HomeGeschichte des Systemdenkens und des Systembegriffs

 

Siehe auch:   System: Definitionen

                       Johann Heinrich Lambert und das "Systems Engineering"

 

(Anmerkungen und Literatur am Ende des Artikels

 

Abb.: Schematische Darstellung des Systembegriffs und -denkens

          Kopernikanisches, ptolemäisches und tychonisches Welt-Gebäude

          Ptolemäisches, platonisches, usw. System

          Descartes: Der Mensch als Maschine

         Jay W. Forrester: Rohskizze für das erste Weltmodell

 

 

1980er Jahre: Das neue Systemdenken

 

Der Physiker Fritjof Capra und der Soziologe Niklas Luhmann haben das Systemdenken wieder einmal popularisiert. Die Gefahr ist gross, dass dabei dieselben Fehler gemacht werden wie schon beim "alten" Systemdenken in den sechs vergangenen Jahrzehnten, nämlich den Wunsch für Realität zu halten.

 

 

Eine Zeitlang sah es so aus, als ob das Systemdenken in der Versenkung verschwinden würde - ähnlich wie die Zukunftsforschung oder der Strukturalismus. Doch dann gaben ihm zwei Entdeckungen aus wissenschaftlichen Labors neuen Auftrieb. Die eine wurde von dem in Brüssel mit seinen Forschern arbeitenden Chemiker Ilya Prigogine gemacht und betraf "dissipative Strukturen". Dafür erhielt er 1977 den Nobelpreis. Etwa zur selben Zeit stellten die beiden chilenischen Forscher Humberto R. Maturana und Francisco J. Varela die Theorie der "autopoietischen Systeme" auf.

 

Wie üblich ging es etwa ein Jahrzehnt, bis die beiden Entdeckungen ins Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit gelangten.

Der Wiener Physiker Fritjof Capra verwendete sie für den Entwurf seines "Systembilds des Lebens" (in "The Turning Point" 1982; dt.: "Wendezeit" 1983), der deutsche Jurist und Soziologe Niklas Luhmann verarbeitete sie in seinem Riesenwerk über "Soziale Systeme" (1984), und der Amerikaner Paul F. Dell brachte sie in die Familientherapie als Bereicherung der "systemischen Therapie" ein. Im Bereich Wissenschaftstheorie lieferten Maturana/ Varela überdies willkommene Unterstützung für den "Konstruktivismus" des Kybernetik-Spezialisten Heinz von Foerster und des Sprachpsychologen Ernst von Glasersfeld.

 

Seither ist System wieder "in". Doch es ist eine neue Systemthese, die sich da anbahnt - nur haben es viele noch nicht gemerkt. Die Schlüsselwörter heissen "Ordnung durch Fluktuation" und "Selbstorganisation". Vorbei sind die Zeiten, wo man offene Systeme betrachtete, die sich in einem Fliessgleichgewicht mit ihrer Umgebung am Leben und durch negative Rückkoppelung ihre Homöostase aufrechterhalten. Heute wird die "nichtlineare Dynamik" von autonomen Systemen verfolgt, welche zu gleichgewichtsfernen Zuständen führt, an denen die alte Ordnung plötzlich in eine neue umschlägt. Ervin Laszlo, bis anhin ein "alter" Systemguru, hat das 1987 in einem Büchlein "Evolution - Die neue Synthese" für den Club of Rome leichtverständlich beschrieben. Die Ausweitung auf die Gesellschaft und die Bewältigung unserer aktuellen Weltprobleme steckt freilich voller Fussangeln.

 

Für das Systemdenken gilt, was einst der Gedächtnisforscher Hermann Ebbinghaus für die Psychologie sagte: Es hat zwar eine lange Vergangenheit, aber nur eine kurze Geschichte.

 

1920-1973: Die "alte" Systemtheorie"

 

Die Geschichte der aus gegenwärtiger Sicht bereits "alten" Systemtheorie setzt in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts ein. Allenthalben gingen damals Biologen (Paul Weiss und Ludwig von Bertalanffy), Ökologen (Arthur George Tansley), Sozialwissenschafter (Pitirim A. Sorokin, Florian Znaniecki, Chester Barnard) und Elektrotechniker (Karl Küpfmüller) daran, ihre Untersuchungsobjekte als "Systeme" aufzufassen.

 

Zum Durchbruch kam es allerdings erst in den 50er Jahren, als die Kybernetik und die Theorie der Servomechanismen, Informationstheorie, Operations Research und Netzplantechnik entwickelt waren.

Als Planning-Programmig-Budgeting-System (PPBS) hielt die "Systemanalyse" in den 60er Jahren in den amerikanischen Ministerien Einzug, und bald boten in der Schweiz die Hochschule St. Gallen (Hans Ulrich) und das Betriebswissenschaftliche Institut (BWI) der ETH (Alfred Büchel) Kurse in "systemorientiertem Management" resp. "Systems Engineering" an.

 

Am MIT hatte unterdessen Jay W. Forrester das Verfahren "Systems Dynamics" ausgetüftelt. Die damit durchgeführten Simulationen von Weltmodellen erregten in der Version von Dennis Meadows ("Die Grenzen des Wachstums" 1972) weltweites Aufsehen. Weil die Methoden fragwürdig und die Ergebnisse unbequem waren und überdies der Ölschock vom Herbst 1973 wirtschaftliche Interessen in den Vordergrund treten liess, erlahmte der Elan rasch. Insbesondere die 1970 wie eine Springflut aufgebrandete Umweltschutz-Welle verebbte; einzig das Thema Energie blieb.

 

Ein tieferer Grund für das Scheitern lag freilich in einer doppelten Verwechslung: Das breitere Publikum hielt Simulationen für Prognosen, und manche Forscher sahen den Unterschied von Theorie und Realität nicht. Simulation ist ein Spiel mit Möglichkeiten! Sie stellt nicht Behauptungen über die Zukunft auf, sondern fragt: "Was würde (oder vorsichtiger: könnte) geschehen, wenn...?" Und je nachdem, wie "realistisch" und vollständig die Annahmen über Einflussfaktoren, Entwicklungen und Zusammenhänge sind, desto "wahrscheinlicher" oder plausibler sind die errechneten Geschehnisse. Im Grundsätzlichen halten die Autoren der "Limits to Growth" auch heute noch an ihren Berechnungen und Folgerungen fest, wie sich einem bitteren Rückblick in dem Buch "The Cassandra Conference" (1988) entnehmen lässt.

 

Wie steht es mit dem Verhältnis von Theorie und Realität?

Theorien bestehen aus einem mehr oder weniger geordneten Haufen (vielleicht sogar: System) von Annahmen über ein Untersuchungsobjekt, sei das nun "das" Atom, "die" Wirtschaft oder "der" Kosmos. Fast alles, was Philosophen und Wissenschaftstheoretiker in Jahrhunderten über das Wesen von Theorien, über Begriffsbildung, Definition und Objekte, über Methoden, Aufgaben und Ziele der Wissenschaft herausgefunden hatten, kümmerte die Systemtheoretiker jedoch wenig.

 

Jeder wollte das Rad nochmals erfinden. Dabei tappte er meist in die Ontologisierungs-Falle. Was heisst das? Er hielt seinen Wunsch, das Untersuchungsobjekt möge wie ein System funktionieren, für eine reale Eigenschaft des Objekts selber. Er behauptete: "Das ist ein System", anstatt: "Ich versuche etwas als System zu betrachten." Und dieser winzige Unterschied schafft Welten von Missverständnissen und Fehlschlüssen.

 

Ein Blick in die lange Vergangenheit des Systemdenkens hätte davor bewahrt.

 

Frühe Hochkulturen

 

Erste Ansätze des Systemdenkens finden sich in den frühen Hochkulturen, und zwar

·        einerseits im technisch-organisatorischen Bereich - man denke etwa an den gemeinschaftlichen Bau von Bewässerungsanlagen und die Planung, Errichtung, Lenkung und Verteidigung von Städten, Stadtstaaten und Grossreichen mit all ihren Implikationen,

·        anderseits im mythischen Bereich - man denke etwa an die babylonische Astronomie und Astrologie (Kalender, Tierkreise), die aus Megalithen  gebildeten Steinreihen und -kreise des Neolithikums oder das altägyptische "System der heliopolitanischen Neunheit" (Pierre Grimal, 1967, 44) und die "Theorie der vier Elemente", woraus in der Lehre von Hermopolis ein Achtersystem entwickelt wurde.

 

Sowohl Modell- wie Systemcharakter haben dann etwa die Genesis und bei den alten Griechen die Lehren von der Abfolge der Göttergeschlechter (Homer, Hesiod), von den Proportionen und Bewegungen der Himmelskörper (daher: Planeten-System) und nicht zuletzt von den Körpersäften einerseits, der Logik und Geometrie anderseits.

 

Bereits durch Platon und Aristoteles vorbereitet sind die hierarchischen Stufensysteme von Welt, Seele und Erkenntnis, die sich bei Philon, den Gnostikern (Basilides, Valentinus) und Neuplatonikern (Plotin, Jamblichos, Proklos) einerseits, den Kirchenvätern (Origenes, Gregor, Augustinus) und dem sogenannten Dionysios Areopagites anderseits einer oftmals geradezu phantastischen Ausgestaltung erfreuten. Der ekstatisch-kathartische Modellcharakter ist für derartige Systeme bestimmend.

 

Bei griechischen Autoren: ordentlich zusammengesetztes Ganzes

 

Nun zum Begriff! Die alten Griechen haben bereits alles Mögliche als "systema" betrachtet, insbesondere

·        den Kosmos (die "Wohlordnung"),

·        von Menschen erzeugte kulturelle Gebilde wie die "praktischen Wissenschaften" (techne), epische Dichterwerke und die aus den Intervallen zusammengesetzten Tonarten der Musik, ja sogar Maschinen, ferner

·        menschliche Gemeinschaftseinrichtungen wie Staat und Demokratie, militärische Formationen und Priesterkollegien.

 

Schon im Wort "systema" ("das Zusammengesetzte") zeigt sich zweierlei, nämlich dass da irgend jemand etwas aufgestellt oder ordentlich zusammengesetzt hat, und zwar so, dass es ein Ganzes bildet. Schon bei Aristoteles, vor allem aber bei den Stoikern, kommt es dann darauf an, wie es geordnet, woraus es aufgebaut ist und wozu es dient. So ist etwa die "praktische Wissenschaft" ein System aus Begriffen - "daher "Inbegriff" -, die aus gemeinsamer Übung durch Erfahrung entstanden sind und auf einen nützlichen Zweck im Leben abzielen.

 

Platon meinte in einem Dialog über die Astronomie, es komme darauf an, die Vielzahl einzelner Erkenntnisse "von dem richtigen Gesichtspunkte aus" aufzufassen:

"Jede Figur, jede Zahlenverbindung, das ganze System der Harmonie und des Umlaufs der Gestirne muss demjenigen, welcher auf die rechte Weise darüber belehrt wird, als ein einziges und gemeinsames grosses Ganzes erscheinen, und es wird ihm so erscheinen, wofern er, dieser Anleitung folgend, dieses Eine beständig als sein Ziel im Auge behält. Denn jedem aufmerksamen Beobachter wird es einleuchten, dass ein natürliches Band alle diese Gegenstände umschlingt."

 

Da ist schon recht viel auf einmal versammelt, was Anlass zum Nachdenken gäbe: das Ganze (holon), das Ein (hen, monas) und Alles (pan) sowie die Spannung zwischen dem Erscheinen und dem natürlichen, zusammenhaltenden Band. Für das Systemdenken wie für das momentan vielbeschworene "ganzheitliche Denken" liesse sich da einiges holen.

Jedenfalls hatte der Systembegriff im Altertum schon fast dieselbe Bedeutungsfülle wie heute. Das unentbehrliche griechische Wörterbuch von Liddell-Scott verzeichnet 10 unterschiedliche Bedeutungen. Dabei sind diejenigen der Atomisten Demokrit und Leukipp noch nicht erfasst.

 

Bedeutungsgleiche oder -ähnliche Begriffe

 

Daneben gibt es freilich eine Reihe bedeutungsgleicher oder -ähnlicher Begriffe. So nennt Aristoteles den Kosmos einmal "systasis" und werden "syntaxis" und "syntagma" synonym verwendet, letzteres auch in der spezifischen Bedeutung Traktat, Werk, Buch. Ferner gibt es für die "systematische Zusammenstellung" später den Begriff "hypotyposis", der als Fachterminus für die Zusammenstellung der christlichen Lehre in heilsgeschichtlicher Absicht hauptsächlich im Neuen Testament begegnet (1).

 

Systema war im Altertum ein rein griechischer Ausdruck. Er wurde seit Hippokrates (um 500 v. Chr.) 1000 Jahre lang viel gebraucht, bis 529 n. Chr. die Schule in Athen geschlossen wurde. Benützen taten ihn aber nur griechisch schreibende Autoren (2). Die Römer verwandten Begriffe wie "constitutio" und "coagmentatio" (3), die Scholastiker "compages", collectio", "coactio" und "constructio" (4).

Ins Latein brachte den Ausdruck "systema" erst Martianus Capella (430 n. Chr.), und zwar im Rahmen der Musiktheorie (systema = complexus certum intervallum).

 

Merkwürdigerweise findet sich im Hellenismus der Ausdruck "systematikos" in der Bedeutung von "organisiert" erst sehr spät; gemeinhin nannten die Griechen das, was wir unter systematisch verstehen, "somatoeides".

 

Mittelalter: Funkstille

 

Die nächsten 1000 Jahre ist fast völlige Funkstille. Der Begriff taucht zweimal in der Musiktheorie (5), zweimal allgemein als "Harmonie" (6) und einmal in der Bedeutung "Körperschaft", z. B. als Vereinigung von Berufsgenossen (7) auf.

Unzutreffend scheint die vielzitierte Behauptung zu sein, wonach systema im Mittelalter auch in Astronomie und Theologie gebraucht worden sei (8).

Erst nach 1500 findet sich "systema" wieder häufiger und erobert nach und nach den ganzen breiten Anwendungsbereich zurück.

 

Frühe Neuzeit

 

Der Humanist Melanchthon (1517 und 1534) machte mit der Verwendung des Systembegriffs in der Neuzeit den Anfang, allerdings noch in ganz beschränkter Bedeutung und im Umfeld der lateinischen Sprache, was teilweise noch bis 1750 Brauch war (9).

Nikolaus Kopernikus hat weder in seinem "Commentariolus" (ca. 1515) noch in seinem Hauptwerk "De revolutionibus orbium coelestium" (1543) den Begriff System verwendet. Doch schon 1540 sprach Georg Joachim Rheticus, dessen akademische Karriere von Melanchthon unterstützt wurde, vom "systema des Kopernikus". Da sich dieses System lange keiner grossen Anhängerschaft erfreute, dauerte es fast ein Jahrhundert, bis Galilei die Sache und den Begriff popularisierte (10).

Walther Rivius brauchte das Wort in seiner Vitruv-Übersetzung (1548; Vitruv 23a und 169b); er empfiehlt die "Systemata der Music", nämlich die "dreierlei Intervalla" mit den "Astronomischen Aspecten", nämlich Triangel, Quadrangel und Sexangel, zu vergleichen.

1565 erschien eine Schrift "Eguinarii Baronis de digesta seu Pandectas mannatium libri system". Vor 1600 brauchten "systema" dann nur noch die Theologen Nikolaus Selnecker (1573) und Zacharias Ursinus (1581, 1598).

 

In die anderen Nationalsprachen trat der Begriff System 1508 (italienisch), 1552 (französisch) und 1619 (englisch) ein.

 

In Theologie und Philosophie: Lehrgebäude

 

Betrachten wir die Entwicklung in der Theologie etwas näher:

Schon in der Scholastik hatte der Begriff "summa" zur Bezeichnung gewisser komplexer Gebilde wie auch zur Darstellung bestimmter Lehren den Begriff "hypotyposis" abgelöst gehabt. Bedeutungsähnlich waren die Begriffe "corpus" und "loci communes" (besonders bei Melanchthon und noch lange in Gebrauch in der Jurisprudenz). Sie alle wurden zuerst von "syntagma" (im Sinne von "compendium", "tractatus liber") abgelöst, nachher von "systema".

Beim "systema theologicum" als Bezeichnung des "complexus articulorum fidei" kam nun deutlicher die Absicht zum Ausdruck, aus der heraus ein Lehrgebäude aufgestellt wird, nämlich dem Lernenden sowohl das Gesamt der christlichen Lehre darzustellen als auch den Zusammenhang zwischen den einzelnen Glaubensartikeln aufzuzeigen. Leonhard Hütter gibt in seinem "Compendium Locorum theologicum" (1610) schon genau die Methode an: "Wie in einer Kette die einzelnen Ösen zusammenhängen, so erzeugt in unserer heiligsten Wissenschaft (der Theologie) ein Glaubensartikel aus sich einen andern und bestimmten, der wiederum einen andern, und so fort, bis ein 'integrum doctrinae christianae corpus sive systema perfectum et absolutum' geschaffen ist" (nach A. von der Stein, 1968, 8).

 

Bei der damals engen Beziehung der Wissenschaften untereinander ist es nicht verwunderlich, dass diese Auffassung und diese Terminologien in den ersten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts auch auf andere Gebiete übergingen: "systema" wurde zum Allgemeinbegriff. Man verstand es, in Anlehnung an die stoische Definition der "techne" (praktische Wissenschaft, Kunst als artes liberales), als "Inbegriff", als ein "nach bestimmten Prinzipien geordnetes Ganzes" von Sätzen oder Wahrheiten.

Damit sind im Systembegriff die drei Momente

·        der Zielgerichtetheit (der nützliche Zweck),

·        der Vollständigkeit (das Merkmal "perfectum et absolutum") und

·        der methodischen Gliederung

wieder aufgenommen und vereint.

 

Während sich also die "Theologia didactica" oder "dogmatica" zur "Theologia systematica" entwickelte, begannen sich die Philosophen mit dem "wahren" System zu befassen. Die Gründung eines solchen erfordert nach Nicolas Malebranche (1675) geniale Intuition, nur ein schöpferischer Geist von ursprünglicher Geisteskraft sei in der Lage, ein solches System zu gründen. Bei Christian Wolff (1750) machen die methodisch richtige Verknüpfung aller darin enthaltenen Wahrheiten und die vollständige Deduktion aus einem zugrunde liegenden Prinzip, den "nexus veritatum", das wahre System aus.

 

Diese Verwendung des Systembegriff als "Lehrgebäude" hat sich über Holbach, Kant, Schelling und Hegel, Comte, Mill, Spencer und Wundt in der Philosophie und in den klassifikatorischen Systemen von Linné, Lamarck und Cuvier über die Genfer Augustin und Alphonse de Candolle und Haeckel in der Biologie erhalten.

 

In den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts gab es eine kurze Spätblüte der grossen Systeme:

  • Heinrich Rickert und Hermann Noack stellten solche der Philosophie auf,
  • Martin Meyer und Kurt Port solche der Ethik,
  • Leonard Nelson ein solches der Rechtslehre,
  • Franz Oppenheimer und Leopold von Wiese solche der Soziologie,
  • Edmond Goblot, Paul Tillich und Henry Evelyn Bliss solche der Wissenschaften.

 

Philosophiegeschichte fand als Darstellung der "philosophischen Systeme" (Karl Groos, 1924; André Cresson, 1929) statt. Hugo Dingler beschloss das Jahrzehnt lakonisch mit: "Das System" (1930).

 

Barock: rasche Ausweitung der Bedeutung

 

Seit 1600, also im Barock, wurde System fast explosionsartig zum Modewort. Eine nicht unbedeutende Förderung erfuhr der Druck der verschiedenen Lehrbücher durch die Verlegerfamilie Abton in Hanau.

Der zu seiner Zeit sehr berühmte Philosoph und Theologe Bartholomaeus Keckermann verfasste nach dem "Systema logicae" (1600) weitere 9 Lehrbücher als "Systeme", nämlich der hebräischen Grammatik (1600), Theologie (1602), der Ethik (1607), der Politik (1607), der Rhetorik (1608), der Metaphysik (1609), der Astronomie (1611) und der Geographie (1611); 1910 erschien das "Systema Physicum". Eine posthume Gesamtausgabe seiner Vorlesungen über fast alle Gebiete des Wissens erhielt 1613 den Titel "Systema systematum".

 

Vom Zeitgenossen Otto Casmann, einem Prediger und Vielschreiber, der als erster eine "Psychologia anthropologica, sive animae humanae doctrina" (1594) verfasste, erschien ein "Systema doctrinae et vitae politicae" (1603).

 

Clemens Timpler verfasste fünf "Systeme", nämlich der Metaphysik (1604), der Naturphilosophie (=Physik) (1605), der praktischen Philosophie (1608-12), der Logik (1612), und der Optik (1617). Als Propädeutik zur Neuausgabe des ersten Systems verfasste er eine allgemeine Methodologie der Wissenschaften unter dem Titel "Technologia" (1607).

 

Keckermann bemerkt in seinem "Systema Logicae" (1600), dass er dieses "in nach Vollständigkeit strebender Methode" vorgebracht habe, Timpler verlangt in seinem "Metaphysicae systema methodicum" (1604), dass ein System - vor allem die artes liberales - "non confusum et perturbatum, sed bene secundum leges methodi ordinatum et dispositum" sein müsse.

 

Ein begeisterter Verehrer von Keckermann und Timpler war Johnann Heinrich Alsted, der Systeme der Mnemonik (1609, erweitert 1610), der "physicae harmonicae" (1612) und der Logik (1614) vorlegte. Ersteres ist ein umfassendes Handbuch der Gedächtniskunst, besonders in der von Raymundus Lullus um 1300 begründeten Form, nämlich als universaler Schlüssel zu allem.

 

Und nun kamen auch andere Wissenschaften zum Zug: 1613 erschien in Frankfurt von Henricus Nollius ein "Systema Medicina Hermeticae generale". Zwei Jahre später erschien in Hannover von Johann Gigas das "Enchiridon sphaericum - id est systema cosmographicum compendiosum ... continens utriusque globi, caelestis et terrestris ... descriptionem".

 

Während Francis Bacon 1620 bereits von "philosophischen Systemen" sprach, taucht bei Descartes das Wort "système" nicht auf (dafür "modèle"). Malebranche bezeichnet Descartes Philosophie als "système".

Der Charakterkundler Marin Cureau de La Chambre schrieb "Le système de l'âme" (1665), der Cambridger Platoniker Ralph Cudworth: "The True Intellectual System of the Universe" (1678). Letzterer stellte seine Auffassung den anderen "systems of the world" gegenüber.

 

Leibniz nannte seinen Welterklärungsversuch durchwegs "mon système" oder "mon nouveau système". Legendär ist seine Formel vom "Système de l'harmonie préétablie". Dieses System steht den verschiedenen kausalen Systemen gegenüber als "Système nouveau de la nature et de la communication des substances, aussi bien que de l'union qu'il a entre l'âme et le corps" (1695). Dieses eigenwillige System bildete übrigens auch den Ausgangspunkt für eine interessante Erkenntnistheorie. Von Anbeginn stehen "Einfaches" und "Zusammengesetztes", die die Welt ausmachen, in prästabilierter Harmonie. Nur das Einfache ist unmittelbar schaubar; Zusammengesetztes kann bestenfalls deutlich und "symbolisch" erkannt werden. Also braucht es zur vollkommenen Erkenntnis beides: die "Zusammenschau des Ganzen", die Intuition, und die Erkenntnis mit Hilfe von "Zeichen", z. B. der Mathematik.

 

Unterdessen hatte der Philosoph und Staatstheoretiker Thomas Hobbes (1651) die griechische Bedeutung "Vereinigung" wieder aufgegriffen:

By Systems I understand any numbers of men joined in one Interest, or one Businesse." (dt.: Unter einer Vereinigung verstehe ich eine Anzahl von Menschen, die sich zur Verfolgung eines Interesses oder Geschäftes vereint haben.)

Nach dem Börsenkrach von 1720 witzelte dann einer auf Deutsch:

"Ihr sehet, dass das moralische Systema des Herrn Laws von einem ungemeinen Geist zusammengesetzet worden."

 

Schliesslich wurde schon vor 1700 System auch in der Medizin verwendet, z. B. in der Anatomie für ein "ensemble de parties similaires concourant en une activité commune" oder für das "Nervensystem". 1729 schrieb Butler:

"The body is a system or constitution; so is a tree; so is every machine."

 

Die völlige Ausweitung des Systembegriffs verdanken wir dem Mathematiker, Astronomen, Physiker und Philosophen Johann Heinrich Lambert. Er wurde 1728 in Mülhausen im Elsass, das damals zugewandter Ort der Eidgenossenschaft war, geboren und ist, wie sein Brieffreund Kant meinte, allzu früh, 1777, als Mitglied der Akademie Friedrichs des Grossen in Berlin gestorben. In seiner leider nur als Fragment erhaltenen "Systematologie" (11) gibt er dem Begriff seine im Mittelalter verlorengegangene völlige Ausdehnung wieder zurück, was fortan seine Anwendung in jeder Wissenschaft und auf jedes Objekt ermöglichte.

Da Lamberts Systemtheorie erst posthum (1787) erschien, blieb sie fast unbeachtet. Immerhin ist sie derart bedeutsam, dass sich die Herausgeber des ersten deutschen Sammelbandes über "Systemtheorie und Systemtechnik" (Frank Händle und Stefan Jensen, 1974) nicht scheuten, dieses fast 200 Jahre alte Kabinettstück darin aufzunehmen. Sie stützen sich dabei auf den Nachdruck in einem von Alwin Diemer 1968 herausgegebenen Sammelband über "System und Klassifikation in Wissenschaft und Dokumentation".

 

Seit Galilei: System = Hypothese

 

Was beim Gebrauch des Systembegriffs von 1600-1800 (12) auffällt, ist zweierlei:

• der geistige oder "kognitive" Charakter (z. B. "mente conceptum").

• die Analogie mit einem Organismus (z. B. "corpus integrum", "methodus somatoeides"), anderseits

Die beiden ersten grossen Historiker des Systembegriffs, Otto Ritschl (1906) und AIois von der Stein (1968), haben dies übersehen. Dabei spielt beides bei der Entstehung der neuzeitlichen Naturwissenschaften eine entscheidende Rolle. Inwiefern?

Das "Heilige Offizium" in Rom, die Inquisition, interessierte sich für Galileis Behauptungen resp. Bestätigungen der "Harmonie des grossen kopernikanischen Systems". 1615 fanden die ersten Gerichtsverhandlungen statt. Der Karmeliter Foscarini kam Galilei zu Hilfe. Und nun lief die wissenschaftliche Tragödie an: Der Chefinquisitor Kardinal Bellarmin gab den beiden in einem Brief den Rat, das kopernikanische System "ex suppositione" zu behandeln, also nur zu behaupten, dass die Phänomene einfacher zu retten seien, wenn man die Sonne statt der Erde als Weltzentrum wähle. Doch Galilei erhob den Anspruch auf Wahrheit und meinte, er besitze die Beweise dafür. Wie E. J. Dijksterhuis in seinem Klassiker "Die Mechanisierung des Weltbildes" (1956) anmerkt, irrte sich Galilei, "wie wir heute wissen".

Das Hauptwerk von Galileo Galilei trägt den schönen Titel: "Dialogo ... Dove si discorre sopra i due Massimi Sistemi Del Mondo Tolemaico E Copernicano"(1632).

 

Im Gefolge des Prozesses gegen Galilei wurde das Hypothetische der meisten Systeme immer mehr betont. So findet sich im Lexikon von Nehring (1717) die Angabe: "Bei den Astronomen bedeutet systema diejenige künstliche Verfassung und Zusammenfügung des gesamten Weltgebäudes, Himmels und der Erden, samt ihrem Lauf und Abwechslungen..."

 

Genaugenommen hat schon Kopernikus seine Ansicht als "Hypothese" (1543) bezeichnet, und 1671 publizierte Kaspar Peuker seine "Hypotheses astronomicae, seu theoriae planetarum", womit er eine ganze Welle von Hypothesen-Schriften auslöste.

Man erkannte somit recht rasch das Ptolemäische und Kopernikanische System als Hypothese, genauso wie übrigens später die Einteilungs- oder Gruppierungssysteme der Pflanzen, Tiere (Systematik) und Naturerscheinungen (systema naturae) sowie das Newtonsche System.

In einem "Dictionaire mathématique" (1691) heisst es: "L'Hypothèse est presque la même chose que le Système, qui est aussi une supposition."

Und in der "Cyclopaedia" steht es 1728 wie 1783:

"System and hypothesis have much the same signification."

 

In der "Encyclopédie" (1765) heisst es ganz kritisch: "Mit systematischem Geist ... bezeichne ich denjenigen, der vom Universum Pläne konstruiert und Systeme errichtet, denen er im nachhinein mehr oder weniger gewaltsam die Phänomene anpassen will." (vgl. auch bei Zedler 1744 unter "systematica ingenia")

 

Wieder einmal war es Goethe, der einige Verwirrung ins Spiel brachte, schrieb er doch: "Gross und Klein stehen um ein Systema des Planetenlaufs und gaffen drein." Offenbar stand er in einem Planetarium, das ein (konkretes) Modell des Sternenhimmels bietet.

 

Drastisch äusserte sich der Altmeister der Ökonomie, Adam Smith, in einem frühen Essay über Astronomie (um 1750):

"Ein System ist eine imaginäre Maschine, die erfunden wurde, um in der Vorstellung die verschiedenen Bewegungen und Effekte zu verbinden, die in der Realität tatsächlich schon ablaufen."

Erstaunlicherweise trat dann der reife Smith bei der Begründung des Wirtschaftsliberalismus (1776) in die Ontologisierungs-Falle:

"Räumt man alle Begünstigungs- und Beschränkungsmassnahmen völlig aus dem Wege, so stellt sich von selbst das klare und einfache System der natürlichen Freiheit her ... Der Staat ist in diesem natürlichen System vollkommen einer Pflicht entbunden..."

Smith sprach auch schon von Wirtschaftssystemen ("Of Systems of Political Economy") und versuchte damit, das System der Wettbewerbswirtschaft gegenüber den historischen und lehrgeschichtlichen Vorläufern Physiokratie (Quesnay) und Merkantilismus (im Barock) abzugrenzen. Dabei reguliert sich die von staatlichen Eingriffen weitgehend freie Wirtschaft über Ausgleichsmechanismen selbst - zumindest in der Theorie.

 

Zur selben Zeit trat auch das Lexikon von Walch (1775) in die Ontologisierungs-Falle, wenn es "Systema" folgendermassen definierte: "eine ordentliche Verknüpfung verschiedener Dinge untereinander; oder ein Begriff solcher Sachen, die ordentlich zusammenhängen. Man braucht solches sonderlich auf zweyerlei Art: entweder von der Verbindung der einzelnen Dinge, wie sie wirklich existieren, als wenn man sagt, das systema mundi,... oder von der Verknüpfung gewisser Wahrheiten untereinander, wie man solche in dem menschlichen Verstande anstellet".

 

Immerhin formulierte hundert Jahre später Emile Henri Du Bois-Reymond (1872) wieder: "Ja es lässt eine Stufe der Naturerkenntnis sich denken, auf welcher der ganze Weltvorgang durch Eine mathematisch Formel vorgestellt würde, durch Ein unermessliches System simultaner Differentialgleichungen, aus dem sich Ort, Bewegungsrichtung und Geschwindigkeit jedes Atoms im Weltall zu jeder Zeit ergäbe".

 

Organismische oder mechanische Betrachtung?

 

Ungeklärt bis heute ist, ob das Systemdenken grundsätzlich eher organismisch oder mechanisch sei. Was heisst das überhaupt?

·        Ab 1100 wurde die "mechanica" - die Handwerkskunst, heute auch "Technologie" - auf die gleiche Stufe gestellt wie die bisher vornehmeren Artes liberales. Kurz darauf erhielt "mechanica" aber schon eine zweite Bedeutung, nämlich: Anwendung der Gesetze von Physik und Mathematik. 500 Jahre später fügte Descartes eine dritte Version hinzu. "Mechanisch" hiess bei ihm: entweder mittels der Mechanik (besser: mittels der Kinetik als Mathematik) erklären oder aber in einem mechanischen Modell nachahmen. Letzteres tat er, indem er (1632) Tiere und Menschen als Automaten oder hydraulische Maschinen auffasste, für die es seit längerem "reale" Vorbilder gab.

·        "Machina" hatte nicht immer den heutigen Beiklang von Metall, Gedröhn und unerbittlichem Takt. So sprach schon Lukrez von der "machina mundi".

 

Bis etwa 1600 war der Kosmos in aristotelisch-thomistischer Sicht als beseelter "Organismus" aufgefasst worden. Erst Johannes Kepler wurde durch seine Entdeckungen am Himmel zu einem Sinneswandel veranlasst: Im Jahre 1605 sah er den Kosmos (die "himmlische Maschine") nicht mehr als "göttlich beseeltes Wesen" (instar divini animalis), sondern als Uhrwerk (instar horologii) an. Das führte dazu, dass er in den Planeten nicht mehr "bewegende Seelen", sondern nur noch "Kräfte" (vires) am Werk sah.

Sein Zeitgenosse Galileo Galilei schaltete sich erst nach seinen Beobachtungen mit einem selbstgebastelten Fernrohr 1610 in die Diskussion ein. Kepler schrieb ihm nach der Lektüre des "Siderus nuncius":

"Sie, mein Galilei, öffneten das Allerheiligste des Himmels. Was könnten Sie anderes tun, als den Lärm, der sich erhob, zu verachten."

 

Kurz nach Descartes verglich der grosse Pädagoge Jan Comenius den Menschen mit einem Uhrwerk (z. B. in der 1632-38 entstandenen "Grossen Didaktik", S. 42) und fand, der Schulbetrieb sollte einer "kunstreich angefertigten, mit vielfacher Pracht gezierten Uhr genau" entsprechen (S 77).

Schon Platon hat den Staat mit einem Körper verglichen, und die katholische Kirche ist der "Leib Christi". Hobbes nun meinte (1651), durch menschliche Kunst werde "jener grosse Leviathan geschaffen, genannt Gemeinwesen oder Staat, der nichts anderes ist als ein künstlicher Mensch", ein "politischer Körper", mit der Souveränität als "künstlicher Seele" darin. Spinoza schliesslich verkündete in seiner "Ethica more geometrico demonstrata" (1677):

"Ich werde die menschlichen Handlungen und Triebe ebenso betrachten, als wenn die Untersuchung es mit Linien, Flächen und Körpern zu tun hätte."

Ähnlich wie Descartes bezeichnete Leibniz schliesslich die Organismen als "natürliche Maschinen" und die Seele als "geistigen Automaten".

 

Erst 1707 trat gegen solche Auffassungen ein einsamer Warner auf den Plan. Der Arzt und Chemiker Georg Ernst Stahl führte den Begriff "Organismus" ausdrücklich als Gegensatz zu "Mechanismus" ein. Im Rückgriff auf Paracelsus und van Helmont meinte er, nur insofern der Körper von der Seele zweckmässig bewegt werde, könne er belebt sein. Auch die einfachsten physikalischen und chemischen Vorgänge des lebenden Organismus seien grundsätzlich andere als in der leblosen Welt.

 

Doch schon im nächsten Jahr hieb der berühmte Arzt Hermann Boerhaave (13) den Organismus entzwei: Er trennte seelische und physische Vorgänge am Organismus so scharf, dass er nicht einmal eine Wechselwirkung erlaubte. Alles Seelische ist psychologisch, alles Leibliche streng mechanisch, d.h. physikalisch-chemisch zu erklären. Damit war dem mechanistischen Denken endgültig die Bahn gebrochen (14).

Klassische Systemtitel wurden Hoffmanns "Medicina rationalis systematica" (1718),

Linnés "Systema naturae" (1735 - z. B. die heute noch verwendete botanische Klassifikation als "natürliche Ordnung" aufgefasst), Condillacs "Traité des systèmes" (1749 - nie auf Deutsch übersetzt), Holbachs "Système de la nature" (1770 - die "Bibel des Materialismus"), Laplaces "Exposition du système du monde" (1796) und John Daltons "New System of Chemical Philosophy" (1808-27).

 

Ausdrücklich den Maschinen-Begriff verwendete der vielgeschmähte Arzt La Mettrie: "L'homme machine" (1748). Zedlers Lexikon (1739) nannte "das gantze Welt-Gebäude eine Maschine", und die Kameralisten formulierten: "Ein wohl eingerichteter Staat muss vollkommen einer Maschine ähnlich seyn, wo alle Räder und Triebwerke auf das genaueste ineinander passen." (J. H. G. Justi 1764), oder noch genauer: "Die instruktivste Art, Staatslehre abzuhandeln, ist, wenn man den Staat als künstliche, überaus zusammengesetzte Maschine, die zu einem bestimmten Zweck dienen soll, behandelt" (A. L. Schlözer 1793). [Genaueres zu den Zitaten siehe: Der Staat als Maschine]

 

Auch das legendäre Wirtschafts-Kreislaufmodell des Physiokraten Quesnay (1758) lehnte sich - obwohl dieser Arzt war - nicht an den Blutkreislauf an, sondern an die mechanistische Naturphilosophie seiner Zeit. Heinz Rieter meinte 1983: "Es ist eine Bewegungs- oder Mechanismusanalogie, die Erkenntnisse der cartesianischen Physik auf die Ebene der politischen Ökonomie überträgt mit dem Ziel, 'natürliche' Sozialgesetze abzuleiten." Diese mechanistische Tradition bauten die sogenannten "klassischen" Ökonomen Adam Smith (1776), Jean-Baptiste Say (1803), David Ricardo (1817) und J. H. von Thünen (1826) aus.

Noch der Graf von Saint Simon (gest. 1825) hielt eine "soziale Physiologie" als empirische Wissenschaft für möglich, weil die Gesellschaft "eine wirklich organisierte Maschine" sei, "deren sämtliche Teile auf verschiedene Weise zum Gang des Ganzen beitragen".

 

Als Gegenbewegung zum Maschinendenken im 19. Jahrhundert begann man z. B. Staat und Gesellschaft wieder als Organismus zu betrachten (Comte, Spencer). Der prominenteste Vertreter des Organismusdenkens in der zweiten Jahrhunderthälfte war Albert Schäffle, der es 1871 für kurze Zeit zum österreichischen Handelsminister brachte. Die extremen Formulierungen seines Hauptwerks "Bau und Leben des sozialen Körpers" (1875-78) hat er in der zweiten Auflage (1896) abgeschwächt. Man kann ihn als Vorläufer des Systemdenkens betrachten. Er beeinflusste sowohl die italienische "Ragioneria" (Verwaltungswissenschaft), den Soziologen Ferdinand Tönnies (mit seiner Gegenüberstellung von "Gemeinschaft und Gesellschaft", 1887) als auch Othmar Spann mit seinem "Universalismus".

 

Massgeblich für die Soziologie wurde dann die Definition von Emile Durkheim (1895): Die Gesellschaft " ist nicht bloss eine Summe von Individuen, sondern das durch deren Verbindung gebildete System stellt eine spezifische Realität dar, die einen eigenen Charakter hat".

 

Doch das Maschinendenken ging nicht unter. So formulierte etwa der Elektroingenieur Joseph Slater Lewis 1896 in einem der ersten richtigen Management-Bücher ("The Commercial Organization of Factories"):

"A manufacturing organization is, in a sense, an engine of warfare - industrial warfare - hence it is obvious that readiness, efficiency and perfection of organization must receive careful if not paramount consideration, as against the claims of profit and dividend."

 

Selbstorganisation

 

Ausgerechnet ein Philosoph, "der Alte aus Königsberg", Immanuel Kant, brachte 1790 in seiner "Kritik der Urteilskraft" eine bedeutsame Variante ins Spiel. Er ging von der Uhr aus: Weder bringt ein Rad in einer Uhr ein anderes Rad hervor, noch eine Uhr andere Uhren. Eine Uhr kann weder von selbst fehlende Teile ersetzen oder kompensieren noch "bessert etwa sich selbst aus, wenn sie in Unordnung geraten ist". Die Natur hingegen "organisiert sich vielmehr selbst und in jeder Spezies ihrer organisierten Produkte". Der Organismus als Naturprodukt ist demnach ein "organisiertes und sich selbst organisierendes Wesen, ein Naturzweck".

Schelling verwendete statt "System" lieber "Organisation"; er dachte die Natur als Selbstorganisation.

 

Ende des 19. Jahrhunderts hat der Psychologe Wilhelm Wundt den Organismus als System von "Selbstregulierungen" mit einem psychischen Innesein gefasst. Die Ideen des dynamischen Gleichgewichts und der Selbstregulation standen damals - wie einst in der Aufklärungszeit - hoch im Kurs. Claude Bernard führte um 1860 den Begriff "Homöostase" und die organismische Auffassung ("la fixité du milieu interne") in die Physiologie ein. Ihm folgte der Schweizer Physiologe Emile Henri Du Bois-Reymond, die Biologen Wilhelm Roux und Hans Driesch und der Philosophen Nicolai Hartmann (1912).

Zur gleichen Zeit hielt allerdings der Biologe Jacques Loeb die Organismen für "chemische Maschinen, welche wesentlich aus kolloidalem Material bestehen", und der Physiker und Philosoph Ernst Mach fasste sie auf als "Automaten, auf welche die ganze Vergangenheit Einfluss geübt hat". 1934 behauptete der Physiker Pascual Jordan: "Organismen sind mikrophysikalische Systeme."

 

Offensichtlich gibt es verschiedene Auffassungen von "Organismus". Seit über 100 Jahren spricht man vom Gegensatz Vitalismus-Mechanismus. Als Überwindung desselben führte der Biologe Adolf Meyer-Abich 1933 in Anlehnung an den englischen Physiologen John Scott Haldane (1907) und den südafrikanischen General Jan Christiaan Smuts (1926) den "Holismus" ein.

Ludwig von Bertalanffy nannte seine eigene "Überwindung jenes alten Gegensatzes" "organismische Auffassung" und entwickelte daraus seit 1945 eine "Allgemeine Systemlehre", welche alle Wissenschaften umspannen sollte. Zwar hatte er noch 1937 gewarnt: "Organismen sind keine Maschinen", doch schon drei Jahre später betrachtete er sie als "physikalisches System". Die nicht lange vorher erfolgte Ausweitung der Thermodynamik auf "offene Systeme" (M. R. Defay 1929) wendete er in der Folge - wie Ilya Prigogine - auf Biosysteme an.

 

Niklas Luhmann wollte 1971 wieder den "Sinn" als Grundbegriff in die Soziologie einführen (in "Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie"). Dabei bekannte er, die vorherrschende Tendenz sei heute, "eine allgemeine, auch Maschinen einschliessende Theorie des Systems überhaupt zu suchen und durch sie den Vergleich [von sozialem System und Organismus] zu vermitteln". Wie aber fährt er fort? "Soll das gelingen, muss jedoch zugleich die Theorie sinnkonstituierender, nämlich psychischer und sozialer Systeme auf einen Stand gebracht werden, der dem der Maschinentheorie und dem der Organismustheorie entspricht." (S. 93)

 

Hoffnung durch das "neue" Denken

 

Dass die Systembetrachtung in den 60er und 70er Jahren nicht das brachte, was man von ihr erwartete, kann man auf drei Weisen erklären:

·        Es macht den Anschein, dass der Mensch gar nicht zu Systemdenken fähig ist. Wir können, wie Jay W. Forrester, der Erfinder des "Weltmodells" klagte, nicht die Konsequenzen klar durchdenken, "die sich ständig neu ergeben, wenn die verschiedenen Teile eines Systems miteinander in Wechselwirkung treten und sich vielfältig gegenseitig beeinflussen (29)". Dies Konstruktion von Computermodellen, die solches zu simulieren vermögen, ist möglich, aber damit sie zutreffend wären, müsste das Objekt eine Transparenz aufweisen, die nicht vorhanden ist, und zudem müsste ein ebenso reichhaltiges wie präzises Faktenwissen vorliegen, das in nützlicher Frist gar nicht zu beschaffen ist.

·        Das Systemdenken beruht, trotz allen Einbezugs organismischer Vorstellungen, auf einem kausalmechanischen Maschinendenken. Doch weder Organismen noch psychische, kulturelle, politische, wirtschaftliche und soziale Erscheinungen laufen wie Maschinen.

·        Es führt kein direkter Weg von der Wissenschaft zur Anwendung, von der Theorie zur Praxis.

 

Neue Hoffnung weckt deshalb das "neue Denken", das sich etwa in Capras Begriffssalat nicht nur als ganzheitlich, organisch und ökologisch gibt, sondern auch mystisch und spirituell. Das mag zwar zu einer "Wiederverzauberung der Welt" (Morris Berman 1981) führen. Ob es aber trotz der Beschwörung von Systemen als "integrierten Ganzheiten" überhaupt noch etwas mit Systemdenken zu tun hat, bleibt offen.

 

 

Anmerkungen

 

1.  Alois von der Stein: Der Systembegriff in seiner geschichtlichen Entwicklung. In Alwin Diemer (Ed.): System und Klassifikation in Wissenschaft und Dokumentation. Meisenheim: Hain 1968, S. 1-14, hier S. 6.

 

2. Die letzten Autoren sind

 Polybios (150 v. Chr.)

 Plutarch (100 n. Chr.)

 Lukian (2. Jh. n. Chr.)

 Sextus Empiricus (200 n. Chr.)

 Clemens (200 n. Chr.)

Bei Galen ( ca. 190 n. Chr.) bezeichnet systema laut Riedel den "Zusammenstand wohlgeordneter Begriffe".

Bei Simplicius (6. Jh. n. Chr.) repräsentiert der Ausdruck laut Riedel dass ptolemäische Weltsystem.

 

3. Laut Alois von der Stein; vgl. Stephanus' Thesaurus Graecae Linguae.

 

4. Laut den lateinischen Wörterbüchern (Faber, Forcellini, Du Cange).

 

5. Laut Souter bei Chalcidus (3.-4. Jh. n. Chr.) und Fulgentius (5.-6. Jh. n. Chr.), laut Thesaurus Eruditionis Scholasticae Epitome (1607) bei Psellus (11. Jh.).

 

6. Laut Latham in den Jahren 950 und 1200.

 

7. Laut Pauly-Wissowa war "systema" in Zusammenhang mit den römischen Collegien (siehe dieses Stichwort S. 380) synonym mit "corpus" und bedeutete "Körperschaft". Ebenso (Suppl. IV, Berufsvereine, S . 181) wurde in der hellenistischen Welt "systema" in der Regel von Vereinigungen der Geronten gebraucht; zweimal ist es auch für eine Innung bezeugt. Im Edikt Leos des Weisen, das einen Einblick in das wirtschaftliche Leben Konstantinopels im 10. Jh. gibt, werden die "Zünfte", also Vereinigungen von Berufsgenossen, gewöhnlich "systema" (S. 290) genannt. Hobbes (1651) griff diese Definition in der Neuzeit wieder auf.

 

8. Das scheint auf eine falsche Behauptung Du Canges zurückzugehen (immerhin eingeleitet mit "hinc..."), die Ihrerseits folgendermassen zustande kam: In Fabers Thesaurus Eruditionis Scholasticae ist in den frühen Ausgaben (1572 bis 1672) nur von "musicorum vocabulum" die Rede; die astronomische und theologische Bedeutung kamen erst in der Ausgabe von 1726 hinein, auf die sich auch Alois von der Stein (S. 7) stützt. Auch im Thesaurus Eruditionis Scholasticae Epitome (1607) heisst es nur : "systema ... intervallorum certus complexus, Psello".

Riedel hat das auch gesehen (S. 290).

Dagegen ist das "Französische Etymologische Wörterbuch" von Walther von Wartburg (Bd. 12, 1966, 505) Du Cange auf den Leim gegangen.

 

 

9. Daher taucht im Lexikon "Die Teütsch spraach" (1561) von Josua Maaler (Zürich: Froschauer) systema noch nicht auf. Interessant ist, dass das Wort "System" sowohl in Grimms Deutschem Wörterbuch als auch in Schulz' "Deutschem Fremdwörterbuch" abgehandelt wird.

 

10. Galilei schrieb z. B. im Saggiatore 1623 "nach dem System des Kopernikus". Weitere Hinweise später im Text.

[spätere Ergänzung: Schon 1540 sprach Joachim Rheticus vom „systema des Kopernikus“.]

 

11. Vgl. Roland Müller: Johann Heinrich Lambert und das "Systems Engineering" - 200 Jahre Systemdenken. Schweizer Rundschau 73 (September/Oktober 1974), 321-330; Nachdruck u. d. T.: Lamberts "Wissenschaftliche Anweisung zum Projectemachen". In Roland Müller: Innovation gewinnt. Zürich: Orell Füssli 1997, 138-152

 

12. Zahlreiche Belege für das 17. und 18. Jahrhundert hat der erste Chronist des Systembegriffs, Otto Ritschl (1906) zusammengetragen.

Weitere lassen sich finden z. B. im Oxford English Dictionary (engl. seit 1619), bei Walther von Wartburg (frz. seit 1552), Robert (frz.) und im Trésor de la Langue Française (frz. seit 1552, dann erst wieder um 1650) sowie in Salvatore Battaglias "Grande Dizionarion della Lingua Italiana", in Niccolò Tommaseos "Dizionario della Lingua Italiana" und in Tullio di Mauros "Grande Dizionario Italiano dell'Uso" (it. ab 1508).

 

13. Unter Boerhaaves Schülern waren der "Systematiker" Linné, der zu Unrecht belächelte La Mettrie ("L'homme machine", 1748) und der Berner Universalgelehrte Albrecht von Haller.

 

14. Zur Automatentheorie von Descartes bis Leibniz legte Alex Suter 1988 eine Studie unter dem Titel "Göttliche Maschinen" (Frankfurt am Main) vor.

Vgl. auch Sybille Krämer: Symbolische Maschinen. Die Idee der Formalisierung in geschichtlichem Abriss. Darmstadt 1988; sowie weitere Schriften derselben Autorin.

Vgl. auch Geert Keil: Über ein das Maschinenmodell des Menschen betreffendes Missverständnis. In Jörg F. Maas (Ed.): Das sichtbare Denken. Amsterdam: Rodopi 1993, 75-89.

Vgl. auch Laurens Laudan: The Clock Metaphor and Probabilism. In Annals of Science, Nr. 2, 22, 1966, 73-104.

Über die Auseinandersetzung mit dem "falschen" und dem "richtigen" Systembegriff in der französischen Aufklärung berichteten 1977 die beiden DDR-Philosophen Helga Bergmann und Peter Ruben.

 

 

Literatur

 

Otto Ritschl: System und systematische Methode in der Geschichte des wissenschaftlichen Sprachgebrauchs und der philosophischen Methodologie. Bonn 1906.

Dazu Besprechung von August Messer in: Göttingische gelehrte Anzeigen, 169. Jg. 1907, H. 8, S.659-666.

 

Zeitschrift "Studium Generale", 10. Jg., 1957, H. 2. (enthält Beiträge zum Systembegriff in Anatomie, Ökologie, Biologie und Sprache).

 

In seinem zweibändigen Werk "Substanz, System, Struktur" (1965/66) definiert der Philosoph Heinrich Rombach "System" im Rahmen seiner Theorie und historischen Betrachtung des Funktionalismus. Als Idee taucht System demzufolge bei Cusanus auf (I, 229-242). Bei Spinoza - der den Begriff aber nicht verwendet - tritt "System" an die Stelle der Schöpfung, und zwar unter dem Namen "Natur" (II, 29-97). Leibniz sah dann die Welt als System von Systemen, als "Struktur" (II, 317-325). Im Schlusswort wird diese eigenwillige Systemauffassung von Rombach nochmals erläutert (II, 500-515).

 

Alwin Diemer (Ed.): System und Klassifikation in Wissenschaft und Dokumentation. Meisenheim: Hain 1968; darin Alois von der Stein: Der Systembegriff in seiner geschichtlichen Entwicklung, S. 1-14.

 

Helga Bergmann, Peter Ruben: Dialektik und Systemdenken in der französischen Aufklärung. In Helga Bergmann et al: Dialektik und Systemdenken. Berlin: Akademie-Verlag 1977, S. 55-98.

 

"System". In: Deutsches Fremdwörterbuch. Bd. 4, 1978, S. 683-691.

 

Manfred Riedel: System, Struktur. In: Geschichtliche Grundbegriffe. Bd. 6, 1990, S. 285-322 (basiert weitgehend auf Otto Ritschl und Alois von der Stein).

 

"System" in J. Ritter et al. (Ed.): Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 10, 1998, Fritz-Peter Hager, Sp. 824-825; Christian Strub, Sp. 825-856;
"biologisches System", Reinhard Schulz, Sp. 856-862;
"Systemtheorie; soziales System", Stefan Jensen, Sp. 862-869.

 

Vgl. auch:

Nelson Goodman: Some Reflections on the Theory of Systems. Philosophy and Phenomenological Research 1949, 620-625.

Gerhard Frey: Zum naturwissenschaftlichen Systembegriff. Philos. Nat. 1, 1950/52, 4, 480-492.

 

 

Bildvorschläge mit Legenden

 

Platon (um 370 v. Chr.) war der erste System-, Ganzheits- und Modelldenker.

 

Galileo Galilei (1615) meinte, er könne das "kopernikanische System" beweisen. Sein Irrtum führte dazu, dass man die nächsten 200 Jahre System häufig mit Hypothese gleichsetzte.

 

Der Mensch als Maschine: Figur aus Descartes "Traité de l'homme" (posthum 1664).

 

Athansius Kircher stellt in seinem Buch "Iter extaticum" (Rom, 1671) das Ptolemäische, Platonische, Ägyptische (von Vitruvius), Tychonische, Semi-Tychonische und Kopernikanische System vor.

 

Das "Mathematische Lexicon" (1716) des Vielschreibers Christian Wolff stellt das Kopernikanische, das Ptolemäische, das Halb-Tychonische und das Tychonische Welt-Gebäude vor.

 

"Das System der natürlichen Freiheit" stellt sich "von selbst" ein: kybernetische Nachzeichnung des Marktsystems von Adam Smith (1776).

 

Der Philosoph Immanuel Kant stellte bereits 1790 die Theorie der "Selbstorganisation" auf.

 

Ludwig von Bertalanffy (1901-1972) gehört mit seiner "Allgemeinen Systemlehre" (engl. "General System Theory") zu dem aus heutiger Sicht "alten" Systemdenken.

 

Die Rohskizze für das erste Weltmodell, vom Erfinder der "Systems Dynamics", Jay W. Forrester, 1970 nach einer Konferenz des Club of Rome in Bern - zu welcher der Schweizer Bundesrat eingeladen hatte - auf dem Rückflug in die USA im Flugzeug gezeichnet.

 

((Am 23. November 1988 an „Bilanz“ geschickt, vom zuständigen Redaktor verlegt;

eine Nachfrage beim Chefredaktor am 7. März 1990 ergab zwei Wochen später die Antwort: „Ich bin am Abklären, wann und wie wir den Artikel ins Heft nehmen werden. Sie hören von mir.“ Das geschah nicht.

Der Artikel ist nie erschienen – hier ist er leicht erweitert.)

 



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