Home Frühe deutsche Literatur zum Systemdenken

                     Systemtheorie - Operations Research - Kybernetik - Informationstheorie - Systemanalyse - Systemtechnik

                     1945-1972

 

bearbeitete und ergänzte Notizen zu Bezeichnungen, Publikationen und Institutionen, Frühling 1974

 

Siehe auch:   Die Systemwissenschaft hat viele tiefe Wurzeln

                        Systemwissenschaft – Herkunft und Grundprobleme

                        Allgemeine Systemtheorie (Jürgen von Kempski, 1961)

                        Systemtheorie (Herbert Fuchs, 1969)

                        Systemanalyse (Gertrud Wegner, 1969)

                        Definitionen: Systemtheorie

                        Was ist Systemanalyse und Systemplanung?

                        Systems Engineering und Human Engineering

                        Definitionen von Operations Research

                        Systemwissenschaft: Literatur 1940-1960 Deutsch

                        Systemwissenschaft: Literatur 1940-1960 Englisch

                        Literatur: Entscheidung

 

 

blau = wichtige deutschsprachige Literatur

 

 

Wer sich mit "Systemtheorie" ernsthaft zu beschäftigen vornimmt, sieht sich nach mühseligem Suchen von Literatur und Hinweisen zu folgenden Feststellungen gezwungen:

1. Der Systembegriff hat eine ehrwürdige Tradition vorab in der Philosophie, Theologie und Astronomie, dann aber auch in zahlreichen andern Wissenschaften.

2. Heute scheint keine Wissenschaft mehr ohne den Systembegriff auszukommen.

3. Ebenso bedienen sich interdisziplinäre Bemühungen des Systembegriffs.

4. Es scheint keine allgemein anerkannte, d. h. strenge und dennoch universal brauchbare Definition von "System" zu geben.

5. Definitionen von "System", deren es eine grosse Menge gibt, rekurrieren auf zahlreiche ebenso definitionsbedürftige Begriffe.

6. Umgekehrt taucht "System" meist undefiniert in zahlreichen Definitionen von Grundbegriffen in den verschiedenen Wissenschaften und interdisziplinären Bemühungen auf.

7. Die Fülle der Arten von Systemen ist unabsehbar. Allein Hermann Frankes "Lexikon der Physik" (3. Aufl. 1969) zählt 22 auf.

8. Mit den zahlreichen Wandlungen und Erweiterungen, die der Systembegriff vor allem in diesem Jahrhundert durchgemacht hat, ist er also zu einem ebenso schillernden wie universalen Begriff geworden.

 

Viele Beispiele für begriffliche Verwirrung

 

Begriffliche Verwirrung ergibt sich jedoch bereits aus vielerlei Gründen.

¨ Erstens bezeichnet C. West Churchman, der als einer der Pioniere des Operations Research gilt, seine "Introduction to Operations Research" (1957; dt.: „Einführung in die Unternehmensforschung“. 1961) in einem späteren Werk als Lehrbuch, "aber es beschreibt die Systemanalyse".

¨ Zweitens hat Gerhard Wunsch sein dreibändiges Lehrbuch der Systemtheorie mit "Systemanalyse" (1967-71) betitelt und im Vorwort des ersten Bandes sogar von "allgemeiner Systemtheorie" gesprochen, die im Vorwort des dritten Bandes durch die Klammer "Mathematische Systemtheorie" ergänzt wurde. Dabei hat Wunsch bereits 1962 eine Monographie "Moderne Systemtheorie" geschrieben, die er neun Jahre später als "Systemtheorie der Informationstechnik" überarbeitet herausgab.
Auf Grund dieser Vermischung von Systemtheorie und -analyse trägt wohl auch Horst Strobels Schrift zur "Theorie und Anwendung der Verfahren zur Kennwertermittlung" den Titel "Systemanalyse mit determinierten Testsignalen" (1968).

¨ Drittens heissen Jay W. Forresters "Grundsätze einer Systemtheorie" (1972) im amerikanischen Original "Principles of Systems" (1968), beschäftigen sich aber nicht mit der Nachrichtentechnik, sondern mit dem, was als Systemanalyse bezeichnet wird (obwohl sie im Brockhaus als einziges Buch zur "Systemtheorie" angegeben sind). Die deutsche Übersetzung ist anonym geleistet worden und in Schreibmaschinenschrift gedruckt.

¨ In seiner Schrift „Theoriebegriffe und Systemtheorie“ (1969, 97-98) behauptet Wolf-Dieter Narr, „das allgemeine Ziel der Systemanalyse“ lasse sich grob in drei untereinander zusammenhängende Typen gliedern:

-                   „die General-System-Theory;

-                    die kybernetische Systemtheorie; deren bekanntester politologischer Vertreter Karl W. Deutsch ist und als dessen Begründer Norbert Wiener gilt;

-                   die struktur-funktionale Theorie, wie sie vor allem von Talcott Parsons begründet wurde; sie gewann in Verbindung mit Elementen der kybernetischen Theorie in der Sozialwissenschaft, besonders der Politologie, grossen Einfluss.“

¨ Josef Löffelholz gebraucht in seinem „Repetitorium der Betriebswirtschaftslehre“ (3. Aufl. 1970, 76-77) unter der Überschrift „Systemforschung“ ohne Differenzierung: Systemanalysen, Systemtheorie und Systemwissenschaft sowie Systems Research und Systems Engineering.

¨ Peter Fey betitelte seine „Einführung in die statistische Theorie der elektrischen Nachrichtenübertragung“ mit „Informationstheorie“ (1963; 3. Aufl. 1968).

¨ Das grundlegende Werk von Claude Elwood Shannon und Warren Weaver, „The Mathematical Theory of Communication“ (1949) erhielt in der späten deutschen Übersetzung den Titel Informationstheorie“ (1976).

 

Wir haben also eine recht heillose Verwirrung festzustellen. Dies ist sicher der Hauptgrund, weshalb sich das Systemdenken im zivilen Bereich in Behörden und Unternehmen noch kaum durchsetzen konnte. Das muss freilich nicht nur an der Literatur liegen, die auf dem Kontinent also recht spärlich vorhanden ist.

 

Publikationen zu Operations Research

 

Die ersten Bücher im "Cumulative Book Index" über Operations Research (OR), längere Zeit auch „Operational Research“ genannt, tauchen seit 1949 auf.

 

Laut der internationalen Zeitschriftenbibliographie beginnt OR ab 1957 vorwiegend als Verfahrens- oder Unternehmensforschung im deutschsprachigen Bereich Fuss zu fassen. Doch erst 1962 gibt es reichhaltigere Literatur darüber.

 

In der "Deutschen Bibliographie" tauchten Operations-Research und Operationsforschung von 1961 an auf. Hierbei wird auf "Unternehmung", seit 1964 auf "Unternehmungsführung", ab und zu auch auf "Strategie" verwiesen. Erst 1972 wurde „Operations Research“ ein eigenständiges Schlagwort.

 

Die ersten Bücher sind Übersetzungen

der Beiträge von drei Arbeitstagungen der American Management Association 1956 („Operations Research – Mittel moderner Unternehmensführung“, 1958),

von C. West Churchman et al.: "Introduction to Operations Research" (1957; dt.: "Operations Research. Eine Einführung in die Unternehmensforschung", 1961, 5. Aufl. 1971),

von Jacques Lesourne: „Technique économique et gestion industrielle“ (1958; dt.: „Unternehmensführung und Unternehmensforschung“, 1964),

von Maurice W. Sasieni et al.: „Operations Research“ (1959; dt.: „Methoden und Probleme der Unternehmensforschung. Operations Research“, 1962; mehrere Aufl. bis 1971) und

von Robert Faure et al.: "La recherche operationelle" (1961; dt.: „Grundkurs der Unternehmensforschung“, 1962).

 

Die ersten Vorträge und Aufsätze auf Deutsch stammen von Wilhelm Krelle (1957 und 1958) und Hans Paul Künzi (1958), von Adolf Adam (1958), Martin J. Beckmann (1958), Arthur Linder (1958) und Waldemar Wittmann (1958) sowie von L. J. von Rago (1960).

 

Die ersten eigenständigen deutschen Publikationen sind:

eine Habilitationsschrift von Adolf Angermann („Entscheidungsmodelle“, 1957; als Buch 1963) und eine Dissertation von Wernfried Böhm („Die Planungsforschung“, 1959);

der Erfahrungsbericht einer deutschen Studiengruppe von einer Reise nach USA unter dem Titel „Ablauf- und Planungsforschung“ (1958),

Adolf Adam „Messen und Regeln in der Betriebswirtschaft“ (1959),

Martin Josef Beckmann: Planungsforschung. Lineare Planungsrechnung (1959),

Werner Schulz: Einführung in die Unternehmensforschung (Operations Research) (1959 und 1960) und

Hans-Hermann Böhm "Operationenforschung - Moderne Vorbereitung unternehmerischer Entscheidungen", 1961).

1962 brachte die Bücher von Bernd Peters, Wilhelm Krelle, Hans Paul Künzi („Nichtlineare Programmierung“), Knut Bleicher („Unternehmungsspiele“), 1963 von Helmut Weber „Die Planung in der Unternehmung“ und von Ernest Kulhavy „Operations Research – Die Stellung der Operationsforschung in der Betriebswirtschaftslehre“ (1963).

 

Kybernetik

 

"Cybernetics" taucht seit 1949 im "Cumulative Book Index", "Information Theory" seit 1953 auf.

Die ersten Titel sind vier von Norbert Wiener sowie die Konferenzberichte der Josiah Macy Jr. Foundation; Heinz von Foerster gab auf Englisch fünf Bände unter dem Titel "Cybernetics" (1949-55) heraus.

 

Norbert Wiener: The Human Use of Human Beings. Boston: Mifflin 1950;
dt.
: Mensch und Menschmaschine. Frankfurt am Main: Metzner 1952; Frankfurt am Main: Ullstein 1958; Frankfurt: Athenäum 1964; 4. Aufl. 1972.

Norbert Wiener: I Am a Mathematician. Cambridge, Mass.: MIT Press/ Garden City, N. Y.: Doubleday/ London: Victor Gollancz 1956;
dt.: Mathematik - Mein Leben. Düsseldorf: Econ 1962; Frankfurt am Main: Fischer Bücherei 1965;
u. d. T.: Ich und die Kybernetik. Der Lebensweg eines Genies. München: Goldmann 1971.

Norbert Wiener: Cybernetics or Control and Communication in the Animal and the Machine. Paris: Hermann/ New York: Wiley 1948;
dt.
: Kybernetik, Regelung und Nachrichtenübertragung in Lebewesen und Maschine. Düsseldorf: Econ 1963; Reinbek: Rowohlt 1968.

Norbert Wiener: God And Golem, Inc. Cambridge, Mass.: MIT Press 1964;
dt.
: Gott & Golem Inc. Düsseldorf: Econ 1965.

 

W. Ross Ashbys „Introduction to Cybernetics“ von 1956 erschien erst 1974 in deutscher Übersetzung.

 

Die ersten andern Übersetzungen sind:

Colin Edward Cherry: Kybernetik. Hrsg. von der Arbeitsgemeinschaft für Forschung des Landes Nordhrein-Westfalen. Köln: Westdeutscher Verlag 1954.

Hsue Shen Tsien: Engineering Cybernetics. New York: McGraw-Hill 1954;
dt
.: Technische Kybernetik. Stuttgart: Berliner Union 1957.

Albert Ducrocq: Découverte de la cybernétique. Paris: Juillard 1955;
dt
,: Die Entdeckung der Kybernetik. Über Rechenanlagen, Regelungstechnik und Informationstheorie. Frankfurt: Europäische Verlagsanstalt 1959.

Louis Couffignal: Les notions de base. Paris: Gauthier-Villars 1958;
dt.
: Kybernetische Grundbegriffe. Baden-Baden: Agis-Verlag 1962.

Stafford Beer: Cybernetics and Management. London: The English Universities Press 1959;
dt.
: Kybernetik und Management. Frankfurt am Main: S. Fischer 1959; 4. Aufl. 1970.

 

Die ersten deutschen Titel waren häufig philosophisch:

Gotthard Günther: Das Bewusstsein der Maschinen. Eine Metaphysik der Kybernetik. Krefeld, Baden-Baden: Agis-Verlag 1957; 2. Aufl. 1963.

Axel Viggo Blom: Raum, Zeit und Elektron. Perspektiven der Kybernetik. München: Paul Müller 1959.

Bernhard Hassenstein: Die bisherige Rolle der Kybernetik in der biologischen Forschung. Aus der Forschungsgruppe Kybernetik des Max-Planck-Instituts für Biologie, Tübingen. Stuttgart: Wissenschaftliche Verlags-Gesellschaft 1960; Naturwissenschaftliche Rundschau 13, 1960, 349-355, 373-382, 419-424.

Georg Klaus: Kybernetik und die Grundfrage der Philosophie (Aufsatz). Forschen und Wirken 3, 1960, 61-95.

Georg Klaus: Kybernetik in philosophischer Sicht. Berlin: Dietz 1961; 4. Aufl. 1965.

Richard Feldtkeller (Hrsg.): Aufnahme und Verarbeitung von Nachrichten durch Organismen. Vorträge aus dem Gebiet der Kybernetik. Stuttgart: Hirzel 1961.

Karl-Heinz Kannegiesser: Kybernetik, Technik. Kommunismus (Vortrag). Leipzig: Urania-Verlag 1961.

Karl Steinbuch: Automat und Mensch. Berlin: Springer 1961;
ab 1963 erweitert mit dem Untertitel: Kybernetische Tatsachen und Hypothesen;
ab. 4. Aufl. 1971 mit dem Untertitel: Auf dem Weg zu einer kybernetischen Anthropologie.

Helmar Frank: Kybernetische Grundlagen der Pädagogik. Baden-Baden: Agis-Verlag 1962; 2. Aufl. 1969; gekürzte Taschenbuchausgabe Stuttgart: Kohlhammer 1971.

(Helmar Frank, Hrsg.): Kybernetik: Brücke zwischen den Wissenschaften. 29 Beiträge namhafter Wissenschaftler und Ingenieure. Frankfurt am Main: Umschau-Verlag 1962; erweitert 1964; 7. Aufl. 1970.

 

Wichtig wurde die Zeitschrift „Grundlagenstudien aus Kybernetik und Geisteswissenschaft“ (ab 1960) mit Beiheften.

 

Schriften zur Informationstheorie

 

Die ersten Schriften auf Englisch waren:

David Arthur Bell: Information Theory and its Engineering Applications. London: Pitman 1953; 4. Aufl. 1968.

Stanford Goldman: Information Theory. Englewood Cliffs, N. J.: Prentice-Hall/ London: Constable 1953; 3. Aufl. 1955.

 Henry Quastler (Hrsg.): Information Theory in Psychology. Glencoe, Ill.: Free Press 1955.

Léon Brillouin: Science and Information Theory. New York: Academic Press 1956; 2. Aufl. 1962.

Amiel Feinstein: Foundations of Information Theory. New York: McGraw-Hill 1958.

Solomon Kullback: Information Theory and Statistics. New York: Wiley/ London: Chapman & Hall 1959; mehrere Aufl. bis 1997.

Yuk-Wing Lee: Statistical Theory of Communication. New York: Wiley 1960; zahlreiche Aufl. bis 1970.

 

Der Klassiker von Claude Elwood Shannon und Warren Weaver, „The Mathematical Theory of Communication“ (1949), wurde erst 1976 ins Deutsche übersetzt.

Edward Colin Cherrys „On Human Communication“ (1957) und Fred Attneaves „Application of Information Theory to Psychology“ (1959) wurde dagegen bereits 1963 resp. 1965 auf Deutsch übersetzt.

 

Für lange Zeit die ersten deutschen Schriften waren:

der von Johannes Wosnik herausgegebene Nachrichtentechnische Fachbericht, Nr. 3, „Informationstheorie. Information Theory“ (1956) mit deutschen und englischen Beiträgen.

Peter Neidhardt: Informationstheorie. Berlin: Verlag Technik 1957; 2. Aufl. 1964.

Werner Meyer-Eppler: Grundlagen und Anwendungen der Informationstheorie. Berlin: Springer 1959, 2. Aufl. 1969.

Heinz Zemanek: Elementare Informationstheorie. Wien: Oldenbourg 1959.

 

Institute und Zeitschriften in Deutschland

 

Im deutschen Sprachbereich trugen die Institute lange traditionelle Namen, beispielsweise das "Institut für Nachrichtenverarbeitung und Nachrichtenübertragung der Universität Karlsruhe" (Prof. Karl Steinbuch) oder das "Institut für Automation und Unternehmensforschung" an der Universität Freiburg i. Ue.

 

Deutsche Zeitschriften und Schriftenreihen sind etwa „Fernmeldetechnische Zeitschrift“ (1948-1955; seither „Nachrichtentechnische Zeitschrift“), (1948), "Regelungstechnik" (1953), "Elektronische Datenverarbeitung" (1959), "Kommunikation und Kybernetik in Einzeldarstellungen" (1959-1973), "Grundlagenstudien aus Kybernetik und Geisteswissenschaft" (1960ff), "Kybernetik" (1961-1974), „Kybernetik und Information“ (1962ff), "Kommunikation" (1965-1971).

Interessant ist vielleicht, noch anzumerken, dass die von Aleksej Andreevic Ljapunow in Moskau herausgegebenen "Problemy kiberetiki" (1958ff) seit 1962 in Ost-Berlin unter dem Titel "Probleme der Kybernetik" erscheinen, auf englisch jedoch nur anfangs als „Problems of Cybernetics“, ab 1968 jedoch unter dem Titel "Systems Theory Research" (bis 1973).

 

Eine gute Übersicht bietet die Schrift:

Erich Zahn: Systemforschung in der Bundesrepublik Deutschland. Mit einem Verzeichnis von Forschungsinstitutionen sowie einer ausgewählten Bibliographie. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1972.

 

Wo gibt es Systemtheorie?

 

Was nun die Systemtheorie im besonderen betrifft, gilt es festzuhalten: Weder in den grossen englischen und amerikanischen Enzyklopädien noch im britischen "Index of Theses", weder im deutschen Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm (1942), im "Schweizer Bücherverzeichnis" (bis 1970) noch im Schlagwortkatalog der ältesten Universitätsbibliothek der Schweiz findet sich „Systemtheorie".

 

Dagegen ist dieses Schlagwort in der "Deutschen Bibliographie" sporadisch seit 1961 (bis 1971) - freilich nur Nachrichtentechnik betreffend -, im amerikanischen "Bibliographic Index" und im "Cumulative Book Index“ (seit 1971) zu finden.

 

Von den grossen deutschsprachigen Nachschlagewerken geben einzig das "Grosse Duden-Lexikon" (1967), „Dr. Gablers Wirtschaftslexikon" (8. Aufl. 1971) und die "Brockhaus Enzyklopädie"(1973) kurze und unvollständige Hinweise.

 

Die "International Encyclopedia of Social Sciences", Band 15, 1968 – auf 44 Seiten unter dem Titel „Systems Analysis“), das "Marxistisch-Leninistische Wörterbuch der Philosophie" (1969), Erwin Grochlas "Handwörterbuch der Organisation" (1969) und Josef Löffelholz' "Repetitorium der Betriebswirtschaftslehre" (3. Aufl. 1970 – woraus „Dr. Gabler’s“ abgeschrieben ist) scheinen als einzige Übersichtswerke die "Systemtheorie" ausführlich zu würdigen.

 

Im "Handwörterbuch der Sozialwissenschaften" (z. B. Bd. 7, 1961, Bd. 12, 1965), in den Ergänzungsbänden des "Staatslexikons" (Bde 10 und 11, 1970) und im „Lexikon der Pädagogik“ (Bd. 2, 1970; Bd. 4, 1971) wird die Systemtheorie immerhin an einigen Stellen erwähnt. Im „Wörterbuch der Kybernetik“ (Georg Klaus, 1967) und im „Taschenlexikon der Kybernetik“ (Theo Lutz, 1972) fällt die Erwähnung ganz knapp aus.

 

Im deutschsprachigen Raum gibt es kein Werk, das "die" Systemtheorie vorstellt.

Es gibt einzig "Die Systemtheorie der elektrischen Nachrichtenübertragung" (Karl Küpfmüller, 1949) sowie die daran anknüpfenden Theorien in diesem Bereich von Herbert Schlitt (1960), Gerhard Wunsch 1962, 1971), Helmut Schwarz (1967, 1969), Rolf Unbehauen (1969) sowie Manfred Peschel/ Gerhard Wunsch (1972).

 

Von Georg Klaus in Ostberlin herausgegeben erschienen in rascher Folge zwei Auflagen einer Übersetzung aus dem Polnischen der Schrift von Henryk Greniewski und Maria Kempisty unter dem Titel „Kybernetische Systemtheorie ohne Mathematik“ (1966); eine englische Übersetzung hatte noch „Cybernetics without Mathematics“ (1960) geheissen.

 

Es gibt freilich eine "Allgemeine Systemtheorie". Initiiert wurde sie von dem nach Nordamerika emigrierten Wiener Biologen Ludwig von Bertalanffy. Weder seine Werke - mit Ausnahme des populär gehaltenen "Robots, Men and Minds" (1967; dt.: "... aber vom Menschen wissen wir nichts", 1970) - noch diejenigen der Mitglieder der 1954 gegründeten "Society for General Systems Research", weder Symposiumsberichte und Sammelbände zur Systemtheorie, noch die seit 1956 jährlich erscheinenden Bände "General Systems" der erwähnten Gesellschaft sind auf Deutsch übersetzt worden.

 

Von Ludwig von Bertalanffy gibt es bloss einige kleinere Darstellungen seiner Allgemeinen Systemtheorie in entlegenen Publikationen:

Zu einer allgemeinen Systemlehre. Blätter für Deutsche Philosophie 18, 1945, Heft 3/4;
Auszug in Biologia Generalis 19.1, 1949, 114-129;
Nachdrucke in: General System Theory. New York: Braziller 1968;
Knut Bleicher (Hrsg.): Organisation als System. Wiesbaden: Gabler 1971, 31-45.

Allgemeine Systemtheorie. Wege zu einer neuen Mathesis universalis. Deutsche Universitäts-Zeitung 12.5/6, 1957, 8-12.

Vorläufer und Begründer der Systemtheorie. In: Systemtheorie. Berlin: Colloquium-Verlag 1972, 17-28 [unveränderte 2. Aufl. 1984].

 

Zur Systemtheorie in der modernen Soziologie erschien das erste deutsche Buch 1968 von Karlheinz Messelken.

 

Wenn man die deutschsprachigen Veröffentlichungen als Indiz für das Vordringen angelsächsischer Erkenntnisse auf den Kontinent nimmt, dann kann man auch in den nun näher zu betrachtenden Gebieten die anscheinend unvermeidliche Verspätung von ein bis zwei Jahrzehnten feststellen.

[Die ersten amerikanischen Sammelbände zur Allgemeinen Systemtheorie erschienen 1956: der erste Band des „Yearbook of the Society for General Systems Research“ und ein voluminöser Band von Roy Richard Grinker.]

 

Die erste namhafte deutschsprachige Publikation zur „Systemtheorie“ wurde von Ruprecht Kurzrock 1972 herausgegeben und vereinigte auf 200 Seiten 18 Aufsätze.

 

Publikationen über Systemanalyse und Systemtechnik, Systems Engineering und Systemplanung vermischt mit Systemtheorie

 

Erst seit 1961 verzeichnet der "Cumulative Book Index" System engineering und seit 1963 System analysis als Schlagworte. Für Systemtheorie wird seit 1963 auf System analysis verwiesen (eigenständiges Schlagwort wird sie erst 1971).

 

Die ersten englischen Buchtitel zu Systems Engineering stammen von Harry Herbert Goode und Robert Engel Machol (1957), von Vincent del Toro (1960) und William Walther Seifert und Carl W. Steeg (1960) sowie von Arthur David Hall (1962).

Charles Denhard Flagle et al. bringen in einem dicken Sammelband „Operations Research und Systems Engineering“ (1960) zusammen.

 

In der internationale Zeitschriftenbibliographie taucht der erste englische Aufsatz über Systems Analysis 1967, und tauchen die ersten deutschsprachigen über Systemanalyse 1968, über Systemtechnik und Systemtheorie 1969 auf.

Bisher wurden ganze sechs deutsprachige Arbeiten über Systemtheorie verzeichnet. Hinzu kommt ein zweiseitiger englischer Beitrag über "Logical and Methodological Aspects of General Systems Theory" in den Akten des Internationalen Kongresses für Philosophie, der 1968 in Wien stattgefunden hat.

Unters Eis geraten zu sein scheinen:

Niklas Luhmans Aufsatz in der "Sozialen Welt" (15, 1964, 1-25) über "Funktionale Methode und Systemtheorie",

Erich Kosiol, Norbert Szyperski und Klaus Chmielewicz: Zum Standort der Systemforschung im Rahmen der Wissenschaften. Zeitschrift für betriebswirtschaftliche Forschung N. F. 17, 1965, 337-378 (Nachdruck in Knut Bleicher, Hrsg.: Organisation als System. Wiesbaden: Gabler 1972, 65-97),

Aufsätze von Karl Steinbuch und Friedrich Karl Nolle über Systemanalyse in den IBM-Nachrichten, 1967, ebenso

die Aufsätze von Alfred Büchel und Franz Minder über „Systems Engineering“ in  der Zeitschrift io Industrielle Organisation, 1969, Nr. 9, 373-385, 391-394 .

Karl Steinbuch verfasste auch einen klärenden Beitrag zur Systemanalyse im Tagungsband der Deutschen Gesellschaft für Betriebswirtschaft: „Organisation und wachsender Wettbewerb“ (1967, 79-94).

 

Bei den deutschsprachigen Büchern ist die Situation, wie schon eingangs für die Systemtheorie erwähnt, völlig deplorabel.

 

Titel mit „Systemtechnik“ tauchen seit 1964 in Schriften von technischen Vereinigungen und Hochschulen auf. Seit 1967 gibt es an der Technischen Universität Berlin einen „Brennpunkt Systemtechnik“ [aufgelöst Ende 1979] mit dazugehörigen Aufbauseminaren. Ein erster öffentlich zugänglicher Titel wurde die Dissertation des Geschäftsführers 1967-71 Christof Zangemeister: Nutzwertanalyse in der Systemtechnik“ (1970; [4. Aufl. 1976]).

Am Betriebswissenschaftlichen Institut (BWI) der ETH Zürich bieten Alfred Büchel und Walter Daenzer seit 1971 Kurse in "Systems Engineering" an. 1972 wurde das „Institut für Systemtechnik und Innovationsforschung“ der Fraunhofer-Gesellschaft zur Förderung der angewandten Forschung e. V., Karlsruhe, gegründet.

 

Erst 1970 tauchen C. West Churchmanns "The Systems Approach" (1968) als "Einführung in die Systemanalyse" und Harold Chestnuts "Systems Engineering Methods" (1967) als "Prinzipien der Systemplanung" auf. Chestnuts „Systems Engineering Tools“ von 1965 wurden erst 1973 als „Methoden der System-Entwicklung“ übersetzt.

Anders ausgerichtet ist das „Organisations-Handbuch für die Einführung von ADV-Systemen“ von Eberhard Parisini mit dem Untertitel „Systemplanung, Systemanalyse, Systemeinführung“ (1971; 2. Aufl. 1974).

 

Anzufügen ist ferner, dass der "Deutschen Bibliographie" mindestens fünf Titel entgangen sind:

  • Alistair George James MacFarlane: Analyse technischer Systeme, 1967 (engl.: Engineering Systems Analysis, 1964),
  • Gertrud Wegner: Systemanalyse und Sachmitteleinsatz in der Betriebsorganisation, Diss. Univ. Köln 1967; Buchausgabe 1969,
  • Niklas Luhmann: Zweckbegriff und Systemrationalität", 1968 (1973 Lizenzausgabe bei Suhrkamp),
  • Wolf-Dieter Narr: Theoriebegriffe und Systemtheorie. 1969,
  • Stefan Jensen: Bildungsplanung als Systemtheorie. 1970.

 

Immerhin soll nicht vergessen werden, dass es an der Universität Heidelberg seit 1958 eine "Studiengruppe für Systemforschung" gibt. Deren Leiter, Helmut Krauch, hat sich 1963, 1965 und 1969 zu diesem Thema öffentlich geäussert und 1972 eine Reihe von Aufsätzen von Praktikern und Theoretikern, die 1968-1970 entstanden waren, unter dem Titel "Systemanalyse in Regierung und Verwaltung" herausgegeben. [1977 wurde die „Abteilung für Angewandte Systemanalyse“ (AFAS) gegründet, 1990 ein Büro für Technikfolgenabschätzung (TAB) und 1995 das „Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse“ (ITAS).]

 

Einen ganz andern Ansatz verfolgten Jürgen Habermas und Niklas Luhmann in ihrer ausgiebigen Theorie-Diskussion unter dem Titel: „Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie – Was leistet die Systemforschung?“ (1971) [die bis 1990 10 Auflagen erreichte] – womit wir wieder bei der eingangs beklagten heillosen Begriffsverwirrung angelangt wären.

 



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