinge von dir und deinem Tun das Schicksal der Welt ab. Ein jeder kehre vor seiner Tür. Der Mensch ist soviel wert, wie er sich selber schätzt.
Ein Lügner muss ein gutes Gedächtnis haben. Es bleibt immer etwas haften. Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert. Unrecht Gut gedeiht nicht. "Crime doesn't pay".
Durch Eintracht wächst das Kleine, durch Zwietracht zerfällt das Grösste. Es ist Mass und Ziel in den Dingen, es gibt schliesslich bestimmte Grenzen. Frisch gewagt, ist halb gewonnen. Sapere aude. "Erkühne dich, weise zu sein" (Schiller) Der Klügere gibt nach. Aber: Widersteh schon im Anfang! Beim Lehren lernt man. Eines schickt sich nicht für alle. "Quod licet Jovi, non licet bovi". Schuster, bleib bei deinen Leisten.
Der Mensch als "individuum ineffabile"
1. Der Mensch gehört zwei Reichen an: der Natur und der Kultur. Er hat eine biologische wie eine kulturelle Vergangenheit. 2. Der Mensch hat
die ganze Evolution des Lebens in sich. Sein Gehirn umfasst
mehrere Regulationsstufen des Verhaltens (gleichzeitig), z. B.
Amöbe, Fisch, Krokodil, Pferd oder Wolf, Affe und Mensch. 2. Der Mensch ist nicht der Mittelpunkt der Welt. 3. Der Mensch ist Schöpfer und Geschöpf der Kultur. 4. Der Mensch ist ein personales und soziales Wesen. 5. Der Mensch ist "ni bête ni ange..." (Pascal) 6. Alle Menschen
stecken in Netzen, die andere gewoben haben, aber auch in
selbstgestrickten. 7. Der Mensch steht zu sich selber und zu andern im Verhältnis der Reziprozität, der gegenseitigen Förderung und Abhängigkeit. a) Ich kann nur Erfolg haben, wenn ich an mich selber glaube. Ich kann nur stark sein, wenn ich mich selber nicht zugrunde richte. b) Ich bin in vielerlei auf andere Menschen angewiesen, und sie sind umgekehrt auf mich angewiesen. 8. "Alle Menschen sind gleich an Würde und an Rechten geboren." Alle Menschen haben die gleichen Grundbedürfnisse. Aber je nach Anlagen, Erziehung und Umwelt, nach ihrer Entwicklung und persönlichen Erfahrung sind sie ungleich in Charakter und Temperament, Mentalität und Meinungen, Stresstoleranz und Reaktion auf Stress. Demgemäss haben sie trotz gleicher Bedürfnisse einen ungleichen Bedarf. "Was dem einen syn Uhl, ist dem andern sin Nachtigall." 9. Dem Menschen sieht man nicht an, was er ist, war oder sein wird. 10. Der Mensch steht unter paradoxen Forderungen. Eine der auffälligsten ist: "Du sollst dies oder das freiwillig tun." Gottlieb Duttweiler sagte: "Freiwilligkeit ist der Preis der Freiheit." 11. Der Mensch stellt ebensolche paradoxen Ansprüche an die Umwelt und die Mitmenschen. Er möchte "den Fünfer und das Weggli". 12. Alle Menschen sind Sünder, Schwindler und Schwätzer. 13. Niemand ist vollkommen. Es gibt unter Menschen nichts Narrensicheres und nichts Vollkommenes. 14. Der Mensch muss mit Widersprüchen und Unvollkommenheiten leben.
Die 60 goldenen Entscheidungsregeln (Meta-Regeln)
1.a) «quidquid
agis, prudenter agas et respice finem."
2. "Versäumt nicht zu üben die Kräfte des Guten." (Goethe: "Symbolon", 1813)
3. "Lebe, wie Du,
wenn Du stirbst,
4.a) Man kann nicht
alles haben.
5.a) Wer viel will,
muss stark sein - auch seelisch.
6.a) Fälle
keine "einsamen" Entscheide.
7.a) Man muss Ja
sagen zum Leben (und seinen eigenen Anlagen) und Nein zu allen
Verlockungen und Verführungen (z. B. Drogen, Sekten,
Hetzereien, Handgreiflichkeiten).
8.a) Man muss
sorgfältig beobachten, besonders das Unauffällige,
Unscheinbare.
9.a) Humor ist die
beste Medizin.
10. "Die Freiheit
besteht darin, alles tun zu können, was einem andere nicht
schadet", heisst es in der französischen Erklärung der
Menschenrechte (1789).
11. Wer mit dem Kopf durch die Wand geht, muss manches draussen lassen.
12. Keine
Halbheiten. Lieber etwas gar nicht anfangen, als halbherzig daran
gehen und bald aufgeben.
13.a) Den Dingen und
Menschen ins Auge sehen und darin das Beste suchen.
14.a) Vor jeder
Entscheidung muss man sich die Frage stellen: Will ich nach dem
Gewissen oder nach meinen Gelüsten entscheiden.
15.a) Wenn wir nicht
mehr weiter wissen, müssen wir unsere Optik ändern. Das
heisst: entweder die Blickrichtung ändern oder auf ein
höheres Betrachtungsniveau steigen. "Reculer pour mieux
sauter."
16.a) Wir
müssen einerseits möglichst viele Aspekte sammeln,
anderseits immer wieder versuchen, sie zusammenzufassen und in eine
Ordnung zu bringen. Wir müssen wechselweise nuancieren und
schematisieren.
17. Eingriffe in Systeme müssen energisch, aber behutsam vorgenommen werden. "Fortiter in re, suvaiter in modo."
18.a) Gleiches ist
gleich, ungleiches ist ungleich zu behandeln.
19.a) "Es ist das
Wissen des Herzens und des Instinkts (Spürsinns), auf
das sich die Vernunft stützen muss, auf das sie alle
Ableitungen gründet" (Pascal).
20. Leben heisst:
auswählen.
21. Frage dich bei
jeder Tat:
22. Vorsicht und
Rücksicht sind zwei Seiten derselben Medaille: der
Übersicht.
23. Präzisieren
steht vor jeder Entscheidung:
24. Vor "schnellen"
Entscheidungen auf 10 zählen,
25.a) Wer andern
eine Grube gräbt, fällt selbst hinein.
26.a) "Was siehest
du aber den Splitter in deines Bruders Auge und wirst nicht gewahr
des Balkens in deinem Auge?"
27.a)An ihren
Früchten sollt ihr sie erkennen.
28. Alles hat eine
Vorgeschichte und einen Hintergrund:
29. Wer weiterkommen
will, muss fragen:
30. Nicht von den
Umständen oder den andern etwas erwarten, sondern selber eine
mutige Tat vollbringen. Sein Leben selber, "beherzt" in die Hand
nehmen.
31. Entscheiden
statt vor sich her schieben.
32. Unterscheiden, was "bloss" wünschbar und was machbar ist.
33. Oft ist eine
Entscheidung die Wahl zwischen zwei Übeln.
34. Bei Beurteilungen die Vorsilbe "un-" durch "noch nicht" oder "nicht immer" ersetzen, z. B.: "rede-unbegabt" wird so zu "noch nicht sehr rede-geübt", "unaufrichtig" zu "nicht immer aufrichtig".
35. a) Das Gute,
Positive bejahen und fördern ist wirkungsvoller (auch
lernpsychologisch) als über das Schlechte zu schimpfen.
36.a) Überwinde
das Böse mit dem Guten.
37. Zuversicht ist eine Kraftquelle, wenn sie auf das "Richtige" gerichtet ist. Zweifel ehrt, aber lähmt.
38. "Einmal heisst: immer wieder", sagt die Psychologie.
39.a) Es kommt meist anders heraus als wir denken. b) Gerade was wir vermeiden wollen, ereignet sich oft.
40. Jede getroffene
Entscheidung bedeutet einen neuen Anfang.
41. Der schlechteste Weg ist der Ausweg. Manchmal ist es besser, umzukehren, damit man besser sieht.
42. Eine Münze
aufwerfen und dann das Gegenteil tun.
43. "Not macht erfinderisch." Aber die Not muss offenbar gross sein.
44. "Wie man in den
Wald ruft, so tönt es heraus."
45. Nur wer gegen
den Strom schwimmt, gelangt zur Quelle.
46. Die strengsten
Gesetze stammen nicht vom Menschen, sondern von der Natur (Physik,
Chemie, Biologie).
47.a) Der Verzicht
auf höhere Bindungen macht anfälliger für "niedere"
Abhängigkeiten (Süchte, Rituale, Moden,
Gruppenmeinungen).
48. Jedes Ziel oder Engagement richtet unser Bemühen aus und bündelt die Kräfte, aber es engt den Blick ein.
49. Über den
eigenen Schatten zu springen, ist erwünscht.
50. "Verschiebe
nicht auf morgen, was du heute tun kannst."
51. "Wer A sagt, muss auch B sagen." Aber ist nicht alles dem Wandel unterworfen?
52. "Wer rastet, der rostet."
53. Ich sollte
wissen, was ich will.
54.a) Jede Regel
bedarf der Interpretation.
55. Von nichts kommt
nichts. "Ohne Fleiss kein Preis".
56. Gibt es Argumente gegen Sorgfalt und Zuverlässigkeit? Nein, nur Launen und andere Gelüste.
57. Hoffnung liegt in jedem Leid. "Durch Schmerzen empor".
58. Zusammen ( = gemeinsam) ginge es besser.
59. Begriffsscharfes
Denken bringt Klarheit.
60. Mehr Konsequenz im Denken und Verhalten ist nötig. Aber: Letzte Konsequenz ist tödlich.
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